Kunstpause: Adlerflug und rollende Tonne

Frank Quilitzsch hat die erste Mondlandung unter der Bettdecke erlebt.

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Ich liege mit meinem Miniradio „Kosmos“ unter der Bettdecke und lausche dem westdeutschen Kommentator, dessen Worte immer wieder von atmosphärischen Störungen verschluckt werden. Neil Armstrong und Buzz Aldrin sind auf dem Mond gelandet. Es ist schon fast Morgen, als Armstrong endlich die Leiter der „Eagle“-Fähre verlässt und vorsichtig einen Fuß auf die staubige Oberfläche setzt. Er macht nur einen kleinen Schritt, der als „riesiger Sprung für die Menschheit“ in die Geschichte eingehen wird.

Was für ein Husarenstück! Wenn ich bedenke, dass Apollo 11 über nicht mal so viel Computersoftware verfügte wie heute mein Ford Focus, frage ich mich, wie sie das geschafft haben. Navigieren zum Mond war ja noch weitgehend Hand- und Kopfarbeit.

Es war der 20. Juli 1969, und die Chancen, vom Erdtrabanten wieder zurückzukommen, standen bei neun zu zehn. Mit anderen Worten: Jede zehnte Mission musste scheitern. Apollo 13 lieferte dann den Beweis.

Dennoch, sie wollten es der Welt beweisen und haben den Traum wahr gemacht. Insgesamt sechsmal landeten die Amerikaner auf dem Mond, und von den zwölf Astronauten, die auf ihm herumhüpften, sind noch vier am Leben.

Es war ein Jahrhundertereignis, vergleichbar mit Ferdinand Magellans Erdumsegelung von 1519. Millionen Menschen haben Armstrongs erste Schritte auf dem fremden Himmelskörper live am Bildschirm erlebt. Nur wir, mein Bruder und ich, durften nicht dabei sein, denn die Eltern hatten uns verboten, „Westfernsehen“ zu gucken.

Nicht weniger ärgerte uns, dass die technologische Spitzenleistung der Nasa von den DDR-Medien heruntergespielt und wie beiläufig zur Kenntnis gegeben wurde. Die „Aktuelle Kamera“ zeigte am nächsten Tag nur ein unscharfes Foto von dem Mann in seinem klobigen Raumfahrtanzug, der die aus ihrer Sicht falsche Flagge gehisst hatte.

Es sei unverantwortlich, Menschen auf den Mond zu schicken, argumentierte Vater, das sei viel zu gefährlich. Dass die Sowjets, die mit dem ersten Satelliten im All (Sputnik 1), der ersten Hündin (Laika), dem ersten Kosmonauten (Juri Gagarin), der ersten Kosmonautin (Walentina Tereschkowa), dem ersten Weltraumspaziergang (Alexej Leonow) bis dato die Nase immer vorn gehabt hatten, eine große Schlappe erlitten, wollte er nicht eingestehen. Angeblich hatte es von sowjetischer Seite keinen Wettlauf zum Mond gegeben. Heute weiß man, dass Servicemodul und Mondlander („Korabel“) bereitstanden und die SU-Mission an der unausgereiften Trägerrakete scheiterte.

Ein Jahr später schickten sie die Sonde Luna 17 los, die einen von der Erde aus steuerbaren Roboter absetzte. Lunochod erschien groß auf der Titelseite vom „Neuen Deutschland“. Auch über diese technologische Meisterleistung sowjetischer Ingenieure freue ich mich noch heute. Nur wurde sie zu sehr in den Himmel gehoben. Neben den lässigen Nasa-Astronauten, die im mitgeführten Rover durch die Mondwüste preschten, nimmt sich das sowjetische Mobil eher wie eine Tonne auf Rädern aus.

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