Alma Mahler und Walter Gropius: Szenen einer Ehe

Sechseinhalb Jahre war Bauhaus-Direktor Walter Gropius mit Alma Mahler verheiratet. Es war für ihn - wie für alle ihrer Männer - ein seltsames Verhältnis.

Walter Gropius als reifer Mann und Stararchitekt in Chicago. In jungen Jahren war er mit Alma Mahler liiert, sogar verheiratet. Foto: ap

Walter Gropius als reifer Mann und Stararchitekt in Chicago. In jungen Jahren war er mit Alma Mahler liiert, sogar verheiratet. Foto: ap

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In den Akten der 1860 gegründeten Großherzoglich Sächsischen Hochschule für bildende Kunst im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar befindet sich ein für die Vorgeschichte des Staatlichen Bauhauses sehr interessantes Dokument. Es ist die Auskunft des Malers Max Thedy, der als interimistischer Direktor der Weimarer Kunsthochschule am 2. Oktober 1918 dem Großherzoglichen Staatsministerium als Adresse des Architekten Walter Gropius "Wien I, Elisabethstraße 22" übermittelte. Die Anfrage ist insofern von Bedeutung, weil sie noch von der alten Regierung gestellt wurde und deren fortdauerndes Interesse an einer Berufung des Berliner Architekten nach Weimar bezeugt. Diesen hatte nämlich schon 1914 Henry van de Velde als seinen Nachfolger an der Spitze der Kunstgewerbeschule vorgeschlagen.

Dann kamen der Krieg und 1915 die Schließung der Kunstgewerbeschule, nach Kriegsende die Abdankung des Großherzogs am 9. November 1918 und der Rücktritt der Großherzoglichen Regierung in Weimar. Berufen wurde Gropius nunmehr von der neuen Republikanischen Regierung, aber nun als Direktor der Kunsthochschule, die nach seinem Willen künftig Staatliches Bauhaus heißen sollte und durch ihn zu einer reformorientierten künstlerisch-handwerklichen Lehranstalt ausgebaut wurde.

Aber warum Wien? Die Anschrift im I. Bezirk der österreichischen Metropole - Gropius hatte seine Wohnung und sein Architekturbüro tatsächlich in Berlin - war die von Alma Maria Mahler (1879-1964), der Witwe des Komponisten Gustav Mahler, die auch für eine kurze Zeit die Ehefrau Walter Gropius' (1883-1969), des Begründers und Direktors des Staatlichen Bauhauses in Weimar, gewesen ist.

In ihr Leben ist der um vier Jahre jüngere Architekt schon 1910 getreten, als er zur Kur in Toblach in Südtirol weilte. Dieser dort bereits begonnenen Liebesaffäre widmet sich der jetzt gedrehte Film "Mahler auf der Couch" über den Komponisten Gustav Mahler (1860-1911). Geheiratet haben beide nach dessen Ableben 1911, nachdem der Weltkrieg bereits ausgebrochen war und Gropius als Stabsoffizier an der Front stand: am 18. August 1915 in Berlin. Doch Alma Mahler-Gropius hielt in Wien ihre Ehe vor der Öffentlichkeit verborgen. Eine zeitweilig ins Auge gefasste Übersiedlung nach Berlin, wo Gropius in der Kaiserin-Augusta-Straße 68 ein Atelier für Architektur hatte, lehnte sie schließlich ab.

Trotz der neuen Ehe blieb Alma in Wien

Dort lebte seine Mutter, deren Bewunderung für ihre Schwiegertochter Alma als "ein seltenes und innerlich reiches Menschenkind" mit manchem Zweifel vermischt war, weil "viele ihrer Ideen, Gewohnheiten und Anschauungen fremd und verwunderlich sind". Alma setzte nach der Verheiratung ihr gewohntes gesellschaftliches Leben in der kulturellen Oberschicht Wiens fort.

Bis Kriegsende konnte Walter Gropius als Offizier an der Front seine Ehefrau immer nur kurz sehen. In dieser Zeit sind 1916 seine Tochter Manon - benannt nach Gropius' Mutter - und 1918 der früh verstorbene Sohn Martin, dessen Vater allerdings der Schriftsteller Franz Werfel war, geboren worden. Die Trennung durch den Krieg lastete schwer auf dieser Ehe. Gropius' briefliche Botschaften und seine seltenen und meist nur kurzen Besuche in Wien oder Berlin brachten der von Unrast umgetriebenen und zum Selbstmitleid neigenden Alma Mahler-Gropius kaum Trost und Stärkung in ihrem empfundenen Verlassensein.

