Noch viele Aufgaben, um deutschen Einheit zu vollenden

Gerstungen.  Einstiger Ministerpräsident Bernhard Vogel erntet zur Festveranstaltung "30 Jahre Grenzöffnung" für seine scharfsinnigen Worte stehende Ovationen

Auftritt vom Schulblasorchester zur Festveranstaltung "30 Jahre Grenzöffnung" im Atrium vom Philipp-Melanchthon-Gymnasium“ Gerstungen unter Leitung von Sebastian Deisenroth.

Auftritt vom Schulblasorchester zur Festveranstaltung "30 Jahre Grenzöffnung" im Atrium vom Philipp-Melanchthon-Gymnasium“ Gerstungen unter Leitung von Sebastian Deisenroth.

Foto: Norman Meißner

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„9. November 1989? Ich war stinksauer, aber richtig!“ erinnert sich Thomas Sode aus Neustädt an seinen damaligen Fernseh-Abend. An diesem historischen Abend schaut der damals junge Mann nicht das Programm, als Günter Schabowski einen denkwürdigen Zettel erhält, sondern den Sender, bei dem der FC Bayern vom VfB Stuttgart im DFB-Pokal einen Denkzettel erhält. Nach Stunden erfährt er erst von dem wichtigeren Ereignis des Abends und ärgert sich weiter, da sein Motorrad für eine erste Westfahrt gerade streikt. Der Bayern-Fan betrachtet sich am Mittwochabend aus Anlass der Gedenkveranstaltung „30 Jahre Grenzöffnung“ voller Interesse eine Ausstellung zum Mauerfall der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur im Philipp-Melanchthon-Gymnasium Gerstungen.

„Jeder kann sich genau erinnern, wo er sich an diesem Tag befunden hat – das gibt es in der Geschichte eines Volkes kein zweites Mal“, startet Thüringens ehemaliger Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) in seine Festrede. Er selbst erhielt die Nachricht in Polen.

Bewegende BetrachtungenBernhard Vogels

Der Einladung zur Festveranstaltung in der „Schule der deutschen Einheit“ folgen rund 450 Gäste. Damals sei Deutschland das glücklichste Volk der Erde gewesen, so Vogel, aber „auf den Tag waren wir einfach nicht vorbereitet – niemand hat den Ostdeutschen die Fähigkeit zu einer friedlichen Revolution zugetraut.“ Ohne einen Tropfen Blut zu vergießen und ohne einen gefallenen Schuss purzelt die Mauer.

„Nur mit Kerzen in der Hand, mit Gebeten auf den Lippen und mit Sorgen in den Köpfen hat das Wunder geklappt“, betont Thüringens einstiger Landeschef. Damals klappte die Wiedervereinigung dank der Weitsicht des Staatspräsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, sowie seines amerikanischen Amtskollegen George Bush. „Stellen sie sich vor, die heutigen Präsidenten müssten über die deutsche Einheit befinden“, wirft Bernhard Vogel in den Raum.

Bereits wenige Monate später verliert Gorbi, der Schöpfer von Glasnost und Perestroika, durch einen Putsch sein Amt. Zu Beginn des Jahres 1992 ereilt Bernhard Vogel ein Hilferuf aus Thüringen. „Wenn man 60 Jahre auf der Sonnenseite des Lebens gelebt hat, muss man auch bereit sein, Hilfe zu leisten“, betont Vogel, der nicht gedacht hätte, dass man ihn am 5. Februar 1992 wählt. Er kam spontan, ohne Zahnbürste, nach Thüringen und blieb 11,5 Jahre.

Dabei spricht der Festredner von „meinem größten Abenteuer meines Lebens“, da der Umbau von sozialistischer Planwirtschaft zu sozialer Marktwirtschaft sich auch in Thüringen als ein äußerst schwieriges Unterfangen herausstellte. Ein Umbau sei immer schwieriger als ein Neubau, wie er im Westteil nach dem Krieg als „Wirtschaftswunder“ wachsen konnte.

Zum dem habe im Osten von 1933 bis 1989 keiner in Freiheit leben können. Für Vogel sei die Einheit noch lange nicht vollzogen: „Es bleibt noch eine ganze Menge zu tun!“ Angesicht der mangelnden Übernachtungsmöglichkeiten in Gerstungen führt er nur einen Punkt an: Man müsse einander mehr zuhören. Musikalisch schmückten die Pianistin Sophia Singer, das Schulblasorchester sowie Monika Ruhl, Fanny Walger und Jannik Arnold mit einer szenischen Lesung aus Wolfgang Hilbigs Roman „Das Provisorium“ die Festveranstaltung aus.

Die Lesung verdeutlicht, welche Qualen Zugreisende am Grenzbahnhof Gerstungen durchstanden. Schulleiter Gerald Taubert schickt einen großen Dank an den Geschichtsverein Obersuhl für die Dokumentation zur Grenzöffnung im Raum Gerstungen/ Obersuhl. „Die Ausstellung werden alle Klassen in den nächsten Tagen im Dorfgemeinschaftshaus Obersuhl besuchen“, sagt Gerald Taubert.

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