Mühlhäuser Boje bekommt Suchtberatungsstelle für Familien

Mühlhausen.  Ab Januar haben Kinder, Jugendliche und Eltern eine neue Anlaufstelle, wenn es um Suchtprobleme geht.

Boje-Leiterin Judith Vockroth-Reich (vorn) eröffnet in der Boje eine Suchtberatungsstelle für Familien. Unterstützt wird sie dabei von Katharina Schoett. 

Boje-Leiterin Judith Vockroth-Reich (vorn) eröffnet in der Boje eine Suchtberatungsstelle für Familien. Unterstützt wird sie dabei von Katharina Schoett. 

Foto: Susan Voigt

Das Jugendprojekt Boje am Mühlhäuser Kiliansgraben kümmert sich ab Januar auch um Familien, in denen es Suchtprobleme gibt. Dabei sei es laut Projektleiterin Judith Vockroth-Reich egal, ob die Kinder ein Problem mit Drogen, Alkohol und Co. haben, oder ob die Eltern betroffen sind.

„Wir wollen eine Anlaufstelle für die sein, die selbst suchtkrank sind. Wir sind aber auch für diejenigen da, die einen Fall in der Familie haben“, sagt Vockroth-Reich. Das Beratungsangebot sei nicht für Einzelfälle gedacht. Man wolle gezielt auf ganze Familienstrukturen zugehen. „Denn Sucht ist immer ein Familienproblem“, sagt auch Katharina Schoett. Sie ist Chefärztin der Abteilung Suchtmedizin im Ökumenischen Hainich-Klinikum (ÖHK) in Mühlhausen. In die Beratung werden Kinder und Eltern gleichermaßen miteinbezogen – egal wo das Problem besteht.

„Wenn Kinder oder Jugendliche ein Suchtproblem haben, machen sich die Eltern Sorgen und wissen nicht, wie sie helfen können“, so Schoett. Andersherum machen sich viele Eltern Gedanken um ihre Kinder, wenn sie selbst trinken, Drogen nehmen oder spielsüchtig sind. „Viele haben Angst, dass ihnen ihre Kinder weggenommen werden und wissen gar nicht, dass ihnen geholfen werden kann“, sagt die Ärztin.

Kooperation mit dem Ökumenischen Hainich-Klinikum

Die Suchtberatungsstelle arbeitet in Kooperation mit dem ÖHK. Dabei soll die Boje ein erster, niedrigschwelliger Anlaufpunkt sein, bei dem sich Betroffene in ungezwungener und nicht-klinischer Atmosphäre mit dem Gedanken anfreunden können, Hilfe anzunehmen. Dort werden sie auch über Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten informiert und bei Bedarf an das ÖHK weitervermittelt.

„Viele wissen gar nicht, dass Suchterkrankungen wirklich gut behandelbar sind. Leider bekommen wir aber nur erschreckend wenige Kranke in das System“, sagt Katharina Schoett. Das liege auch daran, dass die meisten Suchtkranken einen Gang in die Klinik mit einem Offenbarungseid gleichsetzen. „Ist die erste Angst gebrochen, kann man direkt am Problem ansetzen.“

Die Boje soll dabei als Eisbrecher dienen. Ein Beratungsgespräch bedeute aber nicht zwangsläufig den Weg in die Klinik, betont Judith Vockroth-Reich. Oft reiche auch ein kleiner Hinweis. „Die Beratung soll sich nach dem richten, was die Menschen wirklich brauchen und nicht, was wir im Angebot haben“, sagt die Boje-Leiterin.

Noch kein Beratungsangebot im Landkreis

Auf die Idee zu einer Beratungsstelle für Familien kam Judith Vockroth-Reich selbst. „Ich wollte etwas mit meiner Ausbildung anfangen, wollte aber nichts machen, was es schon gibt“, erzählt die ausgebildete Suchtberaterin. Durch ihre Arbeit im Jugendprojekt kam sie schnell auf Kinder und Jugendliche, für die es im Unstrut-Hainich-Kreis noch gar keine und thüringenweit nur eine Handvoll Angebote gibt.

Viele der Kinder, die regelmäßig in die Boje kommen, stammen aus Familien, in denen Sucht eine Rolle spielt, erzählt Vockroth-Reich. Erste Kontakte hatte sie auch schon zu den Eltern. Aus praktischer Erfahrung weiß die Suchtberaterin außerdem, dass Beratungsbedarf bei Erziehern und Lehrern herrscht. „Es ist wichtig, dass sie genauer hinschauen, wenn ein Kind auffällt und das Verhalten nicht mit Ermahnungen oder Strafen abtun.“

Um an die Menschen heranzukommen, will Judith Vockroth-Reich zunächst selbst in Schulen und Kindergärten „Klinken putzen“ – bei Elternabenden, Lehrerversammlungen, bei Aktionen wie dem Vorlesetag. „Damit sie mich einfach mal gesehen haben und wissen, wo sie Hilfe bekommen.“

Wie groß der Beratungsbedarf tatsächlich ist, wissen Boje-Leiterin und Ärztin Katharina Schoett noch nicht. Dass sie mit dieser neuen Form von Beratung aber gut zu tun haben werden, darüber sind sich beide Frauen einig.