Manfred Wettstein: BRD betreibt DDR-Aufarbeitung nur halbherzig

Gotha  Manfred Wettstein gründete am 26. Mai 1990 den Thüringer Verband der Opfer des Stalinismus. Er ist über das Ergebnis der Aufarbeitung desillusioniert. Wir sprachen mit ihm im Interview.

Manfred Wettstein war aktiv im Wendeherbst in Gotha. Diese Gedenktafel am Haus Helenenstraße 4, wo ehemals die MfS-Kreisdienststelle ihren Sitz hatte, würdigt seit wenigen Jahren den Mut von Menschen wie ihm. Foto: Wieland Fischer

Manfred Wettstein war aktiv im Wendeherbst in Gotha. Diese Gedenktafel am Haus Helenenstraße 4, wo ehemals die MfS-Kreisdienststelle ihren Sitz hatte, würdigt seit wenigen Jahren den Mut von Menschen wie ihm. Foto: Wieland Fischer

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Manfred Wettstein hat eine Telefonliste – und auf der sind die meisten Namen durchgestrichen. Es ist die Liste derer, die einst beim OdS – seinem Verein für die Opfer des Stalinismus – eine wichtige Rolle spielten und den wenigen, die noch aktiv sind. Am Sonnabend, 26. Mai 1990, war in der Gothaer Stadthalle der Ostableger des Verbandes der Opfer des Stalinismus (VOS) gegründet worden. Viele Mitglieder waren damals schon im Rentenalter und sind mittlerweile verstorben. Schon kurz nach der Gründung kam es zum Zerwürfnis. Wettstein machte aus dem VOS den OdS. Kurz vor dem Jahrestag der Gründung – über die ich damals groß auf der Titelseite der TAGESPOST berichtete – habe ich Wettstein wieder einmal getroffen. Im TLZ-Gespräch blickt Manfred Wettstein, Jahrgang 1949, nicht nur zurück auf turbulente Zeiten, sondern fällt vor allem auch ein kritisches Urteil über den Ist-Zustand der Aufarbeitung und den Umgang mit den Opfern der SED-Diktatur.

Wenn Sie auf die Hoffnungen der Opfer des Stalinismus vor 25 Jahren zurückschauen und das vergleichen mit dem, was alles nicht eingetreten ist: Was kommt Ihnen da in den Sinn?

Das lässt sich in einem knappen Satz zusammenfassen: Die Bundesrepublik hat die DDR-Vergangenheitsbewältigung nur halbherzig betrieben. Von Anfang an!

Weil das Leid der Menschen, die Opfer der SED-Diktatur wurden, den Westen nicht interessiert?

Nein, so einfach ist das nicht. Es muss handfeste Gründe gegeben haben für diese Halbherzigkeit.

Klingt nach Verschwörungstheorie.

Nein. Meine Meinung ist: Wenn wir irgendwann die Rosenholz-Akten komplett einsehen könnten, wüssten wir auch warum.

Erst jüngst gab es vom Bundesgerichtshof ein Urteil, das besagt, dass eine Frau aus Thüringen, die als kleines Kind in ein Heim gesteckt wurde, weil der SED-Staat ihre ausreisewillige Mutter kriminalisiert und in den Knast gesteckt hatte, nicht automatisch Anrecht auf Rehabilitierung und Entschädigung hat. Wie werten Sie das?

Das ist ein juristisches Problem. Aber klar ist doch auch, dass mit dieser Einweisung ins Heim der gesamte Lebenslauf eines solchen Kindes negativ beeinflusst worden ist. Und speziell für diese Kinder muss etwas getan werden.

Woher wissen Sie, wie es im Heim war?

Ich bin mit Heimkindern groß geworden – in Wilhelmsthal bei Eisenach. Ich weiß wie Heimkinder behandelt worden sind und mache mir da viele Gedanken.

Der Thüringer Rolf Beilschmidt, einst Spitzensportler und danach Sportfunktionär, war inoffiziell für die Stasi tätig. Heute ist er Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes – und auch nach einer Begutachtung durch die Geiger-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes mit dem Segen des LSB unangefochten im Amt – trotz der Forderung der Doping-Opfer-Hilfe von Ines Geipel nach sofortigem Rücktritt. Was sagen Sie?

Ich habe keine Funktion in dieser Hinsicht, aber ich bin einer der wenigen Kenner der ganzen Stasi-Problematik in Thüringen. Ich habe LSB-Präsident Peter Gösel bereits angeboten, mir die Unterlagen anzuschauen und dann mit Rolf Beilschmidt zu reden. Erst wenn ich das gesehen habe, kann ich mir ein Urteil erlauben.

Was halten Sie denn generell von der Geiger-Kommission des DOSB?

Da müssen kompetente Leute rein, nicht ehemalige Staatssekretäre – sonst kommt nur Wischiwaschi raus. Aber das ist ja der Plan: Es soll nicht wirklich aufgedeckt werden, was war.

Und währenddessen sterben Doping-Opfer fast unbemerkt, so wie jüngst Volker Heinrich, der 58-jährig in Gräfenroda beigesetzt wurde. Er war mal eines der hoffnungsvollsten Lauftalente der DDR, es worden mit ihm Dopingversuche gemacht, er wollte ausreisen, wurde eingesperrt, durfte später doch in den Westen... Warum wird nicht durchgreifend aufgeklärt, was im Dopingbereich passiert ist zu DDR-Zeiten?

