Zu Besuch beim neuen Leiter des Weimarer Kollegs Friedrich Nietzsche

Weimar  Nietzsche wird 175 und das Kolleg 20 Jahre alt. Anlässlich dieser Geburtstage hat Professor Helmut Heit vier Frauen zum öffentlichen Kolloquium eingeladen.

Professor Helmut Heit leitet seit Frühjahr 2019 das Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar in der Villa Silberblick, dem letzten Wohnsitz des Philosophen.

Professor Helmut Heit leitet seit Frühjahr 2019 das Kolleg Friedrich Nietzsche der Klassik Stiftung Weimar in der Villa Silberblick, dem letzten Wohnsitz des Philosophen.

Foto: Wolfgang Hirsch

Das Glücklichwerden und das kulturelle Erbe hat Helmut Heit ganz oben auf seine Agenda gesetzt. Diese zwei Themenkomplexe will der neue Leiter des Kollegs Friedrich Nietzsche in der Klassik Stiftung Weimar mit allen zur Verfügung stehenden philosophischen Kräften vorrangig bearbeiten. Dass er außerdem, obwohl erst seit Frühjahr im Amt, schon diesen Herbst aus kalendarischen Gründen zum Feiern verdammt ist, betrachtet er nüchternen Blicks: Nietzsche wird 175 und das Kolleg 20 Jahre alt. Das wird auch an Heit nicht trocken vorbeigehen.

Recht provisorisch wirkt der Arbeitsplatz des 49-jährigen Vordenkers im Obergeschoss der Villa Silberblick, Nietzsches letztem Wohnsitz. Ein schwerer Metallschrank und ein unscheinbarer, abgewetzter Vollholz-Schreibtisch bilden das wesentliche Mobiliar - als sei das Zimmer zum Umzug geräumt. Kein Wunder, das historische Haus steht zur Sanierung an. „Ich bin eigentlich nur hier, wenn ich meine Ruhe haben will“, gesteht Heit. Ansonsten hat er übergangsweise ein Büro im Wittumspalais bezogen. Doch der Genius loci, der abgehobene Blick vom Balkon hinab auf die Klassikstadt übt auch auf ihn einen Reiz aus; als frei denkender Philosoph Nietzsches Positionen obwalten zu dürfen, empfindet er als wahrhaften Traumjob.

Die Ausstattung bleibt freilich karg. Wie Rüdiger Schmidt-Grépaly, sein Vorgänger im Amt, hat Heit bloß 70.000 Euro Jahresetat sowie eine halbe Stelle für einen wissenschaftlichen Volontär zur Verfügung. Alles Weitere hängt ab vom eigenen Geschick und einem Netzwerk an weltumspannenden Kontakten. Immerhin hatte der Norddeutsche, der aus der kleinen Gemeinde Herzlake im Emsland stammt, zuletzt eine Professur in Shanghai inne.

So hat Heit, um am 12. Oktober den Nietzsche-Geburtstag drei Tage voraus zu feiern, vier Frauen zum öffentlichen Kolloquium eingeladen: Renate Reschke (Berlin), Sigridur Thorgeisdottir (Reykjavik), Scarlett Marton (Sao Paulo) und Maudemarie Clark (Riverside/Kalifornien) bilden das geistreiche Kleeblatt für den akademischen Teil in der Nietzsche-Gedächtnishalle; für den dionysischen, der noch ungeplant ist, denkt Heit eher in Richtung „Techno und Tequila“ als an Klassik und Cola.

Mindestens an diesem Tag wird er die Verhältnisse in der ehrwürdigen Stiftung zum Tanzen bringen. Was er darüber hinaus bewegt, hängt davon ab, welche Allianzen es ihm zu schmieden gelingt. Den Anspruch, mit dem Nietzsche-Kolleg ein „Think Tank“ zu sein, hielte Heit angesichts seiner Ressourcen für stark überzogen. Aber er möchte ein paar heutige, im Sinne des Namenspatrons in die Zukunft gerichtete Themen setzen. Zum Beispiel die Frage nach der Bedeutung des kulturellen Erbes. Und das greift an die Seins-Wurzel der Einrichtung, der er selbst angehört.

Warum bewahren wir diese Schätze, und welche Funktion haben sie für unsere Selbstverständigung?, fragt er. Ergötzen wir uns am Kuriosen, Exzentrischen, ja Fremden, das aus der Zeit etwa Goethes und Schillers auf uns gekommen ist, oder befassen wir uns noch mit ihrer Dichtung? Und selbst wenn wir ein Drama wie „Die Räuber“ - Heits Lieblingsstück Schillers - aus seiner Entstehungszeit heraus verstehen, suchen wir doch nach Bezügen zur heutigen Zeit. Hier werde das historische Bewusstsein letztlich zu einer Fremderfahrung, sagt Heit. „Dieser Goethe hat in einer ganz anderen Welt gelebt“, diagnostiziert er und bringt Nietzsches „Zweite unzeitgemäße Betrachtung“ mit der Kritik an der Vergangenheitsorientierung seiner damaligen Gegenwart in Anschlag.

Als zweites großes Thema auf der Agenda nennt er die Philosophie eines gelingenden Lebens im Zeitalter der Beschleunigung. Der Neu-Weimarer spricht schlicht von „Lebenskunst“, hat dabei auch fernöstliche Ansätze im Auge und vermutet, dass es unweigerlich auf eine Konsumismuskritik hinaus laufen könnte. Als Mitstreiter hat er unter anderen Hartmut Rosa vom benachbarten Max-Weber-Kolleg und Martin Saar, den Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, mit im Boot. Daraus könnte sogar, Fördermittel vorausgesetzt, ein eigenes Forschungsprojekt entstehen.

Helmut Heit ist es gewohnt, die Ärmel aufzukrempeln. Er stamme, wie er selbst sagt, aus einem eher bildungsfernen Umfeld im Emsland, hat sich früh für Philosophie begeistert und das Studium in Hannover als Barmixer und Altenpfleger aus eigener Kraft finanziert. Ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung half zur Promotion über die Ursprünge der westlichen Philosophie in der griechischen Antike, indessen er ein späteres Dilthey-Stipendium an der TU Berlin nicht zum Abschluss der Habilitation über Nietzsches Wissenschaftsphilosophie nutzte. Stattdessen ließ Heit sich lieber den Wind der weiten Welt um die Nase wehen, übernahm Lehrverpflichtungen und Gastprofessuren in Berlin, San Diego, Melbourne und zuletzt in Shanghai.

Wie ihn diese exotischen Auslandserfahrungen verändert haben? Helmut Heit überlegt lange und gesteht, mit Shanghai habe er eigentlich noch nicht völlig abgeschlossen. Aber er habe inzwischen einen „etwas gelasseneren Blick darauf entwickelt, was in Deutschland die riesengroßen Probleme sind“. So betreibt er die neue Aufgabe im kleinen Weimar, die nun zum Lebenswerk werden soll, mit wenig Geld, viel Augenmaß und unerschöpflichem Optimismus - als Zukunftswerkstatt auch in eigener Sache.

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