Als sie im Oktober 1917 den aus dem Feld zurückgekehrten Franz Werfel kennenlernte, entspann sich zwischen ihr und dem elf Jahre jüngeren Dichter ein andauerndes Liebesverhältnis. Dass der am 2. August 1918 geborene Junge dessen leiblicher Sohn war, erfuhr Gropius schon wenig später. Daraufhin bat er Alma, ihm seine Tochter Manon zu überlassen, während sie mit Franz Werfel und dessen Sohn weiterleben könne - doch Alma lehnte ab. Fortan lebte Gropius in der Qual der Gewissheit, dass er Frau und Kinder verloren hatte.

Längere Zeit erholte sich Gropius nach einer Verwundung im Sommer 1918 zunächst in Wien und dann in einem Kriegslazarett in Semmering, dem beliebten Ferienziel der "feinen Gesellschaft" Wiens, wo Alma ein Haus besaß. Im Oktober 1918 verließ er den Militärdienst, endgültig demobilisiert wurde er aber erst am 18. November 1918. Bereits am 4. November 1918 war er zu seiner Ehefrau nach Wien gereist, wo er sich allerdings nur kurze Zeit aufhielt und schon bald wieder nach Berlin zurückkehrte, um als Architekt nunmehr erneut beruflich Fuß zu fassen.

Zu dieser Zeit war seine Ehe bereits gescheitert, Franz Werfel war in das Leben von Alma Mahler-Gropius, die sich nicht von Wien trennen konnte, getreten. Auch im Frühjahr 1919 fuhr Gropius noch einmal für einige Tage nach Wien, wo Alma wieder voll und ganz im Gesellschaftsleben aufging und Franz Werfel ständig in der Nähe war. "Manon tröstet Walter Gropius", vertraute Alma ihrem Tagebuch an.

In Weimar hat sich Alma nach den Angaben in ihrer Selbstbiographie nur dreimal aufgehalten, nachdem der Architekt am 11. April 1919 dort sein neues Amt als Direktor der zum Staatlichen Bauhaus erhobenen Kunsthochschule angetreten hatte, zuerst Ende Mai bis Mitte Juni 1919 zusammen mit der nun schon drei Jahre alten Tochter Manon.

Von einem Teenachmittag bei dem Maler Walther Klemm am 29. Mai 1919 berichtet der gerade ans Bauhaus berufene Lyonel Feininger: "Es waren fünfzehn oder mehr Menschen da, alles Weimarer Geistigkeit. ... Und dann! Unser Herr Direktor mit Gattin." Feininger schätzte ihn als Persönlichkeit wie kaum ein zweiter dort, "und sie ist auch Klasse für sich!" Alma vermochte sich also auch in der Weimarer Gesellschaft in Szene zu setzen, wie sie es von Wien aus gewohnt war.

In ihrem Tagebuch ist im Juni 1919 hingegen von einer "ernsten Aussprache mit Walter Gropius" die Rede. "Warum war diese Ehe mit Walter Gropius nicht gegangen?" fragt sie darin. "Er ist ein schöner Mensch, in jedem Sinne, ein hochbegabter Künstler meiner Art, meines Blutes (wir hatten sogar entfernte gemeinsame Verwandte in Hamburg). Er hatte mir doch so gefallen ... ich war verliebt in ihn ... hatte ihn sehr geliebt ... Es war vielleicht die Herrin Musik, die nicht sein Element war und die uns trennte!" orakelt sie vieldeutig, wird dann aber konkreter: "Allerdings auch seine Aufgabe interessierte mich nicht genug, und ich hatte zu wenig Interesse für seine architektonisch-menschlichen Ziele."

Als sie ankam, brach der Kapp-Putsch aus

Seit ihrem Liebesverhältnis mit dem aufstrebenden Dichter Werfel war der zumeist abwesende Architekt Gropius abgemeldet. Die Begegnungen des Ehepaares wurden seltener. In den Semesterferien im Sommer 1919 fuhr Walter Gropius allein zur Kur nach Bad Kissingen. Im Oktober 1919 begann das neue Semester, und die aufbrechenden Entwicklungsprobleme am Bauhaus ließen dem Direktor wenig Zeit, sich um Privates zu kümmern. Das Weihnachtsfest erlebte er wieder allein in Weimar, wie er am 24. Dezember 1919 an Adolf Behne schrieb: "Heute Heiligabend bin ich unter meinen Schülern."

