Kunstpause: Wie ich endlich mein Dreirad wiederfand

Frank Quilitzsch über die Launen unseres Kurz- und Langzeitgedächtnisses.

Frank Quilitzsch

Frank Quilitzsch

Foto: Andreas Wetzel

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Was wollte ich doch gleich? Wie hieß der noch mal? Wo hab’ ich bloß meine Lesebrille hingelegt? Wieso bin ich aus meinem Arbeitszimmer in die Küche gegangen? Weshalb öffnete ich gerade die Speisenkammertür?

Oh, das Kurzzeitgedächtnis! Es spielt mir hin und wieder einen Streich. Am Abend stelle ich mein Auto irgendwo ab, und am nächsten Morgen begebe ich mich auf die Suche. Ich mache mir einen Kaffee und vergesse, ihn zu trinken.

Das geht im Grunde schon länger so. Als wir unsere Redaktion noch in Weimar in der Marienstraße hatten, fuhr ich jeden Vormittag meine Runde: Bauhausstraße, Karl-Haußknecht-Straße, Eckermannstraße – manchmal auch mehrmals. Irgendwann fand sich schließlich eine Parklücke. Nach Dienstschluss begab ich mich zu jener Stelle, wo es stehen müsste. Aber da stand es nicht. Da hatte es gestern gestanden. Oder vorgestern, daran erinnerte ich mich genau.

Das Kurzzeitgedächtnis, sagen die Neurologen, werde mit zunehmendem Alter immer schwächer. Na und. Da erinnert man sich eben nicht gleich an das, was man gerade wollte. Dafür fallen einem Dinge wieder ein, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegen und die schon verdrängt waren. Wo ein Plus ist, schrieb der alte... – wie hieß er gleich? – richtig, Strittmatter, Erwin Strittmatter. Wo ein Plus ist, ist immer auch ein Minus. Was umgekehrt aber genauso gilt.

Vergessen wird gern, dass der geistige Verfall in der Regel schon mit 26 Jahren beginnt. Mit 26! Das ist medizinisch erwiesen. Und man sieht es auch jeden Tag, wenn sie Tretroller fahren oder mit ihren Smartphones in eine Straßenbahn oder gegen die Laterne laufen. Meist wird noch mit Alkohol nachgeholfen. Aber was wollte ich eigentlich sagen...?

Ach ja: Vergessen ist wichtig. Wie sonst bekäme man den Datenmüll, der tagtäglich auf einen einströmt, wieder aus dem Kopf? Leider haben wir keine Löschtaste auf der Stirn und nur wenig Einfluss darauf, was das Unterbewusstsein nachts in uns hochspült.

Im Traum sehe ich meine Großeltern, wie sie beim Verlassen ihres Bauernhauses am Hoftor jäh stoppen. Hast du den Gashahn zugedreht?, fragt Großvater, und Großmutter zuckt ratlos mit den Schultern. Die Szene habe ich als Kind mehrfach erlebt. Nie wirst du mal wegen eines Gashahns umkehren, schwor ich mir. Ein halbes Jahrhundert später fragt mich K., da sind wir schon an der Straßenbahnhaltestelle, ob ich die Haustür abgeschlossen habe. Ich weiß es nicht mehr und gehe lieber noch mal zurück.

Das streikende Kurzzeitgedächtnis, irgendwann kriegt es uns alle an die Kandare. Schriftstellerkollegin Antje B. berichtet, sie habe mal mit Nel, dem bekannten Karikaturisten, dessen Auto gesucht. Es stand im Parkhaus, doch er wusste das Deck nicht mehr. So sind sie, in Antjes Wagen, alle Parkdecks abgefahren, bis er es gefunden hatte.

Als ich selbst wieder in der Bredouille bin, springt unvermittelt mein Langzeitgedächtnis an und sagt mir, wo ich mein Dreirad abgestellt habe. Vor 59 Jahren! Eigentlich müsste ich dringend nach Halle und nachschauen, ob es noch da steht.

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