Weimars erster Stadtradel-Star Dirk Reddmann überquert Alpen

Weimar  Der Leichtathlet vom KSSV Victoria Weimar radelte in fünf Tagen von der Poebene nach Weimar

Dirk Reddmann bei der Auffahrt am Sellajoch. Foto: Dirk Reddmann

Dirk Reddmann bei der Auffahrt am Sellajoch. Foto: Dirk Reddmann

Foto: Dirk Reddmann

Es war zwar kein Stadtradeln im Wortsinn. Doch natürlich widmete ich meine Tour ebenfalls dem Stadtradeln: von Italien nach Hause. In meiner zweiten Stadtradel-Woche unternahm ich dafür eine mehrtägige Radtour. Es sollte mal wieder über die Alpen gehen.

Nach Sichtung diverser Zugverbindungen entschied ich mich für Conegliano nördlich von Venedig als Startpunkt. Die Kombination aus der Lage am Alpenrand und der bequemen Anreise mit nur zwei Umstiegen und dem Nachtzug waren ausschlaggebend. Zurück sollte es dann durch die Alpen und Bayern in Richtung Heimat gehen. Wie weit, das würden das Wetter, der eigene Körper und die Lust am Radeln entscheiden. Mit München, Nürnberg oder Bamberg gibt es entlang der geplanten Strecke gute Anknüpfungspunkte an das ICE-Netz. Da hier der ICE 4 unterwegs ist, wäre auch der Radtransport kein Problem.

Für die Hinfahrt konnte ich jedoch leider keinen Radstellplatz buchen. So galt es, das Rad in ein fernzugkompatibles Gepäckstück umzugestalten. Das ist zum Glück recht einfach: Man muss nur das Vorder- und Hinterrad herausnehmen und seitlich am Rahmen fixieren. Diese Paket wird dann anschließend kunstvoll mit Frischhaltefolie umwickelt und passt im Nightjet sogar unter die Liege.

Der Transport klappte wie geplant: Am späten Sonntagnachmittag ging es los. Schon nächsten Morgen fuhr ich mit dem Rad durch Conegliano.

Von Conegliano nach Weimar

Auf den ersten 50 Kilometern durch die Poebene gab es beeindruckend viele Radwege. Doch diese endeten häufig im Nirgendwo. Vielleicht verpasste ich auch mal den entscheidenden Abzweig… So fuhr ich dann auf meiner ursprünglich geplanten Route über Nebenstraßen weiter. Da die Gegend jedoch dicht besiedelt und stark industriell geprägt ist, gab es leider überall viel Pkw- und Lkw-Verkehr. So war ich froh, als ich die Alpen erreichte. Ich hatte mir dort eine Strecke über sechs Pässe in Richtung Norden herausgesucht. Darunter „Juwelen“ wie der fast verkehrsfreie Passo Manghen (2047 Meter) und die unglaublich schöne Passkombination von Sella- und Grödnerjoch.

Um etwas leichter über die Berge zu kommen, hatte ich mein Gepäck vor der Reise deutlich reduziert. Frei nach Silbermond: „Es reist sich besser mit leichtem Gepäck.“ Meine Kleidung, Schlafsack und Kocher – alles passte in eine kleine Packtasche.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder an die ewig langen Auffahrten in den Alpen gewöhnt hatte. Schnell ist bei einem Aufstieg ein Vormittag vergangen. Insbesondere der 29 km-Anstieg zum Timmelsjoch (2505 Meter) mit über 1800 Höhenmetern verlangte mir alles ab. Einige Passagen musste ich dann sogar schieben. Dort war auch extrem viel Betrieb. Es tummelten sich viele Ausflügler mit Auto, Motorrad, Wohnmobil und sogar uralten Traktoren. Teilweise fühlte ich mich wie auf einer Sportwagengala. Die Rennversionen der sowieso schon schnellen Wagen von Ferrari, Lamborghini und Porsche zeigten sowohl bergauf als auch bergab ihr beeindruckendes Leistungsvermögen.