Dann ein zweiter Besuch von Alma im Frühjahr 1920, als der Direktor des Bauhauses zur Aufklärung der Weimarer Bevölkerung über dessen Ziele am 21. März eine festliche Morgenfeier im Deutschen Nationaltheater veranstalten wollte, die aber wegen des in Berlin ausgebrochenen Militärputsches gegen die Reichsregierung und dem ihm folgenden Ausnahmezustand nicht stattgefunden hat. In diesen turbulenten Märztagen 1920 hatte Gropius seine Ehefrau und die Tochter aus Wien wieder bei sich in Weimar. Vielleicht war deren Aufenthalt auch deshalb gewählt worden, um sich bei dieser geplanten Bauhaus-Feier im Deutschen Nationaltheater mit ihr in der Weimarer Öffentlichkeit zu zeigen.

Alma und die erst dreieinhalbjährige Manon kamen zunächst wie schon er selbst seit seiner Ankunft in Weimar im Frühjahr 1919 im Hotel "Zum Elephanten" unter, weil die von ihm inzwischen erworbene Wohnung noch nicht bezugsfertig war. "Wir wohnen im Hotel Zum Elefanten", heißt es in Almas Tagebuch. "Vor mir der Marktplatz, Dämmerung, ungeheure Erregung. Die jungen Pickelhaubenmänner der Kapp-Partei werden von den Arbeitern angespuckt. Sie rühren sich nicht. Die Menge brüllt. Vis-à-vis aus dem Ministerium kommt der Abgesandte der Regierung. Er schwingt in der einen Hand ein Papier, in der anderen ein weißes Tuch, ... der Versuch eines Ausgleichs. Er steigt auf den Balkon des Rathauses und liest laut ab. ... Atemlose Stille. Dann ein Entrüstungsschrei. Der Mann verspricht weiter zu unterhandeln. Man läßt ihn jetzt nur unwillig durch, zurück ins Ministerium. Unterdessen ist es Abend geworden. Kein Licht brennt. Die Masse im Finstern ist noch unheimlicher als am Tage. Da und dort flammt ein Zündhölzchen auf, für eine Zigarette. Wir schließen die Läden und hängen Kleider vor die Ritzen, denn die Arbeiter haben verboten, ein Licht brennen zu haben. Die Angst vor Plünderung sitzt uns in der Kehle. Wir wagen kaum, laut zu sprechen. Und zu allem übrigen ... unsere persönliche Qual!"

Es war ein bedrückender Aufenthalt in Weimar mit dem blutigen Ende der Arbeiterdemonstration vor dem Volkshaus durch angerücktes Militär am 15. März 1920. "Keine Zeitung erschien, nicht die nächste Stadt wußte um die schweren Unruhen. Werfel wußte tagelang nicht, was mit mir geschehen sei ... es war eine grauenhafte Zeit. Auch ich konnte natürlich nicht telegraphieren ... man war abgeschnitten von der Welt."

Unangenehme Tage in der Klassikstadt

In diesen turbulenten Märztagen bezog der Direktor des Staatlichen Bauhauses schließlich seine Weimarer Wohnung in der damaligen Kaiserin-Augusta-Straße 32 (heute Steubenstraße 32/Ecke Gropiusstraße). "Am 20. März [1920] sind wir in die neue, noch vollkommen unfertige Wohnung von Walter Gropius übergesiedelt. Der Generalstreik ist nicht mehr gar so streng ... auch haben wir uns fast an diesen Zustand gewöhnt. Die Kanäle werden nicht geleert, ein scheußlicher Geruch liegt über den Straßen. Das Wasser muß man sich von weit her holen. Aber das Ärgste ist, daß die Arbeiter verhindern, daß die Toten begraben werden. Studenten, die in der Nacht heimlich zur Friedhofsmauer schlichen, wo man die Leichen einfach abgeladen hatte, wurden durch die Übermacht der Arbeiter, die dort Wache standen, vertrieben. Und so lagen die Leichen unbeerdigt einige Tage im Freien. Heute [am 18. März 1920] war das Leichenbegängnis der im Kampf gefallenen Arbeiter. Der Zug zog vor meinem Fenster vorbei. Eine unendliche Reihe von Emblemen mit Aufschriften: Es lebe Rosa Luxemburg! Es lebe Liebknecht! - Das Bauhaus war vollständig vertreten, und Walter Gropius, der einige Minister im Zuge gehen sah, bedauerte es, daß er sich von mir hatte bereden lassen, da nicht mitzutun. Ich aber wollte nur, daß er nicht politisiere." Von dem Bauhausdirektor wurde dann allerdings zwei Jahre später das Denkmal der Märzgefallenen in Weimar entworfen.

