Qual und Pein im Sumpf der Depressionen

Eisenach.  Die gebürtige Eisenacherin Katharina Lindner veröffentlicht mit ihrem fünften Buch „Die meisten Likes“ einen spannenden Thriller.

Die Autorin Katharina Lindner.

Die Autorin Katharina Lindner.

Foto: Katharina Lindner

Ihre Finger rasen meist geschwind, dennoch leidenschaftlich über die Tastatur. Nachdem Katharina Lindner erst vor wenigen Monaten in ihrem Roman „Fredi“ verbürgte Geschehnisse der Eisenacher Stadtgeschichte veröffentlicht, wagt sich die gebürtige Wartburgstädterin mit beeindruckender Schreibfreude erneut auf ein anderes erzählerisches Terrain. Nach einer Liebesgeschichte, einem Entspannungsratgeber und einer beeindruckenden Zeitreise des Kuscheltiers „Fredi“ zu namhaften Persönlichkeiten aus sieben Jahrhunderten der Eisenacher Stadthistorie überrascht die Oberschullehrerin, die heute in Oldenburg lebt, in ihrem inzwischen fünften Buch ihre Fangemeinde mit einer gänzlich fiktiven Geschichte – erzählt einen von fesselnder Spannung kaum zu überbietenden Thriller.

All ihre Hoffnungen knüpfen sechs psychisch angeschlagene Patienten an eine neue, vielversprechende Therapiemethode im Gebäude einer verlassenen Schule in der Pampa, um dem Sumpf der Depressionen entrinnen zu können. Statt Heilung wartet auf die Leidenden verschiedener Generationen elendige Qual und Pein in extrem arglistiger Form. „Jede ihrer Handlungen wird unwissentlich per Live-Video auf eine Internetseite übertragen“, erklärt Katharina Lindner zum Inhalt ihres neuesten Romans „Die meisten Likes“. Die voyeuristischen Nutzer diese Seite krönen sich als „Mediziner“ und befinden darüber, an welchem Geschöpf welche Therapie praktiziert werden soll: Versöhnung oder Streit? Heilung oder Krise? „Schnell verliert das Experiment alle moralischen Grenzen und bald geht es nicht mehr nur um kleine Entscheidungen, sondern um die Frage, ob Menschen zu Forschungszwecken an Körper und Seele verletzt werden dürfen“, erklärt die Autorin, die jede freie Minute für die Arbeit am Buch investiert.

Eine Studentin der Psychologie kommt den Initiatoren des perfiden Experiments auf die Schliche, doch gelingt ihr die herannahende Tragödie noch abzuwenden? Die handelnden Figuren beschreibt die schriftstellernde Soziologin anhand der differenzierten Krankheitsbilder trefflich, recherchiert dazu im Vorfeld noch sorgfältiger als für ihre bisherigen Romane. „Es muss auch in medizinischer Hinsicht Hand und Fuß haben, um glaubwürdig zu sein“, will die Germanistin nicht nur logische Fehler vermeiden, sondern auch die Spannung subtil von Seite zu Seite weiter befeuern.

Kritische Fragen zum Sensationsdurst, zum Datenschutz

Trotz des hohen Unterhaltungswertes ihres 372 Seiten umfassenden Thrillers beleuchtet Katharina Lindner die Frage, wie weit Zeitgenossen mitunter gehen, um ihren Sensationsdurst zu stillen? Dies zeige sich heute im Besonderen bei Unfallfotos, mit denen schneller Nutzer sozialer Netzwerke versorgt werden als die Opfer in medizinischen Händen. „Mein Buch stellt Erfahrungen wie diese zur Diskussion und steigert sie ins Maßlose, weil meine ,Zuschauer‘ im Buch nicht nur passiv gaffen, sondern das Geschehen aktiv beeinflussen und damit unschuldigen Menschen die Hölle bescheren“, spricht Katharina Lindner über ihre Beweggründe zum Schreiben dieses Trillers.

Sie thematisiert Datenschutz, Datenmissbrauch – übt versteckt Kritik an sozialen Netzwerken, die das Leben mancher Nutzer gänzlich vereinnahmen. Das Virtuelle wird manchem zur Realität. „Das verändert unsere Wahrnehmung und will aufgearbeitet werden, denn es ist ein Stück unserer kulturellen Identität und berührt auch moralische und menschliche Aspekte“, sagt die Autorin. Sie beleuchte auch die Frage, ob und wann Grenzen zwischen psychisch gesund und psychisch krank verschwimmen. „Ich habe versucht, ein bisschen mit den üblichen Definitionen zu spielen und auch ein Stück weit zu provozieren.“

Der zündende Funke zum Niederschreiben des Buchs ergab sich für Katharina Lindner durch ihre Beschäftigung mit Fragen zur Burnout-Vorbeugung. „Meine Protagonisten sollen und wollen ja eigentlich gesund werden in ihrer selbstgewählten Isolation. Aber was, wenn jemand, der die Möglichkeiten dazu hat, diesen Wunsch ins Absurde verkehrt?“

Katharina Lindner verlässt für das Studium der Germanistik und der Soziologie 2003 Eisenach. Ihren Großvater kennen Generationen von Wartburgstädtern als „den Kulenkampff von Eisenach“. Vielen Kindern der Stadt lässt der begabte Entertainer im Glauben, dass der Weihnachtsmann im Advent stets in der Wartburgstadt wohnt. 1953 tritt Hans-Joachim Hoffmann, der 2016 im Alter von 89 Jahren stirbt, erstmals als Weihnachtsmann der DDR-Handelsorganisation Eisenach HO auf.

Katharina Lindner, Die meisten Likes, 12,99 Euro, ISBN: 978-3-740765-26-2, Seiten: 372