Wartburgkreis: Zeiten für die Hüter lokaler Geschichte haben sich verändert

Jensen Zlotowicz
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Im Landratsamt empfingen Landrat Reinhard Krebs und Sandra Blume Ortschronisten aus dem Kreis zu einer Tagung.

Im Landratsamt empfingen Landrat Reinhard Krebs und Sandra Blume Ortschronisten aus dem Kreis zu einer Tagung.

Foto: Jensen Zlotowicz

Wartburgkreis.  Mehr als 40 Ortschronisten und Heimatforscher aus dem Wartburgkreis fanden nach mehrjähriger Pause wieder zusammen.

Ortschronisten und Heimatforscher im Blick, und noch mehr die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit im ländlichen Raum, spricht Juliane Stückrad von der Volkskundlichen Beratungsstelle Thüringen Klartext. „Die Zeiten haben sich geändert“. Dörfer sind oft reine Schlaforte geworden, die innerörtlichen Beziehungen sind nicht mehr so intensiv wie vor 40 oder 50 Jahren. Ortschronisten haben es ergo schwerer an Informationen und Dokumente zu kommen.

Generationskonflikte seien ein weiteres Hemmnis, Motivation und Erfolge für die Außenwirkung wichtig für die Arbeit. Häufig rückten Privatleute für die Bewahrung der Ortsgeschichte Dokumente nicht raus oder sie gingen im Zuge von Haushaltsauflösungen durch Nichtbeachtung verloren, lauten Erfahrungen von Ortschronisten. Eine Frage lautet, wie man Menschen für die Archivierung von lokaler Geschichte motivieren und die Kommunikation verbesser kann.

Auch in Gemeinden und Verwaltungen selbst wurde in vergangenen Jahrzehnten fahrlässig mit historischen Dokumenten, Schätzen an Informationen, umgegangen. Manches soll sogar verbrannt worden sein.

44 Männer und Frauen folgen Einladung des Landrates

Diese nüchternen Analysen waren Inhalt eines Treffens von Ortschronisten und Heimatforschern auf Einladung von Landrat Reinhard Krens (CDU) ins Landratsamt. 44 Männer und Frauen, vornehmlich aus dem Süd- und Westkreis waren der Einladung gefolgt. Es war das erste Treffen nach einer mehrjährigen Pause, die der Pandemie aber auch der Vakanz der Stelle des Kreisheimatpflegers des Wartburgkreises seit 2019 geschuldet war.

Für den in den Ruhestand verabschiedeten Kreisheimatpfleger Rudolf Funk sucht die Kreisverwaltung händeringend einen Nachfolger. Das Ehrenamt ist offiziell ausgeschrieben. Christina Reißig (Schönau), die den Staffelstab ursprünglich übernehmen wollte, musste aus gesundheitlichen Gründen passen.

Die Ortschronisten und Heimatpfleger wünschen sich mehr Unterstützung ihrer Heimatgemeinden und vermissten teilweise die Wertschätzung ihrer Arbeit. Dieses Urteil aber ist nicht repräsentativ. In vielen Orten finden die Akteure Hilfe der Kommune. In Gerstungen hat Ortschronist Bert Heilemann gar einen Mini-Job samt Büro in der Verwaltung. Ein großes Thema bei den Heimatpflegern ist die Digitalisierung von Dokumenten, die unabdingbar für die Arbeit mit Informationen und Forschung ist. In dieser Sache sind die Fortschritte in den Orten höchst unterschiedlich.

Für die fachliche Beratung und Fortbildung der Ortschronisten verwies Juliane Stückrad beim Treffen in Bad Salzungen auf den Thüringer Heimatbund. Die volkskundliche Beratungsstelle könne das mit ihren zwei Mitarbeiterinnen und breitem Aufgabenfeld diese Aufgabe nicht leisten. Steven Gebhardt aus Tiefenort, der mit 35 Jahren wohl jüngste Ortschronist des Kreises, weiß um die Probleme.

Tiefenort ist ein positives Paradebeispiel

Tiefenort aber ist mit großem Fundus im Heimatarchiv im Rathaus und einer Arbeitsgemeinschaft mit etwa 20 Leuten an Gebhardts Seite ein positives Paradebeispiel. Jung und Alt müssten vernetzt werden, sagt Gebhardt, der noch auf zahlreichen anderen Hochzeiten tanzt. Bei der Digitalisierung ist ein Problem offenkundig. Die Menschen mit Zeit für diese aufwändige Arbeit, meist ältere Semester, verstehen die Technik nicht, jüngere Leute mit Technikaffinität haben keine Zeit.

Die vielfach bestehenden Heimatstuben als museale Orte zu betrachten, hält Juliane Stückrad von der volkskundlichen Beratungsstelle für den falschen Weg. Vielmehr müssten solche Orte mit Leben erfüllt und zu multifunktionalen Begegnungsorten werden. „Wir leben in einer Zeit der Transformation“, betont die Ethnologin.

Als Gastdozent hatten die Organisatoren Martin Müller von der Servicestelle Bürgerschaftliches Engagement im Kulturbereich Heimatforschernetz vom Landesheimatbund Sachsen-Anhalt gewinnen können. Sein Impulsreferat zum Thema: „Quo vadis Heimatforschung – Ortschronisten im 21. Jahrhundert“ führte in eine rege Diskussionsrunde.

Das Kreisarchiv des Landratsamtes sei kein Archiv heimathistorischer Akten als eine Ablage von Vertragsdokumenten des täglichen Verwaltungsgeschäftes, sagte Landrat Krebs auf Anfrage zur Zukunft des Kreisarchives. Der Weg in die Staatsarchive nach Weimar oder Meiningen ist für viele Ortschronisten (zu) weit. Gerstungens Ortschronist Ingo Heilemann behilft sich für Personen- Recherchen unter anderem mit der Digitalseite Archion. Die Nutzung des Portals ist kostenpflichtig.