Alma Mahler-Gropius verließ Weimar schon bald wieder und auch Walter Gropius. Im Oktober 1920 hielt sie sich noch einmal bei ihm in Weimar auf. "Wieder bin ich hier", hielt sie in ihrem Tagebuch fest. "Walter Gropius schrieb, er brauche mich. Vielleicht braucht er mich wirklich ..." Doch bei diesem erneuten Zusammentreffen ging es wohl nur noch um die Scheidung, die am 11. Oktober 1920 in Berlin vollzogen wurde, wobei Gropius die Schuld am Scheitern der Ehe auf sich nahm.

Bereits im Sommer 1919 hatte er sich dazu durchgerungen. Einen Monat nach Almas Abreise aus Weimar hatte er ihr am 12. Juli 1919 nach Wien geschrieben und sie gebeten, in die Scheidung einzuwilligen; dabei bekannte er: "Heute bin ich Dir fremd, weil Du vom anderen Pol der Welt wurdest angezogen. Meine Ideen, meine Freunde, meine Stellung zur neuesten Kunst, meine geistigen Leiden im Kriege, die mich im Endergebnis förderten, kurz das ganze ungeheuere Erleben der Welt, wie es mich in diesen letzten Jahren durchschüttelt hat, blieb Dir aus diesem Grunde fremd." Schon diesem Brief hatte er die unterschriftsreifen Scheidungsunterlagen für Anwalt und Gericht beigefügt.

In den mehr als sechs Jahren ihrer ehelichen Verbindung hatten sie tatsächlich nur etwa ein halbes Jahr miteinander in Wien, Semmering, Berlin oder Weimar verbracht. Die Kriegszeit und die berufliche Neuorientierung in Weimar waren ihrer Ehe nicht förderlich gewesen. Bereits während dieser Zeit hatte Almas Liaison mit dem Schriftsteller Franz Werfel begonnen, den sie allerdings erst 1929 heiratete. Bevor es im Oktober 1920 zur endgültigen Trennung von Walter Gropius kam, hatte auch dieser sich seit Herbst 1919 mit einer Geliebten, der mit einem Kunsthistoriker verheirateten Lily Hildebrandt in Stuttgart, schon anders orientiert.

Almas Netzwerk nützte dem Bauhaus

Allerdings war der Wille zur Scheidung dieser Beziehung vorausgegangen. Und auch in Weimar hatte er im März 1920 eine junge, attraktive Witwe, Maria Benemann, kennengelernt, zu der er sich ebenfalls hingezogen fühlte. Aber das drang nicht an die große Öffentlichkeit. Dass so manche der jungen Bauhausstudentinnen ihren weltgewandten und schneidigen Direktor anhimmelten, blieb hingegen innerhalb und außerhalb der Schule nicht verborgen. Ob es darunter eine "Favoritin" gab - Dörte Helm wäre hier zu nennen -, ist nur zu mutmaßen.

Es ist allerdings nicht zu übersehen, dass die eheliche Verbindung mit Alma Mahler in Wien für Walter Gropius persönliche Kontakte zur Folge hatte, die für sein künftiges Bauhaus-Unternehmen in Weimar vorteilhaft waren. Dazu gehört in erster Linie der von Alma Mahler vermittelte Zugang zu dem "Kreis um den Maler und Bildhauer Johannes Itten aus Wien". Bei den Aufenthalten von Walter Gropius in der österreichischen Hauptstadt nach dem Ende des Weltkrieges - bezeugt sind der kurze Besuch in den Tagen der Novemberrevolution 1918 und dann erst wieder ein Aufenthalt im Frühjahr 1919 - wurde die Beziehung zu Itten angebahnt, der in Wien eine private Kunstschule leitete. Er reiste Anfang Juni 1919 nach Weimar, um mit Gropius über seine Anstellung am Bauhaus zu verhandeln.

