Südlink-Kritiker Ißleib: „Wir brauchen eine bürgernahe Energiewende“

„Thüringer gegen Südlink“ gehört zum bundesweiten Netzwerk gegen neue Stromtrassen. Vorsitzender Heiko Ißleib aus Marksuhl: „Das ist ein Erfolg.“

Heiko Ißleib (vorn mit Mikrofon) aus Marksuhl ist Vorsitzender der Bürgerinitiative „Thüringer gegen Südlink“.

Heiko Ißleib (vorn mit Mikrofon) aus Marksuhl ist Vorsitzender der Bürgerinitiative „Thüringer gegen Südlink“.

Foto: Norman Meißner

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Herr Ißleib, Sie waren kürzlich in Berlin, um mit Vertretern anderer Bürgerinitiativen eine Studie zum aus Ihrer Sicht überdimensionierten Netzausbau vorzustellen. Was war so besonders an dem Termin?

Es war das erste Mal in der Geschichte der Bürgerinitiativen und des Kampfes gegen Südlink und weitere Stromtrassen, dass wir uns deutschlandweit zusammengetan haben.

Wir haben deutlich gemacht, dass wir nicht gegen eine Energiewende sind, sondern für eine sinnvolle und bürgernahe Energiewende. Deshalb hat unser Initiativkreis Netzentwicklungsplan 2030 die Studie in Auftrag gegeben. Mit dabei sind die Nürnberger Energiewerke, die bereits auf dem Trip einer dezentralen Stromerzeugung und Stromversorgung sind.

Was sind die Ergebnisse der Studie?

Professor Lorenz Jarass hat herausgearbeitet, dass es beim Netzausbau nicht darum geht, sauberen Strom aus Windenergie vom Norden in den Süden zu transportieren, sondern Stromüberschüsse in Spitzenzeiten international zu handeln. In Polen werden gerade Kohlekraftwerke gebaut und in Frankreich sind nach wie vor Atomkraftwerke in Betrieb. Auch dieser Strom wird eingespeist, ebenso wie Wasserstrom aus Dänemark.

Außerdem hat Professor Jarass einen methodischen Fehler im aktuellen Netzentwicklungsplan der Bundesregierung nachgewiesen. Die Kosten für den Netzausbau von 95 Milliarden Euro sind nicht berücksichtigt. Das macht unserer Meinung nach die gesamte Bedarfsanalyse fragwürdig, führt letztlich zu einem überhöhten Netzausbau mit der Folge, dass die Strompreise deutlich steigen werden.

Welche Alternativen gibt es Ihrer Meinung nach?

Unser Vorschlag ist eine dezentrale Stromerzeugung und Stromversorgung. Sie ist deutlich kostengünstiger. Wir gehen von zehn anstelle 95 Milliarden Euro aus. Das eingesparte Geld kann man gut für eine bessere Kinderbetreuung in Deutschland oder gegen die Bekämpfung der Altersarmut verwenden.

Aber was soll mit dem in den Windparks in der Nordsee erzeugten Überangebot an Strom stattdessen passieren?

Unser Vorschlag ist, damit Wasserstoff zu produzieren. Selbst Stromnetzbetreiber Tennet hat Planungen für die Windparks in dieser Richtung. Der Wasserstoff kann über das bestehende Gasnetz oder in Tanklastwagen transportiert werden. Dafür gibt es Speichermöglichkeiten.

Wie können so genannte „Dunkelflauten“ abgefedert werden, wenn die Stromerzeugung aus Sonne oder Wind nicht ausreicht?

Durch Gaskraftwerke. Aber auch dort passiert Unverständliches. Neulich hat mich eine Frau aus Schlotheim angerufen, wo ein Gasspeicher steht, der in der Lage wäre, den Bedarf von ganz Deutschland während einer Dunkelflaute zu decken. Dieser wird außer Betrieb genommen.

Warum finden Ihre Vorschläge kein Gehör?

Weil mit dem Netzausbau Geld verdient wird. Die Renditen sind garantiert. Aber inzwischen findet Tennet kaum noch Anleger, weshalb die Bundesregierung überlegt zu investieren. Für mich ist es sehr fragwürdig, wenn dafür Steuergelder verwendet werden.

Die Erdtrasse Südlink wird möglicherweise durch den Wartburgkreis gebaut. Wie ist der Stand?

Mitte des Jahres will die Bundesnetzagentur bekannt geben, ob die Trasse durch den so genannten Vorzugskorridor verläuft. Sobald es zum Planfeststellungsverfahren kommt, werden wir klagen. Gegen den Südostlink laufen bereits Klagen.

Interessant wird auch, welche Position eine neue Landesregierung in Thüringen vertritt. Bisher war der Standpunkt, dass die Trasse nicht durch Thüringen, sondern woanders verlaufen soll. Wir sind der Meinung, dass sie gar nicht notwendig ist.

Wer könnte für eine dezentrale Stromerzeugung sorgen?

Das kann jeder Hauseigentümer, wenn er beispielsweise Strom mittels Photovoltaik erzeugt. Der Überschussstrom aus diesen Anlagen ist übrigens auch nicht im Netzentwicklungsplan berücksichtigt.

Es gibt bereits Bürger-Energiegenossenschaften, die Windkraftanlagen gemeinsam betreiben. Wenn die Wertschöpfung in der Region bleibt, kann man auch besser erklären, warum neue Windräder gebraucht werden. Im Gegensatz zu Investoren, wo das Geld ins Ausland fließt und die Bürger vor Ort nur den Nachteil haben.

Für die Eisenacher Stadtwerke würden sich Geschäftsfelder ergeben. Gemeinden und Städte sollten sich selber mit Strom versorgen und sozusagen von unten nach oben ins Netz einspeisen. Bisher läuft dieser Prozess umgekehrt.

Wie wird der Verein „Thüringer gegen Südlink“ vor Ort aktiv?

Wir bereiten eine Veranstaltung für kleine Handwerksbetriebe vor, um darüber zu informieren, wie sich der Strompreis in Zukunft entwickelt.

Eine Protestveranstaltung „Laut gegen Südlink“ ist am 21. Juni auf der Freiluftbühne in Fambach im Landkreis Schmalkalden-Meiningen geplant. Alle Bürgerinitiativen deutschlandweit beteiligen sich an dem Tag mit Aktionen, überall sollen Mahnfeuer brennen.

Warum haben Sie sich an die Spitze der Bürgerinitiative gestellt?

Wenn es geht, möchte ich meinen Enkeln eine vernünftige und saubere Zukunft hinterlassen.

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