Regentage fielen in der Kindheit aus

Eisenach.  Die Zauberinnen-Kolumne: Carolinde Müller-Wolf aus Eisenach erinnert sich an gute Zeiten und überlegt, ob es denn genauso war damals in diesem Augenblick.

Wie wichtig sind Freundschaften? Darüber schreibt Carolinde Müller-Wolf. 

Wie wichtig sind Freundschaften? Darüber schreibt Carolinde Müller-Wolf. 

Foto: Carolinde Müller-Wolf

Weißt du noch…? Das sind doch die beliebtesten Worte, die man mit alten Bekannten oder Familienmitgliedern in schönen Stunden bespricht und stundenlang darüber lachen kann.

So ein Gespräch hatte ich erst letztens, meine Freundin und ich saßen zusammen und erzählten von den guten alten Zeiten – weißt du noch? Auch diesen Moment, als wir zusammen lachten, werden wir wohl auch bald so nennen. Man erinnert sich ständig, aber trotzdem vergisst man doch so viel. Wie heißt der neue Kollege, wo habe ich meinen Schlüssel hingelegt?

Bedeutet es, dass nur Höhepunkte gespeichert werden und Dinge, die man zum ersten Mal erlebt hat? Hirnforscher und Psychologen sagen, dass wir Alltägliches schnell vergessen, weil es unser Gehirn unter „nichts Besonderes“ ablegt. Wie sieht beispielsweise ein 1-Cent-Stück aus? Doch selbst, wenn wir uns erinnern, können wir unserem Gehirn nicht immer trauen. Das menschliche Gedächtnis färbt Erinnerungen mit den aktuellen Gefühlen und dem jetzigen Wissen – sie werden so den aktuellen Bedürfnissen angepasst.

Obwohl wir, dank unseres Gedächtnisses, meist nur gute Dinge behalten, kann sich die Erinnerung verfärben und das kann ein Grund sein, falsche Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Wenn ich an meine Kindheit denke, kann ich mich an keinen langweiligen oder regnerischen Tag erinnern, aber wir wissen doch nur zu gut, dass das nicht stimmen kann. Meine Sommerferien fühlten sich ewig an, obwohl es ja nur sechs Wochen waren. Wir erinnern uns an Höhepunkte und daran, wie etwas geendet hat. Also nehmen wir an, wir sitzen bei einem Tee am Kamin und lauschen einem Sinfoniekonzert, was aber mit einem schlimmen Quietschen endet, das ruiniert den ganzen Moment. Aber wir erinnern uns an den letzten Sound, wie es geendet hat. Was wir davor erlebten, rückt in den Hintergrund.

Entscheidend ist, wie wir im Rückblick darüber denken. Wir treffen aus diesem Grund Entscheidungen aus einer verzerrten Erinnerung. Und da stellt sich mir die Frage: Gibt es einen Unterschied zwischen glücklichen Erlebnissen und glücklichen Erinnerungen? Wir wollen ständig an schöne Dinge erinnert werden und genau das ist doch wunderbar, es ist wie ein Glückskonto, einfach schöne Erinnerungen einzahlen und jeder Zeit abheben, wenn man es mal braucht.

Und wie wunderbar ist es doch, dass wir die Fähigkeit haben, mit den Gedanken durch die Zeit zu reisen. Weißt du noch? Das werde ich sicher demnächst wieder meine Freundin fragen.

Carolinde Müller-Wolf aus Eisenach sowie Stefanie und Susanne Krauß schreiben eine wöchentliche Zeitungskolumne, angelehnt an ihren Internet-Blog „Die Zauberer von Ost“.