Vom Leben mit dem Tod: Komödie „Sensemann & Söhne“ brilliert im E-Werk

Weimar.  Die Komödie „Sensemann & Söhne“ von Regisseur Jan Neumann und seinem Ensemble aus Weimar und Mainz sieht im E-Werk dem Tod ins Auge.

Max Landgrebe (l.), Isabel Tetzner und Sebastian Kowski in „Sensemann & Söhne“, einer Komödie von Jan Neumann und Ensemble im E-Werk Weimar.

Max Landgrebe (l.), Isabel Tetzner und Sebastian Kowski in „Sensemann & Söhne“, einer Komödie von Jan Neumann und Ensemble im E-Werk Weimar.

Foto: Candy Welz/DNT Weimar / DNT Weimar

Komödie oder Tragödie, darüber entscheidet das Ende. Diese Geschichte, aus mehreren Geschichten zusammengesetzt, handelt von nichts anderem als dem Ende. Sie mündet weder in die Katastrophe noch in den glücklichen Ausgang. Sie besteht, theatertechnisch, aus lauter Übergängen und erzählt vom Umgang mit dem Übergang: vom Leben mit dem Tod.

Diese tief tragische Komödie ist nicht todtraurig und nicht zum Totlachen. Aber die Träne, die sie zwei Stunden lang lustig im Knopfloch trägt, tropft lachend in die Trauer und weinend ins Lachen.

„Sensemann & Söhne“ ist, nach der politischen Komödie „Drei Mal die Welt“ 2018, eine neue Stückentwicklung Jan Neumanns mit Schauspielern vom Nationaltheater Weimar und Staatstheater Mainz. Sie recherchierten bei Bestattern, Ärzten, Theologen, Trauerrednern, im Hospiz und auf dem Friedhof. Dorthin führt auch dieser sehr unterhaltsame Abend im E-Werk, der die eine oder andere Unterhaltung nach sich ziehen dürfte.

Leben und Sterben einer Anne-Marie Schmidt, 81, so durchschnittlich und repräsentativ wie der Name, dienen dabei sozusagen als toter Faden. Nun ist sie auf dem Weg zur ewigen Ruhe sowie auf dem, eine Erinnerung zu werden, „die immer vager werden wird, bis sie schließlich ganz verschwindet“. Vertreter einschlägiger Berufsgruppen kreuzen ihn und rücken in innerer Unruhe vom Rand ins Zentrum.

Sebastian Kowskis Bestatter Hensemann verzweifelte eben noch an einer Familie, die sich über die Beerdigung des Vaters ganz grundsätzlich in die Haare kriegt. Das kocht schnell hoch, läuft bald über. Hensemanns beschäftigt sich täglich mit dem Tod, mit dem eigenen aber nie. Er denkt nicht an Patientenverfügung und künstliche Ernährung, sondern an ein Schnitzel im Wirtshaus, das so heißt, wie er aussieht: „Deutsche Eiche“. Vom Fällen und Verfall schweigt er.

Eine „Schweigeadipositas“ diagnostiziert der Arzt (Max Landgrebe), der den Totenschein ausstellt, der ganzen Menschheit. Er schweigt, der Jugendliebe (Anika Baumann) gegenüber, von seiner toten Tochter, sie von seinem Kind, das sie abtrieb und überall sucht.

Der manisch-depressive Pfarrer in Sinnkrise (Henner Momann) ringt um Worte für die Trauerpredigt und gerät darüber in einen grandiosen Wutredeschwall. Hensemanns Tochter (Isabel Tetzner) kämpft darum, als Bestatterin in des Vaters Fußstapfen zu treten, obwohl sie Angst vor dem Tod hat, jedes Sterben beweint und trauert, wenn niemand sonst es tut: „Da geht einer, und es kommt keiner.“

Jan Neumann und seine Schauspieler rahmen das als stimmungsvolles und stimmiges Erzähltheater, in das ein jeder verschiedene Rollen und Theaterformen stellt, das mal zum Kabarettsketch und mal Musicalszene ausbricht, aber dank geschickter Dramaturgie und klugem Timing nie auseinanderzufallen droht. Sie richten sich dafür eine Bildhauer- oder Restauratorenwerkstatt mit Gipsbüsten, Arbeitsplatten und Kisten ein. Ausstatter Matthias Werner entwarf dafür eine drehbare Doppelwand mit Tür und Rolltor. Hier modelliert das Ensemble an Lebenslinien entlang eine Gruppenplastik der menschlichen Existenz, die dem Tod keck ins Auge schaut und immer wieder neu entworfen, verworfen, ausgebessert werden muss. Komponist Johannes Winde spielte dafür mit der Staatskapelle eine von Uhrwerkgeratter, Glockenschlag und Orgelspiel durchsetzte treibende Musik ein, die durchs Diesseits hetzt, dem Jenseits entgegen, das sie flieht.

Dieser Abend ist pralles Leben.

  • Die nächsten Vorstellungen sind ausverkauft, Tickets sind erst für Montag, 21. Dezember, 20 Uhr, erhältlich.

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