Verrückte Zeiten

Matthias Hemmann
| Lesedauer: 3 Minuten
Matthias Hemmann ist evangelischer Pfarrer in Kloster Zella.

Matthias Hemmann ist evangelischer Pfarrer in Kloster Zella.

Foto: Matthias Hemmann

Matthias Hemmann ist evangelischer Pfarrer in Kloster Zella.

Verrückte Zeiten gab es wohl schon immer. Also, dass das Leben sich so verändert, dass unsere Erfahrung auf das, was grade passiert, nicht mehr passt. Manchmal tragen wir selbst dazu bei und wollen die Veränderung. Oft kommt sie aber über uns, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als uns anzupassen.

Nun ist, wie das Sprichwort sagt, der Mensch ein Gewohnheitstier So denkt heute wohl kaum einer mehr an einen Banküberfall, wenn er in seiner Bankfiliale auf Leute trifft, die Masken tragen, oder?! Eher regen wir uns auf, wenn jemand ohne Maske hereinkommt…Seltsam, wie wir uns auch daran gewöhnt haben, Bekannten, Arbeitskollegen, sogar Freunden mit Abstand zu begegnen.

Diese ganze Not, diese unendliche Geschichte verunsichert uns. Klar, dass die Menschen da Halt suchen. Auch stimmt leider für viele die alte Weisheit nicht mehr, die da heißt: Not lehrt beten. Der Gedanke an Gottvater, der von einer lichten Wolke aus unser Leben überblickt und uns in unserer Welt beschützt, der ist vielen heute fremd.

Zugegeben, dieses Bild ist in zurückliegenden Jahrhunderten oft zu kitschig ausgemalt worden. Und dass die Glocken in der Weihnachtszeit, wie es in einem Weihnachtslied heißt: „süßer nie klingen“ und überall Frieden herrscht, das glaubt auch niemand mehr.

Doch hat man das denn je geglaubt? Gab es unter Menschen wirklich einmal „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, wie es die „himmlischen Heerscharen“ bei Jesu Geburt sangen (Lukasevangelium 2,14)? Die Hirten auf dem Felde kannten keine Glocken. Und „süß“ – will heißen: angenehm, warm, meinetwegen auch: romantisch – hatte es das Neugeborene auch nicht. Und doch schreibt die Bibel, dass sich die Hirten und die „Touristen“ aus dem Osten darin sicher waren: dieses kleine Kindchen wird alles verändern! „Euch ist heute der Heiland geboren“ (Lk 2,11) heißt ja: Gerade in problematischen Zeiten bekommt ihr einen Halt, der stärker ist, als ihn Menschen einander geben oder sich ausdenken können.

Deshalb, auch wenn wir noch so laut protestieren und diskutieren: Wir vertrauen darauf und arbeiten daran, dass diese Pandemie zu einem guten, neuen Miteinander führt. Das aktuelle weltweite Bemühen zeigt schon in diese Richtung. Erstmals in der Geschichte der Menschheit kämpfen Menschen in Laboratorien und Impfzentren über alle Volks- und Bekenntnisgrenzen hinweg mit- und nicht gegeneinander, um einen „Feind“ zu besiegen.

Freilich braucht es in aller Verwirrung und Unsicherheit da auch immer wieder Orientierung. Damals kamen deshalb die Hirten und die Heiligen 3 Könige zum göttlichen Kind und beteten es an. Not lehrt beten. Es war eben eine verrückte Zeit. Wie heute.