Weimarer Nationalversammlung beim Kunstfest authentisch nachgestellt

Weimar  Exakt 100 Jahre nach Inkrafttreten der Verfassung hat Regisseur Nurkan Erpulat die Geburtsstunden der Demokratie am DNT in Weimar nachempfunden.

Bürgerinnen und Bürger aus der Region, DNT-Schauspieler und Politik-Promis dienten im „Reichstag-Reenactment“ als Sprecher. Die erste Rede einer weiblichen Abgeordneten in einem deutschen Parlament, Marie Juchacz, war auf mehrere Akteurinnen verteilt.

Bürgerinnen und Bürger aus der Region, DNT-Schauspieler und Politik-Promis dienten im „Reichstag-Reenactment“ als Sprecher. Die erste Rede einer weiblichen Abgeordneten in einem deutschen Parlament, Marie Juchacz, war auf mehrere Akteurinnen verteilt.

Foto: Thomas Müller

Am Ende des Tages wird Friedrich Ebert als Reichspräsident vereidigt. Feierlich erhebt sich der Saal zur Zeremonie. Es ist einer der glücklichsten Momente in unserer Geschichte, denn die erste demokratische Verfassung der Deutschen tritt in Kraft. Wir schreiben den 21. August ’19. Die Nationalversammlung zu Weimar hat ihre Arbeit getan, mit etwas Wehmut verlassen die Parlamentarier die kleine, große Kulturstadt am Gestade der Ilm. War alles nur Theater?

Ganz und gar nicht. Exakt 100 Jahre danach hat Regisseur Nurkan Erpulat zur Kunstfest-Eröffnung die Geburtsstunden der Demokratie in unserem Vaterland am authentischen Ort, dem Deutschen Nationaltheater zu Weimar, als „Reichstag-Reenactment“ mit Schauspielern, Politikern und Bürgern aus der Region nachgestellt. Auf karger, provisorischer Bühne (Nurkan Erpulat, Luise Ehrenwerth), die mit einem Manuskripthalter und drei Folienvorhängen - in Schwarz, in Rot und in Gold - völlig auskommt, sprechen sie Redetexte aus den Parlaments-Debatten zwischen Februar und August 1919 nach. Das will diskursives Dokumentar-Theater in seiner puristischsten Form sein und eine partizipative, soziale Skulptur. Ein Drama indes ist es im strengen Sinn nicht.

Denn an äußerer Handlung fehlt es auf der Bühne praktisch vollständig. Die Akteure tragen lediglich die authentischen, von dem Historiker Walter Mühlhausen ausgewählten Textmengen vor: mal mit Pathos, mit kämpferischer Verbissenheit mal voller niederschmetternder Bitternis - je nach Talent und historischer Situation. Diesmal wie damals befinden sie sich - wie wir - in der Klausur des Theaters, während das Weltgeschehen, auf das sie vehement reagieren, wie von ferne hereindringt.

„Mit den alten Königen und Fürsten von Gottes Gnaden ist es nun für immer vorbei. Das deutsche Volk ist frei, bleibt frei und regiert bis in alle Zukunft sich selbst.“ Mit diesen Worten eröffnet der Volksbeauftragte Ebert am 6. Februar die Verfassunggebende Nationalversammlung. Er erinnert an den erst Wochen zuvor beendeten Krieg, erklärt daraus die bedrohliche Not und protestiert ge­gen Rache und Reparationsforderungen der Siegermächte. Das ergibt den Spannungsbogen der nachgebildeten Legislativen - indessen Volksseele und Staatsräson, wie Ebert den „Geist von Weimar“ beschwört, sich vom Imperialismus zum Idealismus wandeln sollen.

Die schwere Hypothek des Versailler Vertrages

So streitet man im Parlament einerseits um hehre Maximen wie Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit oder den Acht-Stunden-Tag, andererseits gibt es furchtbare Not und Unruhen im Lande, und als in Versailles die Verhandlungen um einen Friedensvertrag beginnen, droht die junge Nation von der Entente zutiefst gedemütigt zu werden. Bis zuletzt wehrt die Reichsregierung sich gegen das aufoktroyierte Anerkenntnis der Kriegsschuld. Vergeblich; der pragmatische, aber unausweichliche Kotau erwächst bald später zur schwersten Hypothek für die Republik.

Wir hören, wie Innenminister Franz Kreutz (aus dem Munde des Oberbürgermeisters Peter Kleine) an das Freiheitsstreben des Vormärz unter schwarz-rot-goldener Fahne anknüpft, wie Marie Juchacz (auf mehrere Sprecherinnen verteilt) selbstbewusst im Dienste der Emanzipation als erste Frau eine deutsche Parlamentsrede hält, wie die USPD-Delegierte Luise Zietz (in Gestalt Gregor Gysis) gegen die blutige Niederschlagung von Aufständen wettert, den ungesühnten Mord an Liebknecht und Luxemburg beklagt und vor einem Bürgerkrieg warnt, und wie Reichskanzler Philipp Scheidemann (alias DNT-Schauspieler Sebastian Kowski) mit der Klage über Zeitungsverbote im Ruhrgebiet durch Spartakisten dagegen hält. Immer wieder wird SPD-Minister Gustav Noske von tumultuösen Zwischenrufen gestört, als er das bewaffnete Vorgehen gegen Unruhen rechtfertigen will.

All das ergibt eine Geschichtsstunde par excellence. Denn wir lernen, wie man vieles, das uns selbstverständlich erscheint, damals erst erstritt. Etwa die bürgerlichen Grundrechte, den Abschied vom wilhelminischen Kolonialreich oder den 1. Mai als Feiertag. Vergleichsweise banal wirkt ein Zwist über die Biersteuer, wirft aber ein Schlaglicht auf den deutschen Föderalismus. Das Problem, dass die präzise historische Situation mancher Reden dem Publikum kaum präsent sein kann, versuchen die Autoren des Abends mit eingeblendeten, knappen Erklärtexten zu lindern - hier bleibt ein Defizit des Weimarer „Reenactment“-Versuchs.

Sinnliche Reize birgt der sperrige, wundervolle, aufregend langweilige Abend kaum. Einzig musikalische Interventionen durch eine Jazzband und den famosen Bariton Matthias Goerne stiften Auflockerung, und es wird zu einer Art Lust, darauf zu achten, wessen Texte die wenigen Polit-Promis zugewiesen erhalten haben. Bodo Ramelow schimpft mit Worten des SPD-Manns Gustav Bauer auf die Despotie der Siegermächte in Versailles und nutzt die Chance für ein Extempore gegen Donald Trump, Kulturstaatssekretärin Babette Winter fordert in Gestalt Marie Baums (DDP) eine gleichberechtigte Rolle der Frau in Beruf und Wirtschaft, und Staatskanzleiminister Benjamin Hoff alias Oskar Cohn lehnt die Weimarer Verfassung ab, weil sie ihm nicht sozialistisch genug sei.

Bei alledem sollte man die Besetzung der „Rollen“ keinesfalls überbewerten. Schließlich hätte dann am Ende sogar das „Volk“ versagt, weil der Saal sich trotz freien Eintritts binnen dreier Stunden zur Hälfte geleert hat. Eine politische „Abstimmung mit den Füßen“ war das nicht; die freiheitlich-demokratische Grundordnung im Lande will partout niemand missen. Nur aufs Theater mag man zuweilen verzichten.

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