Besonderer Brückenschlag auf Grabmalen

Unstrut-Hainich-Kreis.  Grabmale geben auch Auskunft über Leidenschaft und Leben von Verstorbenen – das ist ein Trend, der seit einem Jahrzehnt anhält.

Eine in Hüpstedt beigesetzte Lengenfelderin wünschte sich die Brücke und Kirche des Heimatortes auf ihrem Grabmal.

Eine in Hüpstedt beigesetzte Lengenfelderin wünschte sich die Brücke und Kirche des Heimatortes auf ihrem Grabmal.

Foto: Reiner Schmalzl

Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg zwischen den Bäumen und sorgen für ein malerisches Waldidyll. Dieses Motiv an einem Grabstein auf dem Heyeröder Friedhof vermochte in letzter Zeit wohl schon die Seele so manchen Betrachters zu streicheln. Der im Frühjahr verstorbene Otto Herz liebte Spaziergänge und Wanderungen durch den nahen Hainich, die er an Sonntagen gern mit seinem Freundeskreis nahe des Hachelkopfes unternahm. „Wir wollten einen Grabstein, der an ihn erinnert und als Sinnbild für ihn steht“, sagte Schwiegertochter Patricia Herz.

Bei der Suche nach einem passenden Grabmal wurde die Familie bei Steinmetzmeister Jens Ackermann in Langula fündig. Er bestätigt die zunehmende Tendenz nach Grabsteinen, die ganz individuell auf die Verstorbenen eingehen. Ob für einen bestimmten Berufszweig, aus der Perspektive eines Naturfreundes oder gar eines Sportlers. So vermittelt eine der von Jens Ackermann umgesetzten Arbeiten den Eindruck, als ob ein viel zu früh aus dem Leben gerissener Radfahrer seine Tour fortsetzen würde. Und eben jenes Anliegen verfolgte auch Familie Herz mit ihrem Motiv für den Vater, Opa und Uropa. Es sei gerade so, als ob er wieder in den Wald ziehen und dem Licht entgegen gehen würde.

Die künstlerische Umsetzung erfolgt in Handarbeit

Das Eisenbahnviadukt und die Kirche St. Marien von Lengenfeld unterm Stein prägen das Grabmal für Klara Wegerich auf dem Friedhof in Hüpstedt. Doch der doppelte Brückenschlag von der Eichsfelder Höhe hinunter ins Friedatal erklärt sich recht schnell, zumal die Verstorbene in dem Südeichsfeldort geboren

wurde. „Unsere Mutter hat schlimm an Lengenfeld gehangen“, erinnert ihre Tochter Birgit Matthäus. Die Mutter sei 1962 nach Hüpstedt gekommen und habe zeitlebens ihren Heimatort vermisst. Und weil das Dorf dann fast drei Jahrzehnte im Sperrgebiet zur Grenze lag, musste man sich immer um einen Passierschein kümmern. Dies sei eine zusätzliche Hürde und bitter gewesen.

In Steinmetzmeister Markus Spitzenberg aus Silberhausen fand Familie Wegerich einen Experten, der dem schon zu Lebzeiten geäußerten Wunsch von Oma Klara zur Zierde ihres Grabsteins nachkam. Ihm gelang es, das inzwischen 140 Jahre alte Lengenfelder Wahrzeichen samt Taufkirche der Verstorbenen in stilisierter Form auf deren Grabmal festzuhalten. „Alles in Handarbeit und nicht etwa mit Laserdrucker“, verweist Birgit Matthäus auf die gelungene künstlerische Umsetzung. Markus Spitzenberg wiederum nimmt die Herausforderungen nach individuellen Gestaltungen von Grabmalen gern an. So habe er beispielsweise auch schon die Burgruine Hanstein oder die Wallfahrtskapelle von Etzelsbach festgehalten.

Aber auch die Anonymisierung der Gesellschaft spiegelt sich auf Friedhöfen wider

Dass seit gut einem Jahrzehnt ein Wandel auf den Friedhöfen zu verzeichnen ist, spüren natürlich besonders Steinmetze und Steinbildhauer sowie die Friedhofsverwaltungen allerorts im Unstrut-Hainich-Kreis. Mut und Wunsch nach individuellen Gestaltungsformen der Grabmale sind aber nur eine von vielen Seiten. So setzen sich immer mehr die pflegearmen Grabformen ohne Einfassungen und nur mit einem kleinen Platz davor für Blumen oder Gestecke durch.

Auch Steinmetzmeister Helmut Schneider aus Mühlhausen, der den vor 101 Jahren von seinem Großvater Karl Ortlepp gegründeten Betrieb in dritter Generation führt, kommt den mitunter recht außergewöhnlichen Wünschen nach. Fotorealistisch und gestalterisch sei heute eine breite Palette möglich. „Die Geschmäcker sind verschieden und man muss für jeden ein Angebot haben.“ Mit Erschrecken würde die Branche beispielsweise die Zunahme der Gemeinschaftsgrabanlagen sehen. Dies sei ein Bankrott für die Friedhofskultur. Und durch veränderte Bestattungsformen spiegele sich die Anonymisierung der Gesellschaft auch auf den Friedhöfen wider.