Noch kein Ausweg aus der Radweg-Krise

Weimar.  Auf der Einwohnerversammlung in Tiefurt weckt der Planer Hoffnungen, die noch am selben Abend platzen

Geht es nach dem Kommunalservice, sind Radfahrer bis 2024 an der Hundewiese nicht zu sehen.

Geht es nach dem Kommunalservice, sind Radfahrer bis 2024 an der Hundewiese nicht zu sehen.

Foto: Michael Baar

Die Verkehrssituation aus und nach Tiefurt stellt nicht nur Radwanderer, sondern auch Eltern und Einrichtungen vor große Herausforderungen. Das machte unter anderem eine Mutter mit zwei Kindern in der jüngsten Einwohnerversammlung deutlich. Die Fahrt mit dem Fahrrad sei nach der Radwegsperrung nicht mehr zu verantworten. Und der Bus fahre zu falschen Zeiten. Statt die Kinder nach und nach zur Selbstständigkeit zu entwickeln, bleibe ihr für drei Jahre nur das Auto als Alternative.

Für das Tiefurter Sommertheater und die Montagsmusiken wies Katharina Lenke darauf hin, dass diese etablierten Reihen sich auf viele Besucher über den Ilmradweg eingerichtet haben. 50 bis 70 Veranstaltungen im Jahr bauen darauf. Die Umleitung über das Webicht werde einen Großteil abschrecken. Ein anderer Tiefurter fügte hinzu: An Fußgänger und Rollstuhlfahrer sei bei der Umleitung nicht gedacht.

So zeichnete die Einwohnerversammlung ein unbefriedigendes Bild: Grundschüler verpassen morgens beim Umsteigen am Atrium den Bus zur Fürnbergschule, weil die Linie 3 in Tiefurt nach Fahrplan zu spät abfährt. Die Rosenthalstraße ist schon jetzt – unbeleuchtet und mit schlechter Straßendecke – als Radweg-Alternative nach Tiefurt unsicher. Am neuen Wohngebiet am Kirschberg kommt demnächst noch Baustellenverkehr hinzu.

Die Fahrt durch das Webicht wird nicht nur mühselig. Spätestens nach Fertigstellung der Webichtbrücke ist sie für die meiste Zeit eines Tages ebenfalls unsicher, weil es zwar viel Verkehr, aber keine Beleuchtung und keine Bankette gibt. Ab November ist es dort bis 8 Uhr und ab 16 Uhr dunkel. Und wenn die in der Versammlung geweckte Erwartung eintritt, dass 2022 endlich die Robert-Blum-Straße verkehrssicher hergerichtet wird, dann ist auch dort eine Baustelle zu passieren, das Regenrückhaltebecken unter der Hundewiese aber noch längst nicht fertig.

Wer von der Einwohnerversammlung in Tiefurt deshalb einen Ausweg aus der Radweg-Krise an der Hundewiese erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Planer Marcus Lopp, Geschäftsführer des gleichnamigen Ingenieurbüros, stellte zwar in Aussicht, dass nach dem Bau einer Bohrpfahlwand „so schnell wie möglich“ die provisorische Umleitung entlang der Ilm wieder eingerichtet werden könne. Doch er sprach zunächst von einem Vierteljahr Bauzeit, dann von Frühjahr und von Frühsommer.

Zur ganzen Wahrheit führte Christina Ewald, die Abwassertechnik-Verantwortliche beim Kommunalservice: Auch das sei höchstens vorübergehend möglich, da weitere Bauwerke am Ilmufer errichtet werden. Erst dann räumte Lopp ein, dass eine solche Umleitung an der Ilm höchstens für ein Drittel der Bauzeit genutzt werden könne. Diese wurde erstmals mit nun dreieinhalb statt drei Jahren angegeben.

Eine ernsthafte Einbeziehung von Tiefurt hat für Ortsteilbürgermeister Jörg Rietschel nicht stattgefunden. Und niemand habe ernsthaft nach Alternativen gesucht. Das liege auch an der Qualität der Ausschreibung und der Vergabe. „Wenn das Bauwerk in fünf Jahren endlich fertig ist und dann 12 oder 15 statt 9,5 Millionen gekostet hat, werde ich daran erinnern“, sagte er.

Stadtrat Fritz Folger, der im KSW-Werkausschuss sitzt, betont: „Uns wurde eine Radweg-Alternative nah an der Baustelle für rund 65.000 Euro vorgestellt. Warum ein solches Provisorium für drei Jahre jetzt plötzlich um ein Vielfaches teurer sein soll, erschließt sich mir nicht.“

Jörg Rietschel weiß warum: Zehn Meter Querung durch den Radweg sind für ihn künstlich teuer gerechnet: samt Baustellenampel und Piktogramm auf einer Baustraße. Diese Funktion könnten auch zwei Umlaufsperren und zwei Stoppschilder übernehmen, da selbst in der hohen Zeit des Aushubs nur alle vier oder fünf Minuten mit einem Baufahrzeug zu rechnen sei.

OB Peter Kleine sieht keine Alternative zur Umleitung über das Webicht. Nach allem, was ihm Kommunalservice und Planer sagen, sei die Querung der Baustelle durch den Radweg zu gefährlich. Er müsse einsehen, dass er im Juli zu schnell die baustellennahe Umleitung zugesagt habe. Nach einer vertiefenden Auseinandersetzung überwiegen für ihn Sicherheits- und Kostenbedenken. „Ich kann mein vor dem Stadtrat gegebenes Versprechen nicht einhalten und entschuldige mich dafür“, sagte Peter Kleine.

Für Ortsteilbürgermeister Jörg Rietschel kommt auch diese Absage angesichts der unbeantworteten Fragen zu schnell: „Vielleicht müssen wir unseren Unmut eben doch anders zu Gehör bringen.“