Itten kam schließlich im Herbst 1919 mit seinen Schülern nach Weimar und begann ab Wintersemester 1919/20 mit dem Aufbau des Vorkurses zu den Grundlagen der künstlerischen Gestaltung. Für die frühen Jahre der neuen Kunstlehranstalt wurde er zu dem ersten und wichtigsten Bauhausmeister, bis es 1922/23 zum Bruch mit Gropius kam und Itten das Bauhaus verließ.

Die Vorbehalte gegen die im April 1919 begonnene neue Entwicklung an der sich ständig in Veränderung befindlichen Kunstlehranstalt, die vor allem Studierende von auswärts anzog und mit den ersten Neuberufungen im Lehrerkollegium wegen der damit einhergehenden modernistischen Ausrichtung des Studienbetriebs unter der überwiegend konservativ eingestellten Einwohnerschaft Weimars Aufsehen erregte, wurden indessen früh sichtbar. Die Neuformierung der bisherigen Kunsthochschule, die Berufung moderner Maler in den Lehrkörper, der Zustrom von lebens- und schaffenshungrigen jungen Menschen an das Bauhaus, die sich den neuen künstlerischen Entwicklungen öffneten, begannen nunmehr das Kunstleben in Weimar zu dominieren, wurden aber von der alteingesessenen Künstlerschaft und einem ihr anhängenden traditionsbehafteten Publikum überhaupt nicht als Fortschritt begriffen.

Ihr letzter Einsatz für Walter Gropius

Die kulturpolitische Gegnerschaft gegen das Staatliche Bauhaus und seinen Leiter setzte früh ein. Als schließlich nach den Landtagswahlen 1924 in Thüringen eine rechtskonservative Landesregierung an die Macht kam, erhöhte sich der politische Druck auf die Kunstlehranstalt noch einmal. Das einfachste Mittel, ihr die Existenz zu beschneiden, war es, den Staatszuschuss zu drosseln. Als die Regierungsabsichten bekannt wurden, setzten seit März 1924 in großer Zahl Proteste aus dem In- und Ausland ein, die an die Regierung und den Landtag gerichtet waren.

Darunter war auch ein Protestschreiben "kulturell bedeutender Persönlichkeiten aus Wien", das am 6. Oktober 1924 an den Haushaltsausschuss des Landtages von Thüringen gerichtet wurde. Es trägt die Unterschriften von 25 Personen, die darin bekundeten: "Wir haben hier seit Jahren die Entwicklung des Bauhauses mit Interesse verfolgt und sehen in den nach wenigen Jahren erzielten Resultaten die Hoffnungen auf künstlerisch-handwerklichem Gebiete sich erfüllen. Wir erheben Potest gegen die beabsichtigte Auflösung, die Deutschland um ein europäisches Kulturinstitut ärmer machen würde und bitten den Thür.[inger] Landtag, die beabsichtigte Auflösung nicht zu genehmigen."

Zu den Unterzeichnern gehörten u. a. der Regisseur Max Reinhardt, die Komponisten Josef Matthias Hauer und Arnold Schönberg, der Maler Oskar Kokoschka und die Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal und Franz Werfel, dazu weitere Personen des öffentlichen Lebens - und nicht zuletzt auch Alma Maria Mahler, die sich nun wieder nach ihrem ersten Ehemann nannte. Wenigstens hier hat sie sich zu den "architektonisch-menschlichen Zielen" von Walter Gropius bekannt und dazu, dass die Auflösung des Staatlichen Bauhauses in Weimar "Deutschland um ein europäisches Kulturinstitut ärmer machen würde".

Der Text ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Vortrag Volker Wahls im Österreichischen Staatsarchiv in Wien "Das Staatliche Bauhaus in Weimar und seine Wiener Beziehungen" am 9. Juni anlässlich der Buchpräsentation des Böhlau Verlages zur Edition "Das Staatliche Bauhaus in Weimar. Dokumente zur Geschichte des Instituts 1919 bis 1926" (Veröffentlichung der Historischen Kommission für Thüringen).

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