Unstrut-Hainich-Kreis: 131 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt

Bad Langensalza.  Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, finden im Frauenzentrum „Ungeschminkt“ in Bad Langensalza Hilfe.

Das Frauenzentrum in Bad Langensalza bietet Schutz für Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind.

Das Frauenzentrum in Bad Langensalza bietet Schutz für Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind.

Foto: UfaBizPhoto / Shutterstock/UfaBizPhoto

Zum Internationalen Tag der Beseitigung von Gewalt gegen Frauen macht das Frauenzentrum „Ungeschminkt“ in Bad Langensalza normalerweise mobil, um die Menschen für das Thema häusliche Gewalt zu sensibilisieren. Das geht in diesem Jahr wegen der Corona-Krise nicht, doch häusliche Gewalt sei trotzdem in vielen Familien präsent, so das Zentrum. 605 Beratungen haben die Mitarbeiterinnen von „Ungeschminkt“ in den ersten zehn Monaten des Jahres 2020 durchgeführt, 14 Frauen und neun Kinder haben sie in Schutzwohnungen untergebracht.

Seit 1991 gibt es das Frauenzentrum, ein Treffpunkt für Frauen, die Hilfe brauchen, „in allen schwierigen Lebenslagen“, so Maria Steinmann*, Mitarbeiterin im Frauenschutz. Jede dritte Frau in Deutschland erlebt mindestens einmal in ihrem Leben physische und/oder sexualisierte Gewalt, jede vierte erlebt Gewalt durch ihren Partner, so das Bundesfamilienministerium.

„Das zieht sich durch alle Schichten. Vom Arzt über den Lehrer bis zum Arbeitslosengeld-Empfänger“, meint Mitarbeiterin Anette Müller*. Bis sich eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau an das Zentrum wendet, ist meist schon viel passiert: Schläge, aber auch verbale Gewalt. „Die meisten ertragen es eine lange Zeit, weil sie hoffen, dass es schon irgendwann wieder gut wird“, erklärt Steinmann. „Aber dann kommt der Tag X, an dem uns ein Hilferuf erreicht, entweder über die Polizei oder Nachbarn oder die Frau selbst. Dann bieten wir Hilfe an und besprechen mit der Frau, was sie möchte und was wir für sie tun können.“

Zwei anonyme Schutzwohnungen hat das Zentrum zur Verfügung, darin können acht Frauen untergebracht werden. Es ist das einzige Frauenhaus im gesamten Landkreis. „In der Regel reichen die Plätze aber“, so Müller. „Ansonsten können wir meist in einem anderen Landkreis einen Platz organisieren.“

Für die Unterbringung müssen die Frauen meist selbst aufkommen: 15,80 Euro Miete am Tag, plus ein Tagessatz von 3,10 Euro. Ist die Frau arbeitslos, übernimmt das Jobcenter die Miete, es sei aber trotzdem für einige Frauen ein Problem. „Es ist schlimm, dass die Frauen das selbst zahlen müssen“, meint Steinmann. „Die Frauen sind es, die Gewalt erleben und haben dann extra Kosten, um aus der Situation herauszukommen.“

Im Unstrut-Hainich-Kreis wurden im vergangenen Jahr 131 Fälle häuslicher Gewalt angezeigt, 17 weniger als noch im Jahr 2018. Das teilte die Landespolizeiinspektion Nordhausen mit. Für das Jahr 2020 gebe es noch keine öffentlichen Zahlen, sie seien aber leicht gestiegen. Etwa drei Viertel aller Opfer von häuslicher Gewalt im Kreis waren Frauen. Viele Fälle bleiben jedoch unentdeckt. Die Hilfsorganisation Weißer Ring spricht von einer Dunkelziffer von etwa 80 Prozent – die tatsächlichen Zahlen sind demnach fünf Mal höher als die bekannten.

„Es ist kein einfaches Arbeiten“, meint Steinmann. „Wir sind 24 Stunden am Tag in Bereitschaft, und wenn dann zum Beispiel nachts das Telefon klingelt, weil die Polizei zu einer Familie gerufen wurde, dann ist das auch für uns erst mal Stress. Wir fahren dann raus, wissen nicht, was uns erwartet, in welcher Situation die Frau ist, ob sie Kinder hat. Dann nehmen wir sie in der Nacht noch auf.“

Besondere Situationen seien Aufnahmen kurz vor Feiertagen: „Dann geben wir uns Mühe, dass zum Beispiel die Weihnachtstage für die Frau einigermaßen okay sind, stellen einen kleinen Weihnachtsbaum auf. Aber da kann man dann nicht abschalten und ist in Gedanken bei der Frau oder der Familie in der Schutzwohnung und nicht bei der eigenen Familie.“

Oft gebe es auch Probleme mit den Ex-Partnern der Frauen, die die Schuld beim Frauenzentrum sehen: „Da heißt es dann, wir hätten ihnen die Frau oder Freundin weggenommen“, sagt Müller. „Wir hatten schon öfters zerkratzte Autos, Briefe, Drohungen. Das geht an die Substanz.“

Trotz allem gebe es schöne Momente. „Wenn die Frauen zu uns kommen, sind sie am Boden zerstört, aber später haben sie sich verändert, sind aufgeblüht, da freuen wir uns natürlich mit“, meint Müller. „Am Anfang ist es ganz schlimm, aber wir kriegen das hin.“

Falls Sie oder jemand, den Sie kennen, häuslicher Gewalt ausgesetzt ist, wenden Sie sich ans Frauenzentrum. Telefon: 03603 894466.

*Die Redaktion hat die Namen zum Schutz der Mitarbeiterinnen verändert.