„Bei der Sicherheit in Thüringer Museen ist Luft nach oben“

Mühlhausen.  Thomas T. Müller, Präsident des Thüringer Museumsverbandes, über die Balance zwischen Schutz und Zugänglichkeit.

Thomas T. Müller – hier bei der Präsentation der Ausstellung „Roms verlorene Provinz – Archäologische Spuren in Thüringen“ – ist Direktor der Mühlhäuser Museen und Präsident des Thüringer Museumsverbandes.

Thomas T. Müller – hier bei der Präsentation der Ausstellung „Roms verlorene Provinz – Archäologische Spuren in Thüringen“ – ist Direktor der Mühlhäuser Museen und Präsident des Thüringer Museumsverbandes.

Foto: Daniel Volkmann / TA

Juwelendiebstahl im Grünen Gewölbe in Dresden, Öl-Attacke auf der Berliner Museumsinsel – über die Sicherheit in Museen wird derzeit viel diskutiert. Wir sprachen darüber mit Thomas T. Müller, Direktor der Mühlhäuser Museen und Präsident des Thüringer Museumsverbands.


Herr Müller, sollten Museen Tresore für die Schätze der Vergangenheit sein oder vor allem Zugang gewähren?

Thomas T. Müller: Der Auftrag für ein Museum ist es, zu bewahren und zu schützen. Zum anderen geht es natürlich darum, die Schätze zu zeigen und deren Bedeutung zu vermitteln, sonst ergibt das Museum keinen Sinn. Die Balance ist das Schwierige. Natürlich muss unterschieden werden, ob Ackergerät aus dem 19. Jahrhundert oder die Kronjuwelen gezeigt werden. Es muss geprüft werden, was in Sachen Sicherheit notwendig und angemessen ist. Über das Maß gelangt man zu Ergebnissen.

Aus Sicht des Verbandes: Sind Sie mit den derzeitigen Sicherheitsstandards in den Thüringer Museen zufrieden?

Ich glaube, dass vielfacher Investitionsbedarf besteht. Die jeweiligen Träger der Museen sind in der Pflicht, die Sicherheitsanlagen auf aktuellem Stand zu halten. Da gibt es Luft nach oben.

Was sind gängige Sicherheitsvorkehrungen?

Zunächst ist es eine moderne, vernetzte Alarmanlage. Es nützt nichts, wenn die Anlage schrillt und nach 15 Minuten aufhört, weil nichts passiert ist. Der Ruf muss irgendwohin gehen. Bei den Mühlhäuser Museen kommt binnen kürzester Zeit jemand zur Überprüfung. Zudem haben wir immer jemanden aus unserer Belegschaft in Bereitschaft, wenn es ein Problem gibt. Die Kameras sollten Aufnahmen für eine gewisse Zeit speichern. Fenster im Erdgeschoss sollten vergittert, Türen und Fenster durch einen Alarm gesichert sein.

Das hätte die Öl-Attacke in Berlin nicht verhindert – die geschah am Tage.

Die Sicherung während der Öffnungszeiten sollte nicht außer Acht gelassen werden. Die Besucher sollten – in einem vertretbaren Maße – spüren, dass Überwachung im Haus vonstatten geht. Sei es durch Hinweise auf die Kameras oder durch Wachpersonal.

Diebstahl ist das eine, aber wie werden die Objekte vor Vandalismus geschützt?

Viele Museen – auch die Mühlhäuser – sind heute viel offener als früher. Die Besucher sollen an die Stücke herantreten dürfen. Vor Attacken wie der in Berlin kann man sich kaum schützen. Das ginge nur zulasten des Erlebnisses. Von den Thüringer Kollegen höre ich, dass die meisten mehr mit banalem Vandalismus zu tun haben als mit Diebstahl.

Schauen Sie sich Ihre Besucher an, bevor Sie sie ins Haus lassen?

Sie sehen doch niemandem an, ob er oder sie etwas vorhat.

Anders gefragt: Gibt es Personen, die Sie nicht ins Museum lassen?

Nein, wir haben einen öffentlichen Bildungsauftrag und keine Beschränkungen. Wenn sich die Leute an die Regeln halten, warum sollten wir sie nicht reinlassen?

Sie sagten, Vandalismus sei das größere Problem. Gibt es Diebstähle in Thüringer Museen?

Meines Wissens nicht in jenen Größenordnungen wie beispielsweise der Gothaer Gemäldediebstahl in den 80-er Jahren. Das heißt nicht, dass so etwas nicht wieder passieren kann, auch bei der bestmöglichen Sicherheitsausstattung. Das Grüne Gewölbe in Dresden ist eines der am besten gesicherten Museen Europas. Wenn dort ein Diebstahl gelingt, kann das aus meiner Sicht für Thüringen niemand ausschließen.

Gibt es in Thüringer Museen Objekte, die materiell zu wertvoll für die Ausstellung sind?

Die Mühlhäuser Museen haben vor kurzem das Horn eines Nashorns an ein Thüringer Naturkundemuseum abgegeben. Zum einen passte es sowieso nicht in unsere museale Konzeption. Zum anderen gab es vor einigen Jahren weltweit eine Reihe von Einbrüchen und Diebstählen, bei denen versucht wurde, an Nashörner heranzukommen.

Diebe, die es auf Nashörner statt Edelsteine abgesehen haben?

Ja, da geht es um viel Geld. Auch die Museen rechneten nicht damit, dass ein Nashorn gestohlen wird. Daher waren die Sicherheitsvorkehrungen geringer als für ein Diadem. Mittlerweile ist das anders. Viel Spaß werden die Diebe mit den Hörnern nicht gehabt haben. Wegen der konservatorischen Behandlung dürften statt der gewünschten aphrodisierenden Wirkung eher Gesundheitsschäden bei den Nutzern aufgetreten sein.

Zurück zur Balance zwischen Sicherheit und Offenheit: Gibt es Ausstellungen, in denen gewollt ist, dass Exponate berührt werden?

Ich hätte ein Problem damit, wenn jemand einer Pietà aus dem 16. Jahrhundert über den Kopf streichelt. In der Regel werden die Objekte durch Berührung beschädigt. Im klassischen Museum sind uns da Grenzen gesetzt. Aber es gibt verschiedene Ansätze in der Museumspädagogik. Wir haben beispielsweise konsequent Objekte nachbauen lassen, damit Kinder damit arbeiten können. Etwa steinzeitliche Gefäße. Derartige Nachbauten sind natürlich mit einem gewissen finanziellen Aufwand verbunden.