Schöne neue Welt

Die Zauberinnen: Carolinde Müller-Wolf malt sich aus, wie ein digital assistierter Tag einer Frau in Eisenach im Jahr 2030 aussehen könnte.

Carolinde Müller-Wolf aus Eisenach ist ein von drei Autorinnen, die wöchentlich für unsere Zeitung die lokale Kolumne „Die Zauberinnen“ schreiben.

Carolinde Müller-Wolf aus Eisenach ist ein von drei Autorinnen, die wöchentlich für unsere Zeitung die lokale Kolumne „Die Zauberinnen“ schreiben.

Foto: Thomas Wolf

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Digitale Medien gehören längst zu unserem Alltag. Doch wie wird es 2030 aussehen? Ich habe mir dazu Gedanken gemacht und hoffe, dass es nicht so sein wird.

„Guten Morgen, es ist 6.45 Uhr und es sind sechs Grad Außentemperatur. Ich habe dir deine Lieblingsmusik zusammengestellt, die läuft jetzt. Bis dein Sammeltaxi vor der Tür steht, hast du noch 45 Minuten“, klingt es aus meinem neuen Radio.

Ich springe aus dem Bett, digitale Welt oder nicht, müde bin ich trotzdem.

Aber um den Kaffee muss ich mich nicht kümmern, denn der ist dank Digitalisierung schon fertig und genau so, wie ich ihn mag. Die Rollläden sind auch schon hochgefahren, nur duschen muss ich alleine. Trotzdem spare ich Unmengen von Zeit, denn um die Auswahl meines heutigen Outfits muss ich mich nicht mehr kümmern. Dank diesem neuen Sharing-Programm werden je nach Wetterlage und Geschmack frische Klamotten geliefert und abgeholt.

Somit spare auch viel Platz in meiner perfekt klimatisierten Wohnung. Meine Uhr klingelt und erinnert mich daran, was im Kühlschrank fehlt, und ich muss nur noch auf Okay drücken, sodass die Bestellung in der nächsten Kaufhalle ausgeführt und die Ware mir heute Abend angeliefert wird. Auch um das Bezahlen der ganzen Dinge muss ich mir keine Gedanken machen, es wird alles automatisch von meinem Konto abgebucht. Wie einfach doch alles ist.

An der Arbeit läuft es ähnlich, kaum Kontakt zu meinen Kollegen, denn wir sind so durchgeplant und getaktet, dass wir kaum noch Zeit haben, um uns um unsere Mitmenschen zu kümmern.

Meine Uhr zeigt mir eine halbe Stunde vor der Mittagspause an, welche Vitamine ich zu mir nehmen muss und den dazu passenden Essensplan der Kantine. Nicht zu vergessen die regelmäßige Erinnerung an mein Trinkverhalten.

Während der Mittagspause vibriert wieder meine Uhr, um mir meinen potenziellen und eventuell neuen Partner vorzustellen. Dieser wird anhand meines digitalen Profils, meines Standortes und meiner Hobbys sowie anderer Gemeinsamkeiten abcheckt. Zugleich wird überprüft, ob er oder sie einen freien Platz im digitalen Kalender hat, das wird mir kurze Zeit später angezeigt.

Es ist Normalität, keiner stellt diese Dinge infrage. Ob ich mich überwacht und fremdgesteuert fühle, sei dahin gestellt.

Wieder vibriert mein tolles Handy, und ich bekomme einen Restaurantvorschlag, denn „er“ hat Zeit und zugesagt. Das Essen ist gut, aber nun werde ich daran erinnert, dass es Zeit ist, ins Bett zu gehen.

Trotzdem war es ein wundervoller Abend, bis ich feststelle, dass mein Date mir einen von fünf möglichen Punkten gegeben hat.

Ich weiß nicht, wie abwegig das klingt oder wie weit wir schon mitten in dieser Welt stecken. Wie wollen wir leben und wo geht diese Reise hin?

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