Abschied

Ein Stück Jenaer Händlertradition stirbt

Jena.  Drei Jenaer Geschäftsfrauen geben ihre Läden im Jenaer Stadtzentrum auf. Das Alter spielt eine Rolle – aber nicht nur.

Sabine Tauscher, neben ihr im Bild Ehemann Bernhard, schließt im Februar oder März 2020 ihr Hutgeschäft am Engelplatz.

Sabine Tauscher, neben ihr im Bild Ehemann Bernhard, schließt im Februar oder März 2020 ihr Hutgeschäft am Engelplatz.

Foto: Thomas Stridde

Den Hut nehmen. – Bei Sabine Tauscher hat solch Doppelsinn besonderen melancholischen Beiklang. Die 66-Jährige gehört mit ihrem Fachgeschäft für Hüte, Mützen, Schals zu den Jenaer Einzelhändlern, die in naher Zukunft ihre Unternehmung aufgeben. Die studierte Maschinenbau-Ingenieurin und ehemalige stellvertretende Hotel-Direktorin schließt im Februar oder März nächsten Jahres letztmals die Ladentür am Engelplatz hinter sich. Dieser Plan sei relativ jung, berichtet Sabine Tauscher. Den Anstoß hätten nicht zuletzt einige gesundheitliche Sorgen gegeben, sagt sie, die im Juni 1990 die Gewerbeerlaubnis für die Übernahme eines Hut-Ladens am Steinweg erhielt und das Geschäft seit dem Jahr 2000 am Engelplatz weiterführte. „Zeit ist das wertvollste Gut“, sagt Sabine Tauscher. Davon wolle sie mehr für sich haben. Natürlich spüre sie die Internet-Konkurrenz. Und von wegen, Internet und stationärer Handel müssten künftig einander ergänzen: Nach Sabine Tauschers Schätzung müsste sie dann eine Extra-Arbeitskraft nur für die Internet-Betreuung anstellen. Das sei kaum zu schultern. Auch hadert sie ein wenig mit den milden Winter-Monaten der letzten Jahre, was das Geschäft nicht eben befeuert. Gleichwohl sagt Sabine Tauscher mit Stolz, dass sie ihr Hutgeschäft immer als „richtungsweisend am Ort“ justiert und sich um besondere Angebote bemüht habe, die über die allgemeine Kaufhaus-Palette hinausreichen. Vom Hut-Weiten bis zum Engermachen – allzeit habe sie zudem Dienstleistungen angeboten. Leider vergeblich seien die Versuche gewesen, eine Nachfolge zu finden. Mit einem Sonderverkauf im Februar oder März setzt Sabine Tauscher den Schlusspunkt.

„Das war mein Leben“, so sagt Ursula Müller über ihr Geschäft „Müller Moden“, das sie am Jahresende aufgibt. 25 Jahre Einzelhandel liegen dann hinter ihr – zuerst im Drackendorf-Center und seit 2004 am Holzmarkt. In erster Linie schließe sie, weil sie mit 69 „auch mal den Ruhestand genießen“ und mehr als nur eine Woche am Stück Urlaub nehmen wolle, sagt die studierte Ökonomin, die früher in ganz anderer Branche als Konsum-Verkaufsstellenleiterin tätig war. Gewiss, im Internet habe sie bei eigenen Angeboten im „mittleren Preissegment“ gegen „sehr viel Konkurrenz“ zu ringen. Und mögen ihre vielen Stammkunden auch der Altersgruppe „30 bis unendlich“ angehören, so sei doch klar: Kämen sie ins Rentenalter, benötigten sie zunehmend weniger. Ursula Müllers Tochter ließ sich nicht als Nachfolgerin gewinnen, weil sie ein eigenes Geschäft in einer anderen Branche führt. Immerhin zeichne sich ab, dass ein anderer Mode-Anbieter Nachnutzer der Räume sein wird.

Petra Guttmacher ist eine Legende in der Jenaer Fotoladen-Branche. – Das begann damit, dass der allmächtige Zeiss-Generaldirektor Wolfgang Biermann wie aus einer Laune heraus vor 43 Jahren befahl („Ich will Sie da mit haben“), die damals junge Elektronik-Facharbeiterin im neuen Zeiss-Industrieladen in der Johannisstraße mitarbeiten zu lassen. Später wurde sie dort Chefin; von 1991 an agierte sie als Franchise-Selbstständige, nachdem Foto-Quelle das Fachgeschäft via Treuhand übernommen hatte. Über diese Zeit sagt sie heute: „Wir waren so einfältig zu glauben, dass es alle gut mit uns meinen.“

2008 eröffnete Petra Guttmacher ihr vollständig eigenes Fotozentrum in der Grietgasse, das sie nun aber am Jahresende schließt. Rentierlicher stationärer Handel sei in dieser Branche heute kaum mehr zu leisten, sagt Petra Guttmacher. Stichwort Internet: Beim einzigen Großhändler, mit dem sie noch kooperiere, sei der Einkaufspreis in der Regel höher als im weltweiten Netz. Und beim Kamera-Absatz bleibe ein starker Rücklauf zu konstatieren, weil die Fotofunktionen der Handys immer ausgefeilter werden. Aber auch Dienstleistungen – Fotobücher, Dia-Scannen, Reparaturen – würden das Geschäft nicht dauerhaft tragen. Umso mehr habe sie sich immer gefreut, wenn Kunden das Mikroskop nicht im Netz, sondern bei ihr kauften. „Die haben sich bedankt, dass ich das auch mal erklärt habe.“ Nein, mit Trübsal wechselt die 64-Jährige keineswegs ins Rentnerdasein. „Ich hab es mir angewöhnt, mit Situationen fertig zu werden, wie sie kommen.“

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