Unter uns gesagt: Hardrockgirl

Gerlinde Sommer über Erlebnisse beim Kunstfest Weimar.

Gerlinde Sommer

Gerlinde Sommer

Foto: Andreas Wetzel

Liebe Leserinnen,
liebe Leser!

Eine Frau kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Sie freut sich auf die Feier und noch mehr freut sie sich auf ein Geschenk, das eigentlich ein Ersatz ist: Sie hofft auf eine CD von Guns’n’Roses, denn die alte CD ist kaputt; die Frau ist ein Superfan von Axl Rose. Sie nennt sich Hardrockgirl. Sie hat das Down Syndrom und ist wegen Corona in Quarantäne. Ein merkwürdiges Wort. Es reimt sich auf so viele Worte und doch bedeutet es vor allem eines: eingesperrt sein.

Das ist die eine Geschichte, die an diesem Kunstfestabend unter freiem Himmel in Weimar erzählt wird. Die andere handelt von Rob und Ed, zwei Personen, die mit ihrer Larmoyanz von Anfang an grotesk wirken; sie gehören den selbsternannten Risikogruppen an, weil einer mal Heuschnupfen hatte… Es sind diese halb alten Leute, die sich in eine große Angst hineinsteigern, ohne besonders bedroht zu sein und die die Coronazeit nutzen, um infantilen Ausweichmanövern zu frönen: am Computer spielen die ganze Nacht beispielsweise. Sie können sich das leisten. Corona ist schuld… Corona sei dank.

Zurück zu Hardrockgirl. Die Frau, die nicht mehr raus darf, spricht ihre Gedanken auf Band. Das ist ihre Art, Tagebuch zu führen. Sie leidet darunter, ihre Mutter nicht mehr sehen zu dürfen, die auch nicht raus darf, weil sie schon alt ist. Ganz anders Ed: Der geht nicht mehr ans Telefon, wenn er weiß, dass seine Mutter anruft. Die beiden verbindet nichts. Oder doch: Ed verbindet mit seiner Mutter Hass und Niedertracht…

Hardrockgirl fiebert mittlerweile ihrem 40. Geburtstag entgegen. Und das ist im Wortsinn gemeint. Die Frau erkrankt. Sie wird an dem so herbeigesehnten Geburtstag sterben. Mutterseelenallein.

Solche Theaterabende machen dieses Kunstfest 2020 in Weimar ganz außergewöhnlich in außergewöhnlicher Zeit. Es waren übrigens einige Plätze frei. Schade.

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