Thüringer Spitzen: Große Kuchenstücke

Elmar Otto zu Karriere und Kompromiss.

Elmar Otto

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Foto: Andreas Wetzel

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Dass seine landespolitische Karriere so zu Ende geht, hat sich Mike Mohring selbst zuzuschreiben. Jetzt wird der Thüringer CDU-Partei- und Fraktionschef von den eigenen Leuten aus den Ämtern gedrängt.

Schade eigentlich.

Wie man es dreht und wendet, irgendwie hat Thomas Kemmerich damit am Ende ganze Arbeit geleistet. Okay, diese Verkürzung trifft es nicht ganz. Aber fest steht, seitdem der Liberale zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, hat sich bundesweit das Personalkarussell derart schnell gedreht, dass uns immer noch schwindelig ist.

Gerade mal die Demissionen von Jürgen Klinsmann als Hertha-Trainer und Kardinal Reinhard Marx als Vorsitzender der Bischofskonferenz gehen nicht auf die Kappe der liberalen Ein-MannRegierung. Ansonsten ist die Quote beachtlich.

Als Erster war der CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer bewusst, dass das Fiasko von Erfurt, bei dem Freie und Christdemokraten der AfD gehörig auf den Leim gegangen waren, ein guter Zeitpunkt ist, um Tschüss zu sagen.

Der ostbeauftragte Staatssekretär Christian Hirte sah das zunächst anders. Aber nachdem der Eisenacher wider sonstiger Gewohnheiten bei Twitter besonders schnell sein wollte und Kemmerich gratulierte, meldete sich Angela Merkel bei ihm. Der Jurist Hirte fasste das Gespräch mit der Kanzlerin formvollendet in einem Satz zusammen: „Ihrer Anregung folgend, habe ich daher um meine Entlassung gebeten.“

Profiteur des Ganzen ist ungewollt Volkmar Vogel. Der Bundestagsabgeordnete mit bau- und heimatpolitischer Expertise kletterte auf der Karriereleiter urplötzlich nach oben und dürfte davon selbst überrascht gewesen sein. Knapp vier Wochen nach seinem 61. Geburtstag beerbte der gebürtige Geraer den Erben Hirtes und ist schwuppdiwupp Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

Von Vogel einmal abgesehen hat Kemmerich mit der Annahme seiner Wahl also diverse Neuanfänge in die Wege geleitet, die andere seit längerem gefordert haben, aber nie durchsetzen konnten. Dass sich FDP-Chef Christian Lindner noch im Amt halten kann, liegt wohl nur daran, dass sich kein geeigneter Nachfolger aufdrängt. Das jedoch galt auch lange Zeit für Mohring.

Und sonst so?

Nun ja, als Thüringer kann man froh sein, dass manch Unvereinbarkeitsbeschluss doch nicht ganz ernst gemeint ist. Immerhin wird das Land von einem inzwischen zurückgetretenen FDP-Ministerpräsidenten mit Hilfe von Staatssekretären regiert, die Linke-, SPD- und Grüne-Parteibücher besitzen.

Wie es weitergeht, bleibt allerdings ungewiss. Fest steht lediglich, dass sich Rot-Rot-Grün und Union am Montag zusammensetzen, um darüber zu beraten, wie man doch noch irgendwie den alten linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow auch wieder zum neuen machen kann.

Kleiner Tipp: Vielleicht einfach den CDU-Wirtschaftswundervater Ludwig Erhard zu Rate ziehen. Der wusste damals schon: „Ein Kompromiss ist die Kunst, einen Kuchen so zu teilen, dass jeder meint, er habe das größte Stück bekommen.“

Landeskorrespondent Elmar Otto erreichen Sie unter e.otto@tlz.de

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