Schnitzen, schrauben, schminken: Ausbildungen in Bad Salzungen

Bad Salzungen.  Das Staatliche Berufsschulzentrum und die Medizinische Fachschule in Bad Salzungen zeigen ihre Ausbildungsmöglichkeiten. Mancher Besucher staunte über die zahlreichen Perlen des Lehrprogramms.

Die angehende Holzbildhauerin Jitka (22) beschreibt die Schnitzschule Empfertshausen als ihren Lieblingsplatz auf der Erde. Derweil sie eine Holz-Skulptur ihres Hundes Duke schnitzt, schauen ihr viele interessierte Gäste über die Schulter.

Die angehende Holzbildhauerin Jitka (22) beschreibt die Schnitzschule Empfertshausen als ihren Lieblingsplatz auf der Erde. Derweil sie eine Holz-Skulptur ihres Hundes Duke schnitzt, schauen ihr viele interessierte Gäste über die Schulter.

Foto: Stefanie Krauß

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Hereinspaziert! Sperrangelweit geöffnete Türen lockten am Samstag viele Besucher ins Staatliche Berufsbildungszentrum (SBBZ) und die Medizinische Fachschule Bad Salzungen. „Möglich bei uns ist die Ausbildung in Vollzeit, aber auch in dualer Form, das heißt die Theorie lehren wir, für die Praxis ist der Betrieb zuständig“, erklärt Schulleiter Andreas Schwanz.

Doch wie an den allermeisten Berufsschulen sind auch hier die Schülerzahlen gesunken. 950 Azubis in 22 Lehrberufen nennt Schwanz „mittelprächtig“. Es scheint sich einfach noch nicht herumgesprochen zu haben, dass schon das erste Lehrjahr gut bis sehr ist bezahlt wird, für den Auszubildenden keinerlei Kosten anfallen und der spätere Berufseinstieg problemlos vonstatten geht, selbst für diejenigen, die ihre angestammte Heimat nicht verlassen wollen.

Mit Werbekampagnen hofft der Schulleiter Interesse zu wecken und die Schieflage geradezurücken, insbesondere im Handwerk, das erfrischenden Aufwind ganz besonders nötig hat. Als Perle des Lehrprogramms bezeichnet Andreas Schwanz die Ausbildung zum Holzbildhauer, renommierte Außenstelle des SBBZ ist für ihn die Schnitzschule Empfertshausen, die bereits 1878 gegründet wurde und namhafte Künstler hervorgebracht hat. So etwa den 1903 im benachbarten Neidhardtshausen geborenen und Anfang der 1950er-Jahre in Empfertshausen lehrenden Wilhelm Löber, einen der vielseitigsten Bauhaus-Schüler. Zwischen Künstler und Handwerker sah er keinen Wesensunterschied, im Gegenteil betrachtete Löber Kunst als Steigerung des Handwerks.

Fred Rottenbach, Leiter der Schnitzschule, gerät ins Schwärmen, als er über die handwerklichen Fertigkeiten spricht, die in Empfertshausen erlernt und perfektioniert werden, über die Kreativität und das plastische Denkvermögen. „Räumliche Vorstellung kennzeichnet nicht nur das Geschick des Bildhauers, sondern ist in vielen anderen Bereichen ebenso unverzichtbar. Aus manchen unserer Absolventen wurden Chirurgen und Ergotherapeuten, und die profitierten sehr davon. Zum Lehrinhalt zählt ja auch Anatomie.“

Schüler kommen aus der gesamten Republik

Mit 43 Schülerinnen und Schülern ist die Schnitzschule klein, doch kommen die Schüler aus der gesamten Republik, um in der Rhön die einzige Bundesfachklasse Deutschlands zu besuchen, die dieses Handwerk als dualen Ausbildungsberuf pflegt. Die 22-jährige Jitka schnitzt gerade am Abbild ihres Hundes Duke. „Mein Großvater war bereits Holzschnitzer, und ich wollte das auch, habe aber erst zwei andere Lehren begonnen, weil ich etwas Solides machen sollte. Heute bin ich so froh über meinen Entschluss! Empfertshausen und die Schule sind mein Lieblingsplatz auf der Welt geworden.“ Ort, Aufgabe und Schulklima seien so hervorragend, sagt Jitka, dass sie nach der Ausbildung ihren Meister machen und als Lehrerin an der Schule bleiben will. Derweil gewinnt Duke an Kontur und sieht dem echten Puggle, einer Kreuzung aus Mops und Beagle, bald täuschend ähnlich.

Bevor das Lindenholz bearbeitet wird, entsteht zunächst eine Zeichnung und dann ein Ton-Modell, dessen Abdruck als Vorlage dient. Heute, am Tag der offenen Tür, versuchen sich auch die jungen Gäste am Schnitzen. Begeistert werkelt die 18-jährige Franziska an einem Holzrelief. Ob diese Ausbildung die richtige sein wird, überlegt sie sich noch. Fest steht ein anschließendes Studium, worüber sich der mitgekommene Papa freut.

Längst keine Männersache mehr sind Kfz-Mechatronik oder Werkzeugmechanik, obwohl „Jungs und Autos nach wie vor eine gute Kombi“ darstellen. Jedoch weiß der Ausbildungsleiter, dass in diesen Berufen auch Mädchen oft viel Talent und Engagement beweisen. Nachwuchssorgen gibt es hier allerdings kaum; vielmehr sind die Klassen voll, die Nachfrage konstant hoch und die Absolventen gern gesehene Bewerber.

In modernen Fachkabinetten schrauben Azubis professionell an Autos und überführen Theorie in Praxis - da schaut man gern zu.

Ausgebildet wird im Berufsschulzentrum auch in sozialen Berufen. Patrice Jolie (17) widmet sich der Kinderpflege, um später Heilerzieherin zu werden und Kinder mit Handicap zu betreuen. „Nach einem Praktikum war mein Wunsch geboren, und diese Entscheidung goldrichtig“, bekennt sie selbstbewusst. Ihre Fachbereichsleiterin beschreibt die Einstiegschancen ins Berufsleben als sehr breit, der Bedarf sei hoch.

Was man wie und wo werden kann? Der Gang durchs Berufsbildungszentrum lieferte zumindest Anregungen, half möglicherweise Ambitionen hervor zu kitzeln, und im besten Fall vermochte er vielleicht schon den konkreten Weg festzulegen. Wer am Samstag die „offene Tür“ hinter sich geschlossen hat, war jedoch ganz sicher ein bisschen klüger als zuvor.

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