Wenn richtig aufgeklärt würde, könnten die Dopingverstrickungen in der alten Bundesrepublik genauso zur Sprache kommen. Der Osten könnte auf den Westen zeigen und umgekehrt. Also lässt man alles schön unter der Decke.

Ein großes Unrecht war die Vertreibung aus dem Grenzgebiet. Aber die Zwangsausgesiedelten sind wenigstens entschädigt worden...

Nur die Thüringer. Und da auch nur die, die in Thüringen geblieben sind. Meine Vorsitzende beim OdS ist dafür ein Beispiel: Elisabeth Freyer ist aus dem Grenzgebiet der DDR erst nach Crimmitschau verfrachtet worden, stellte dann einen Ausreiseantrag, kam in den Westen – und musste in Coburg alle Unterstützung zurückzahlen. Entschädigt worden für den Verlust der Heimat im Grenzgebiet ist sie nie. Und das ist kein Einzelfall.

Es gab die konzertierten Zwangsaussiedlungsaktionen 1952 und 1961...

...und anschließend wurden alle die, die als verdächtig galten, auch ausgesiedelt. Und über die spricht keiner. Selbst ich bin überfordert bei der Frage, ob diese Personen einen Antrag stellen können auf Entschädigung, weil es ja nicht um die von Ihnen angesprochenen Aktionen „Kornblume“ und „Ungeziefer“ geht.

Dann sind da die Menschen, die – oft nach langer Ungewissheit – ausreisen durften und denen im Westen gesagt wurde: Ihr werdet bei der Rente so behandelt, als ob ihr immer im Westen gelebt hättet. Das ist nach der Wende geändert worden – und bedeutet bei manchen Betroffenen nun Altersarmut, weil ihre Rente unerwartet niedrig ausfällt. Was sagen Sie dazu?

Ich habe davon gehört, aber weil es bei uns im Verband aktuell nicht Thema ist, weiß ich wenig über Details beim Fremdrentengesetz.

Da geht es Ihnen wie den meisten...

Aber mir ist schon klar: Wenn mein Ausreiseantrag, den ich von 1981 bis 1986 aufrecht erhalten habe, genehmigt worden wäre, würde mich das jetzt auch betreffen.

Es ließe sich bei diesem Rentenunrecht ja sagen: Immerhin sind DDR-Funktionäre bei ihren Renten zunächst auch beschnitten worden. Aber dann?

Die haben geklagt in Karlsruhe – und sie haben sich durchgesetzt. Da gibt es eine Lobby. Sie sind meinungsbildend. Opfer wie die, die bei der Rente jetzt büßen müssen, dass sie in den Westen gegangen sind und vorher in der DDR oft jahrelang beruflich ausgegrenzt waren, sind so gut wie stumm. Um die kümmert sich im Westen höchstens der VOS...

Also der Verband der Opfer des Stalinismus, dem ganz anfänglich auch Sie angehörten, ehe Sie mit dem OdS Ihren eigenen Verband aufgemacht haben. Sehen Sie sich – angesichts Ihrer Geschichte in der DDR – auch als Opfer?

Ich bezeichne mich nie so. Dann sage ich lieber: Ich bin Täter, denn ich habe mich ja gegen die Gesetze der DDR vergangen. (lacht)

Sie sind Geschäftsführer beim OdS. Wie lange mache Sie das noch – bis zur Rente mit 67?

Ich mache das ehrenamtlich. Meine Energie habe ich Anfang der 1990er Jahre verschwendet.

Sie wirkten immer so stark.

Aber irgendwann saß ich vor einer Gutachterin und sie bescheinigt mir posttraumatische Belastungsstörungen. Ich konnte das nicht glauben. Aber ja, so war es.

Die Zeiten haben sich gewandelt. Was jetzt noch nicht geregelt ist, regelt wohl keiner mehr. Warum ist so ein Verband wie Ihrer 25 Jahre nach der Wende noch nötig?

Wir sind der erhobene Zeigefinger. Aber wir werden kaum noch wahrgenommen. Ab und an gibt es mal eine Gedenkstunde. Es werden Sonntagsreden von Leuten gehalten, die nie etwas mit dem Thema zu tun hatten.

Aber Sie werden schon noch eingeladen?

Ja, klar – und manchmal raste ich auch noch aus, wenn ich wieder einmal den Eindruck habe, wir werden nur hinzugebeten, um den Saal zu füllen. Dafür stehe ich aber nicht mehr zur Verfügung. Meine Vorsitzende dagegen geht immer noch hin – und hofft.

Wie wird nun OdS-Jubiläum gefeiert?

Die beste Gelegenheit ist schon verpasst worden: Das Treffen der Landesbeauftragten für Stasi-Aufarbeitung, das diesmal Thüringen ausrichten durfte, hätte gut nach Gotha gepasst, wurde aber nach Fulda verlegt. In diesem Rahmen hätten wir uns gerne präsentiert.

Und nun?

Wir sind nur noch ein Dutzend Mitglieder von einst 150. Ganz viele sind inzwischen verstorben. Derer gedenken wir jedes Jahr. Mittel für eine eigene Fest-Veranstaltung haben wir nicht.

Sie haben gleich nach der Wende den Seilschaften vor allem in den Ämtern das Leben schwer gemacht. Nun verstreicht das Gedenkjahr ohne Erinnern an den damals wegweisenden Schritt in Gotha?

Es wird im Laufe des Jahres wohl eine fast private Feier geben. Ich schmeiß den Rost an und lade dazu auch den Landrat und den Oberbürgermeister ein.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren