Wenn der Alltag nicht mehr zu bewältigen ist

Mühlhausen.  Aufmerksamkeitsstörungen werden laut Angaben der Krankenkasse KKH zunehmend bei Erwachsenen festgestellt. In Mühlhausen entsteht eine Selbsthilfegruppe.

Ist jemand unorganisiert, unstrukturiert, kann sich nicht lange konzentrieren – dann könnte dies für ADHS im Erwachsenenalter sprechen.

Ist jemand unorganisiert, unstrukturiert, kann sich nicht lange konzentrieren – dann könnte dies für ADHS im Erwachsenenalter sprechen.

Foto: Oliver Berg / dpa

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Jähzornig. Unausgeglichen. Keine Nähe zulassend. Unorganisiert. Unangepasst. Nervös.

Facetten, wie sich ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit-, Hyperaktivitätssyndrom, bei Erwachsenen äußert, gibt es viele. Romano Preuß (34) kennt sie und meint: Bei Erwachsenen wird das viel zu spät, oft gar nicht erkannt. Auch er lebt damit, nennt es nicht Krankheit, sondern Gabe. „Man darf nicht zulassen, dass das, was man nicht kann, in den Mittelpunkt geschoben wird. Das bekommen wir viel zu oft gesagt“, meint er gelernte Restaurantfachmann. Statt dessen gehe es darum, sich bewusst zu machen, wo seine Stärken liegen.

Nach einer Studie der KKH Kaufmännische Krankenkasse hat sich die Zahl der ab 19-Jährigen mit einer ärztlich diagnostizierten ADHS von 2008 auf 2018 nahezu verdreifacht. „Zwar ist der Anteil der Kinder bis 18 Jahre, die an der Hyperaktivitätsstörung leiden, mit 4,7 Prozent deutlich höher als der der Erwachsenen (0,4 Prozent), doch der große Anstieg bei den ab 19-Jährigen zeigt, dass eine ADHS bei Älteren zunehmend zum Problem wird“, heißt es. Mehr als jede vierte Neudiagnose betreffe Erwachsene.

Das Tückische: Eine ADHS äußert sich bei Erwachsenen oft anders als bei Kindern und Jugendlichen. Anstelle der Hyperaktivität stehen Unaufmerksamkeit und verminderte Konzentrationsfähigkeit im Vordergrund. Erwachsene mit ADHS haben vor allem Probleme, ihren Alltag, ihre Arbeit und ihre Finanzen zu organisieren, sich über längere Zeit auf Aufgaben zu fokussieren, Termine einzuhalten, Gefühle zu kontrollieren.

Romano Preuß hat es durchlebt – mit allen Konsequenzen. Arbeitgeber hätten es nicht lange mit ihm ausgehalten.

Eine Diagnose sei nicht leicht, denn im Erwachsenenalter hätten ADHS-Patienten häufig zusätzliche Begleiterkrankungen: Verhaltensstörungen, Depressionen, Alkohol- und Drogenabhängigkeit.

Beim Mühlhäuser Preuß habe man schon mit neun ADHS festgestellt und behandelt – bis ins Jugendalter hinein. Die erneute Diagnose erhielt er mit Mitte 20. Erst in jener Zeit, vor zehn, 15 Jahren, sei ADHS bei Erwachsenen verstärkt in den Fokus der Mediziner gerückt, weg von der Feststellung, es betreffe nur Kinder und Jugendliche.

Unter dem Dach der EUTB, der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung, will Preuß in Mühlhausen eine Selbsthilfegruppe aufbauen. Es wäre die erste in Nordthüringen speziell für Erwachsene.

Unterstützt wird er von Mandy Grunau und Florian Henkel, beide sind bei „Ex-In“-Berater der EUTB. Das Kurzwort steht für „Experienced Involvement – Experte durch Erfahrung“. Mandy Grunau erklärt: „Dahinter steckt die Idee, dass Psychiatrie-Erfahrene zu bezahlten Fachkräften im psychiatrischen System qualifiziert werden.“

Eine solche Weiterbildung strebt Preuß nach eigener Aussage auch an. „Als Genesener kann man Erkrankte besser verstehen.“ Laut Florian Henkel seien sie bereits in einigen Thüringer Kliniken im Einsatz – so in Weimar und in Hildburghausen.

Mit der Selbsthilfegruppe wolle er Wissen teilen und mehren, aber vor allem ins Gespräch kommen.

Treffen der Selbsthilfegruppe ADHS/ADS im Erwachsenenalter: Donnerstag, 20. Februar, zwischen 16 und 18 Uhr in den Räumen der Lebensbrücke, Feldstraße 42 in Mühlhausen.

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