Am 10. November ’89 stand Weimar am Volkspolizei-Kreisamt Schlange

Weimar  Der Tag der Maueröffnung wollten Tausende ihr Visum. Ausgerechnet ein Bürgerrechtler sollte Engpass beheben

Nach der Grenzöffnung bildete sich ab 10. November 1989 eine Schlange am Volkspolizei-Kreisamt in der Ossietzkystraße. Sie reichte bis zum heutigen Buchenwaldplatz.

Nach der Grenzöffnung bildete sich ab 10. November 1989 eine Schlange am Volkspolizei-Kreisamt in der Ossietzkystraße. Sie reichte bis zum heutigen Buchenwaldplatz.

Foto: Klaus Bergmann/Stadtarchiv Weimar

Auch in der Kulturstadt stand der 10. November 1989 ganz im Zeichen des Mauerfalls. Schon vor Beginn der offiziellen Dienstzeit, 8 Uhr, bildete sich am Volkspolizei-Kreisamt in der Weimarer Ossietzkystraße eine Schlange. Die Menschen hatten abends die Nachrichten gehört und in der Nacht die Bilder aus Berlin gesehen. Nun wollten sie ihren Visumstempel, um Verwandte und Freunde zu besuchen oder Weimar den Rücken zu kehren.

Lutz Regensburg, damals ABV (Abschnittsbevollmächtigter) in Weimar, kann sich noch an die Stimmung erinnern. „Die früher üblichen politischen Ansagen gab es schon in den letzten Tagen weniger. An diesem Freitag aber waren auch weniger Offiziere zu sehen. Jeder hat irgendwie so gearbeitet, dass ihm niemand in die Suppe spucken kann.“ Die Stimmung in der Schlange empfand Lutz Regensburg als gut: Die Wartenden erzählten, wem ihr Besuch gelten sollte. Auf dem Parkplatz gegenüber standen gepackte Autos, die nur auf die Abfahrt warteten.

Das Pass- und Meldewesen war damals links neben dem Haupteingang untergebracht. Dort, wo es heute zum Schöffensaal geht. „Schon bald wurden Tische auf den Flur gestellt, damit mehr Leute stempeln konnten. Trotzdem ging es nur langsam vorwärts. Ich hab dann den einen oder anderen Ausweis von Bekannten auch an der Schlange vorbei getragen . . .“

Bernhard Wolf erfuhr erst an diesem Morgen, was sich in der Nacht ereignet hatte. Als ABV kam er 6 Uhr zur Arbeit und sollte sich gleich um die Menschen vor der Tür kümmern. „Sie sollten wissen, dass es die Visa geben wird, und Geduld bewahren.“ Weil die Schlange nicht kleiner wurde, habe er mit einer Kollegin Tee gekocht und ihn an die Wartenden verteilt. „Später wurde ich auch zum Stempeln eingeteilt. Das ging an diesem Tag bis zum Abwinken.“

Nicht in, sondern neben der Schlange stand an diesem Vormittag „Stempel-Rabe“ Rudolf Keßner. Der Bürgerrechtler hatte das VPKA mehrfach unfreiwillig durch sogenannte Zuführungen kennengelernt. Nun interessierte ihn, ob wirklich jeder das Visum bekam. Auch diesmal wollte er den Mund nicht halten: „Es scheint ja eigentlich nur an Stempeln zu fehlen“, frotzelte er zu einem der Polizisten. Prompt stand am Mittag ein Polizei-Auto vor seiner Tür: Der Leiter des VPKA wolle ihn sprechen. „Tatsächlich wurde ausgerechnet ich gebeten, Visa-Stempel anzufertigen“, erinnert er sich. „Allerdings hatte ich meine Leute weggeschickt. Die wollten ja auch rüber.“ So machte sich Keßner mit Sohn Stefan und mit Johannes Steinhöfel daran, den Engpass der Volkspolizei zu beseitigen. 15 bis 20 Stempel in der Stunde. „Vielleicht 200 mögen es bis in die Nacht gewesen sein, bestimmt nicht nur für Weimar.“ Eine Rechnung habe er nie geschrieben. Am Sonnabend fuhr Keßner zu Familienangehörigen nach West-Berlin.

Steffen Müller hatte als junger Streifenpolizist Nachtschicht vom 9. zum 10. November. Im privaten Kofferradio hörte er die Nachrichten, die die Welt veränderten. „Ob auf Hessen oder NDR, weiß ich nicht mehr. Gegen Morgen kamen auch Westwagen nach Weimar. Die fielen ja sofort auf. Einem haben wir mit dem Streifenwagen den Weg zum Hypothekenhügel gezeigt. Dabei hatten wir ein bisschen Schiss, gesehen zu werden, weil dort die Chefs von Polizei und Feuerwehr wohnten.“

Visa-Stempel gab es später übrigens auch bei der Bahnpolizei im Hauptbahnhof und sogar in Betrieben wie dem Uhrenwerk. Die Schlange am VPKA aber gab es bald nicht mehr.

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