Eisenach: Nächstes Ziel ist der Zugfahrplan

Eisenach.  An der Volkshochschule Eisenach lernen Erwachsene das Lesen und Schreiben in der eigenen Muttersprache.

Dozentin Anna-Sophia Keßler gibt den Alphabetisierungskurs an der Eisenacher Volkshochschule.

Dozentin Anna-Sophia Keßler gibt den Alphabetisierungskurs an der Eisenacher Volkshochschule.

Foto: Peter Rossbach

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Olaf ist 49 Jahre alt und schon im dritten Jahr dabei. Und es gibt Erfolge. „Das Lesen geht beim Busfahrplan schon ganz gut. Am Schreiben muss ich noch arbeiten“. Olaf hat nie richtig das Lesen und Schreiben gelernt, das holt er jetzt bei der Volkshochschule (VHS) in Eisenach nach.

Seite mehreren Jahren bietet die Bildungseinrichtung im Hauptgebäude in der Goldschmiedenstraße jede Woche einmal den „Alphabetisierungskurs für Deutsche“ an, der offiziell „Lernzentrum Lesen und Schreiben“ heißt. Jeden Donnerstag zwischen 16 und 18 Uhr (außer in den Semesterferien) ist Dozentin Anna-Sophia Keßler bereit, um ganz individuellen und zudem kostenfreien Unterricht zu geben. „Jeder kann mitmachen und jederzeit auch neu oder wieder einsteigen“. Dass der Bedarf da ist, steht für die 33-Jährige außer Frage. Rund 6.5 Millionen Analphabeten gibt es bundesweit.

Der Kurs ist dabei völlig anders aufgebaut als andere VHS-Kurse. „Es ist eben ein sehr individuelles Lernen, jeder wird an dem Punkt, an dem er beim Lesen und Schreiben steht, abgeholt und begleitet“, verspricht die Dozentin. Sie weiß natürlich, dass es für Erwachsene, wie auch das Beispiel von Olaf zeigt, ein wirklich weiter und langer Weg sein kann, zumal wenn es nur einmal wöchentlich den Unterricht gibt.

Was Kinder in der Grundschule noch recht schnell lernen, dauert bei Erwachsenen eben länger. „Natürlich sollten die Teilnehmer dann auch zu Hause weiter üben, um die Chancen auf den Lernerfolg weiter zu erhöhen“, so Keßler. Manches gelingt in Gruppenarbeit, aber meist ist der Unterricht sehr auf den jeweiligen Teilnehmer zugeschnitten.

Niemand muss sich schämen

Keßler weiß natürlich, dass es für viele Erwachsene schwer ist, sich dazu zu bekennen, dass man nicht oder nicht so gut lesen und schreiben kann. „Aber es muss sich niemand schämen“. Gründe dafür, dass ein Mensch es eben nicht kann, es nicht in seiner Kindheit gelernt hat, kennen Keßler und auch Christiane Leischner, pädagogische Mitarbeiterin an der VHS, viele. „Wir hatten einen Fall, bei dem die Eltern dem Mann in seiner Kindheit das Lesen und Schreiben verboten hatten“, so Leischner. Bei anderen sorgten Krankheiten dafür, dass sie lange Zeit nicht zur Schule gehen konnten und dies dann später nicht mehr aufholen konnten. Wieder andere haben ein anderes Handycap.

Zwischen Mitte 20 und über 60 bewegt sich die Altersspanne der Teilnehmer, berichtet Keßler. Sie ist freischaffende Dozentin, die neben dem seit etwa einem Jahr von ihr betreuten Alphabetisierung-Unterricht auch Integrationskurse, Englisch-Sprachkurse bei der VHS sowie privaten Unterricht und Nachhilfeunterricht gibt. Sie hofft, dass sich das Angebot der kostenfreien Alphabetisierungskurse an der VHS weiter herum spricht und sagt: „Wir haben noch Kapazitäten frei“.

Finanziert wird der Kurs über eine Bundesförderung. Er richtet sich nur an Deutsche. Leischner: „Es ist ja kein eigentlicher Sprachkurs, sondern dient der Grundbildung von Menschen, die in ihrer eigenen Muttersprache nicht in der Schriftform kommunizieren können.“

Und das braucht eben wie bei Olaf auch Ausdauer: „Mein nächstes Ziel ist es, den Zugfahrplan richtig lesen zu können, damit ich nicht immer andere fragen muss.“ Dass er das schafft, da ist er sicher, und sagt: „Ich bin ehrgeizig.“

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