Wie Walter Kogler als Trainer des FC Rot-Weiß ein Geisterspiel erlebte

Erfurt.  Im Februar 2015 spielte Erfurt bei der SG Dynamo Dresden – vor leeren Zuschauerrängen.

Leeres Stadion beim Einlauf der Mannschaften zwischen Dynamo Dresden und Rot-Weiß Erfurt (in Blau).

Leeres Stadion beim Einlauf der Mannschaften zwischen Dynamo Dresden und Rot-Weiß Erfurt (in Blau).

Foto: Sascha Fromm

Die Ränge waren gähnend leer, die Kommandos der Profis auf dem Rasen drangen bis unters Stadiondach, am Rand des Spielfeldes sorgten nur ein paar Balljungen für Bewegung. Ansonsten herrschte Stille. „Für meine Mannschaft war vielleicht der Druck dadurch nicht so groß. Aber es war schon eine komische Situation“, sagt Walter Kogler. Als Trainer reiste er im Februar 2015 mit dem FC Rot-Weiß Erfurt zum Drittliga-Punktspiel bei Dynamo Dresden und erlebte einen denkwürdigen Kick – vor null Zuschauern.

So beglückt nun die Fußball-Bundesliga über die Geisterspiele zu sein scheint, so war die Verbannung der Fans einst als Strafe des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gegen die Sachsen gedacht – und traf den FC Rot-Weiß gleich mit. „Wir sind mit Unbehagen nach Dresden gefahren, weil uns klar war, dass es kein normales Spiel werden würde und ja auch wir auf unsere Anhänger verzichten mussten“, sagt Kogler beim Blick zurück.

Der DFB verdonnerte Dresden damals zu der bei vielen Fans scharf kritisierten Kollektivstrafe, nachdem zuvor bei der Dynamo-Dienstreise nach Rostock dort Schiedsrichter Daniel Siebert (Berlin) das Treiben auf dem Rasen wegen bengalischen Feuers und Raketen auf den Rängen für knapp eine Viertelstunde unterbrechen musste. Statt eines ausverkauften Spiels mit 30.000 Fans gingen Dresden – in jenem Duell trainiert vom gebürtigen Erfurter Stefan Böger – nun immerhin Einnahmen in sechsstelliger Höhe verloren.

Czichos erzielt Siegtreffer

Sportlich lief es für den FC Rot-Weiß glänzend. Der heute beim 1. FC Köln spielende Rafael Czichos erzielte nach Vorarbeit von Angreifer Carsten Kammlott in der 88. Minute den Siegtreffer. Die Thüringer verkürzten so den Rückstand zu den Aufstiegsplätzen auf nur noch zwei Punkte.

„Als Spieler muss man unheimlich darauf achten, was man sagt. Denn der Gegner hört alles viel besser mit als sonst“, sagte damals RWE-Angreifer Okan Aydin nach dem Schlusspfiff. Der dribbelstarke 25-Jährige hatte zuvor schon in seiner Karriere zwei Geisterspiele in der Türkei erlebt.

Gänzlich Stille herrschte bei dem live im MDR-Fernsehen übertragenen Spiel allerdings trotzdem nicht. Denn was die DFL-Oberen um deren Geschäftsführer Christian Seifert nun in der Corona-Krise fürchten, trug sich damals rund um das Dresdner Stadion tatsächlich zu. Auf der abgesperrten Straße vor den Toren der Arena hatten sich etwa 300 Fußballanhänger versammelt. „Deren Fangesänge haben wir bis ins Stadion gehört. Das war schon eigenartig“, sagt Kogler rückblickend. Aber auch einige Böller waren bis ins weite Rund zu vernehmen. Steine und Flaschen flogen. Im Polizeibericht war von 22 Anzeigen die Rede.

Der stille Triumph von Dresden war für den Erfurter Trainer allerdings ohne Nachhall. Ein paar Wochen später musste er nach vier Niederlagen in Folge seinen Stuhl räumen. Österreichs Ex-Nationalspieler Kogler, der auch als TV-Experte für Sky Austria tätig ist, kehrte in seine Heimat zurück, wechselte in die Privatwirtschaft und arbeitet seit fünf Jahren in Graz als Geschäftsführer eines Unternehmens aus der Gesundheitsbranche: „Von Corona sind wir auch betroffen, aber mir geht es gut.“

Galt das Geisterspiel damals als Strafe, sollen sie nun in der Corona-Krise der Heilsbringer des Profi-Fußballs sein. Aber gerade in Dresden ist man skeptisch. „Wir sind als Verein geisterspielerprobt und können deshalb sagen: Was da in den kommenden Wochen auf uns wartet, wird nicht annähernd die Faszination des Fußballs entfalten können, die wir an diesem Sport so lieben“, sagt Sport-Geschäftsführer Ralf Minge.

Leere Ränge auch in Erfurt

Bereits vor dem Geisterspiel in Dresden kickte der FC Rot-Weiß schon einmal vor leeren Rängen. Am 30. August 2008 gewann RWE den Drittligakick gegen Bremen II mit 3:1. Damals verfolgten 1500 Fans am Zaun des Steigerwaldstadions das Geschehen. Erfurt wurde nach rassistischen Rufen einiger Anhänger mit dem Geisterspiel und einer Geldbuße von 10.000 Euro bestraft. Noch in der gleichen Saison durfte Erfurt wegen Fanausschreitungen gegen den VfR Aalen (0:0) vor lediglich 1800 Zuschauern antreten.