Sehnsucht nach Vollmond: Eine schwere Zeit für ein Weimarer Reisebüro

Plötzlich sah sich Martina Scholz nicht mehr mit Buchungen beschäftigt, sondern mit Stornierungen. Über die nervenaufreibende Zeit eines Weimarer Reisebüros im Lockdown.

Wenn Martina Scholz einen Reisewunsch frei hätte, würde sie gern auf Safari nach Tansania.

Wenn Martina Scholz einen Reisewunsch frei hätte, würde sie gern auf Safari nach Tansania.

Foto: Gerald Müller

Kürzlich war ich für einige Tage beruflich in Warnemünde, konnte dort am Strand laufen, Meerluft schnuppern - ach, wie schön. Mal wieder raus aus der Heimat, die ich sehr liebe, doch ich brauche die Auszeiten, das Kofferpacken, das Reisen. Wie viele Menschen auch. Rund neun Monate ist das nun schon nicht mehr richtig möglich, der Sommer hatte nur kurz Hoffnung auf Besserung gemacht. Ein trügerischer Schein, der sich bei mir allerdings nie ausgeweitet hatte. Im Gegenteil. Schon Mitte März, als der erste Lockdown angeordnet wurde und wir schließen mussten, war mir intuitiv klar, dass das für lange Zeit sein würde.

Komischerweise gehörte zu meinen ersten Handlungen, dass ich die große Kaffeemaschine ausgeschaltet habe, die auch Gäste in unserer kleinen Bar versorgt hat. Und ich prüfte schnell noch andere Kostenfaktoren. Ja, und plötzlich waren wir nicht mehr mit Buchungen beschäftigt, sondern mit dem Stornieren und Abwickeln von Reisen. Wie bitter, wie traurig und oft auch so nervenaufreibend.

Urlauber warten heute noch auf ihr Geld

Stundenlang habe ich mich mit meinem Team bemüht, für unsere Kunden da zu sein, zu vermitteln, ihnen geraten, keine Gutscheine zu akzeptieren, auf Umbuchungen zu verzichten. Doch die Reiseveranstalter zeigten manchmal wenig Entgegenkommen, einige waren wochenlang für uns nicht erreichbar, kassierten allerdings die bereits überwiesenen Provisionen wieder ein. Und auch gegenüber den Urlaubern mangelte es manchmal an Kooperation, einige von ihnen warten heute noch auf ihr Geld.

Und wir als Reisebüro haben seit Monaten fast keine Einnahmen. Nicht einfach, auch wenn die Branche durchaus krisenerprobt ist. Wir haben zum Glück staatliche Hilfe erhalten, meine Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, ich versuche, sie irgendwie aufzumuntern und jenen Zuversicht zu vermitteln, die anrufen, Mails schreiben, an die Tür auf dem Herderplatz klopfen.

Corona darf nicht das Leben kaputt machen

Man spürt: die Menschen haben wie ich eine ungebrochene Sehnsucht nach Reisen. Seit Jahren organisieren wir ja auch selbst Gruppenfahrten, beginnend mit dem Bus zum Flughafen. Auch dadurch war ich schon in weit über fünfzig Ländern, unvergessen bleibt der Besuch von Machu Picchu in Peru oder der Blick zum Vollmond über dem Ayers Rock in Australien. Ich denke in solchen Momenten der Erinnerung auch an die oft aus ärmlichen Verhältnissen stammenden, liebenswürdigen Reiseleiter vor Ort, die sich jetzt einen anderen Job suchen mussten.

Hätte ich aktuell einen Reisewunsch frei, dann wäre es eine Safari in Tansania - Natur, Licht, Tiere. Für nächstes Jahr haben bei uns bisher rund ein Dutzend Leute gebucht. Die erste Reise wäre im Februar in die Schweiz, zu Ostern möchte eine Familie auf die Malediven. Ich gönne es ihnen so sehr, dass das klappt. Corona darf uns nicht das Leben kaputt machen.

(notiert von Gerald Müller)

Biografisches

  • Martina Scholz hat Facharbeiterin für Eisenbahn-Transport und Betriebstechnik gelernt und ein Ingenieur-Studium absolviert.
  • Seit über dreißig Jahre ist sie in der Reisebranche tätig.
  • Als alleinige Inhaberin leitet die 59-jährige Weimarerin das Reisebüro Scholz seit dem Jahr 1990.

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