Das fand ich spannend, aber auf Dauer doch wegen der Geräuschkulisse nervig. Abgesehen davon, war die Fahrt durch die Alpen sehr entspannt. Ich bekam öfter von den Vorbeifahrenden einen erhobenen Daumen gezeigt.

Die drei Dinge auf Langstreckenfahrten

Dank der herrlich langen Tage und des schönen Wetters konnte ich relativ große Distanzen vor der fantastischen Alpenkulisse und anschließend durch die Bilderbuchlandschaften Bayerns zurücklegen. Am schönsten empfand ich immer die Zeit nach 18 Uhr. Allein auf den Straßen, genoss ich die Fahrt in vollen Zügen. Das Zwitschern der Vögel, der Duft der Holunderblüten und die Ruhe der Dämmerung waren gefühlt nur für mich da. Einmal standen sogar ein paar Hirsche auf der Straße direkt vor mir. Grandios! Nach Sonnenuntergang begann dann immer die Quartiersuche. Naja, ich suchte mir eine Wiese in der Natur, wo ich meine Isomatte ausrollen und meine Plane aufspannen konnte. Oder ich nutzte auch mal einen Sportplatz mit gut gemähtem Rasen oder einen Spielplatz am Dorfrand als „Unterkunft“.

Langstreckenfahrten wie diese bestehen aus nur drei einfachen Dingen: Radfahren, Essen/Trinken und Schlafen. Der Fokus liegt dabei auf dem Radeln. Die durchaus vorhandene Monotonie hat etwas sehr Erholsames. Der Körper arbeitet ruhig, der Geist nutzt die freien Kapazitäten, um alle möglichen Dinge positiv zu durchdenken. Glücklicherweise hatte ich keine Sitzprobleme, und auch mein Nacken machte mir keine Sorgen.

Am Ende des Tages stand auf dem Tacho immer eine Nettofahrzeit von zehn bis 13 Stunden. Der Schnitt lag zwischen 20 und 24 km/h. In fünf Tagen fuhr ich so 1190 Kilometer. Wenn ich nun am Schreibtisch sitze, kann ich es selbst kaum glauben, dass ich diese Strecke gefahren bin und vor allem auch so viel Spaß dabei hatte.

Am fünften und letzten Tag meiner Reise passierte es dann in der Nähe von Nürnberg: Während der Fahrt hatte ich in einem Dorf kurz auf die Karte geschaut und dabei übersehen, dass sich die Straße vor mir verengt. So blieb plötzlich mein Vorderrad an der Bordsteinkante hängen und mein Rad schliff mehrere Meter an ihr entlang, ehe ich dann doch fiel. Es war mein erster Sturz mit Renn- oder Reiserad überhaupt. Verrückt fand ich, wie man einen solchen Moment wahrnimmt: Alle Informationen werden blitzschnell aufgenommen. Ich erinnere mich sogar daran, dass ich kurz vor dem Aufprall dachte: „Es ist gut, dass ich einen Helm trage.“

Der Sturzhelm hat ein paar Kratzer davongetragen und ich zum Glück nur einige Hautabschürfungen. Diese wurden in der direkt neben der Unfallstelle liegenden Tierarztpraxis perfekt versorgt. Die Hunde mussten solange warten. Danke hierfür! Trotz des kaputten Trikots, zerfetzter Hose und angerissener Felge konnte ich aber meine Fahrt auf dem Rad bis nach Hause fortsetzen.

Kurz vor der Haustür traf ich in Weimar noch einen Freund. Dieser war auch gerade als Stadtradler unterwegs und nutzte die abendlichen Stunden, um seine Mannschaft weiter nach vorn zu fahren. Mit 303 Kilometern in den Beinen nahm ich dann überglücklich meine Familie wieder in die Arme.

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