Fotoausstellung

In Jena die Ästhetik der Aktfotografie entdecken

Jena.  Für Anne-Kathrin Schleif ist Nacktheit nichts Anrüchiges, sondern ein natürlicher Ausdruck des menschlichen Daseins.

Fotografin Anne-Kathrin Schleif präsentiert in einer Ausstellung im Turmkaffee des Kassablancas in Jena Aktfotografie.

Fotografin Anne-Kathrin Schleif präsentiert in einer Ausstellung im Turmkaffee des Kassablancas in Jena Aktfotografie.

Foto: Maria Hochberg

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„Warum darf man die Nippel von Männern öffentlich zeigen, die von Frauen aber nicht?“ Anne-Kathrin Schleif zuckt mit den Schultern. Für die Studentin ist Nacktheit nichts Anrüchiges, sondern ein natürlicher Ausdruck des menschlichen Daseins: „Jeder sieht aus, wie er aussieht und der nackte Körper ist etwas völlig Normales.“

Um diese Normalität geht es auch in ihrer Aktfotografie, die ein Kontrast zur standardisierten Bildsprache der Pornografie sein soll: „Sobald es um die Darstellung von Nacktheit geht, assoziieren das viele Menschen mit Verruchtheit. Aber Nacktheit ist ja nicht gleich Porn. Das möchte ich mit meinen Bildern zeigen.“

Mann und Frau als nackte Kugel vereint

Angefangen hat alles mit Platon: „Im Studium bin ich auf seine Kugelmenschen gestoßen. Das sind mythische Wesen der Antike, in denen Mann und Frau verschmolzen als Kugeln lebten“, erklärt die Künstlerin und fügt lächelnd hinzu: „Was für eine schöne Vorstellung.“ Als sich die Kugelmenschen gegen die Götter auflehnten, wurden die Liebenden voneinander getrennt. Seitdem ist der Mensch auf der Suche nach seinem Gegenstück, mit dem er durch die Welt kugeln will.

Anne-Kathrin Schleif wollte die Kugelmenschen mithilfe der Aktfotografie in die Gegenwart zurückzuholen. Das Spiel mit der Perspektive reizte sie dabei besonders: „Als Betrachter meiner Fotos muss man oft überlegen, wie viele Menschen eigentlich abgebildet sind und ob es sich um Männer oder Frauen handelt“, sagt die Künstlerin. Sie hält kurz inne, bevor sie fragt: „Aber ist das überhaupt wichtig zu wissen?“

Nacktheit, Schönheit, Ästhetik

Die junge Frau entdeckte den menschlichen Körper mithilfe der Fotografie als formbare Masse der künstlerischen Darstellung. Dabei zeige sie nie Gesichter, sondern nur Körperteile: „So bleiben die Models anonym und können sich einfach mal ausprobieren.“

Anne-Kathrin Schleif zeigt bewusst keine Sexszenen in ihren Fotografien. Es geht um Ästhetik – jeder Körper ist auf seine eigene Weise schön. „Natürlich liegt Schönheit im Auge des Betrachters und auch der nackte Körper wird sehr subjektiv wahrgenommen. Deshalb finde ich es umso spannender, den Akt durch Projekte und Ausstellungen in den öffentlichen Raum zu holen.“

Der Zensur auf der Spur

Eines dieser Projekte beschäftigt sich mit der Zensur von Aktfotos in den sozialen Medien: „Intime Körperbilder werden häufig gelöscht, auch wenn sie weit vom Genre der Pornografie entfernt sind.“ In einer experimentellen Studie möchte sie herausfinden, wie die User, vor allem aber der Algorithmus auf verschiedene Darstellungsformen von Nacktheit reagieren. Dazu lädt sie auf Instagram Aktfotos hoch. „Die werden meist sofort gelöscht“, erzählt sie lachend. „Also stelle ich mir die Frage: Wie muss ich meine Fotos verändern, damit sie nicht rausfliegen?“

Durch Verpixeln, Farbanpassung oder Änderung des Bildausschnittes könne der Algorithmus umgangen werden. Die Möglichkeiten seien vielfältig. „So betreibe ich eine Art Eigenzensur meiner Bilder auf ästhetischer Ebene. Es geht ja nicht darum, pornografische Inhalte zu verbreiten, sondern künstlerische Darstellungen von Nacktheit zu zeigen.“

Ein Querschnitt der in den sozialen Medien verfremdeten Fotos und ihrer Originale ist ab Freitag in verschiedenen Bildformaten in einer Ausstellung im Kassablanca in Jena zu sehen. „Die ganz kleinen Formate finde ich besonders interessant. Man muss richtig nah herangehen, um die Motive zu erkennen. Das fördert eine gewisse Intimität zwischen Foto und Betrachter, was das ganze umso spannender macht.“

Vernissage der Aktausstellung von Anne-Kathrin Schleif am Freitag, 8. November, ab 18 Uhr im Turmkaffee des Kassablancas in Jena. Weitere Infos unter www.kassablanca.de

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