Immanuel Voigt vergleicht den eher gemäßigten sozialdemokratischen Weg, den Wilhelm Bock beschreitet, mit dem radikaleren Weg, den Otto Geithner zu gehen versucht.

Bleiben wir in Gotha. An einem nochmaligen Blick in die einstige Residenzstadt lässt sich gut der Vergleich zwischen dem eher gemäßigten sozialdemokratischen Weg zeigen, den Wilhelm Bock beschreitet, und dem radikaleren, den Otto Geithner zu gehen versucht. Auch Geithner entstammt einer Handwerkerfamilie und wird am 23. Mai 1876 als dritter Sohn des Böttcher-Obermeisters Gustav Geithner in Merseburg an der Saale geboren. Nach dem Besuch der Volksschule beginnt er mit 14 Jahren eine Lehre zum Tischler, die nach erfolgreichem Abschluss ebenfalls die Walz nach sich zieht.

Hier geht der junge Mann vor allem nach Süddeutschland, wo er erstmals mit der sozialistischen Idee in Berührung kommt. Es folgt noch 1893 der Beitritt zum Deutschen Holzarbeiterverband, wodurch Geithner nach eigener Aussage auf die Werke von Marx, Engels und Bebel aufmerksam wird. Ein Jahr später tritt er in die SPD ein und kommt kurz darauf nach Zürich, das er bewusst auf der Walz ansteuert, um in die Kreise emigrierter deutscher Sozialdemokraten zu gelangen.

Tatsächlich lernt Geithner hier 1895 August Bebel und Friedrich Engels persönlich kennen und besucht wenig später auch ein Treffen russischer Sozialisten, bei dem er einer Ansprache Lenins lauscht. 1896 zieht er nach München, um von dort wieder über Süddeutschland in Richtung Rheinland zu gelangen, wo die Walz ihren Abschluss findet. Besonders in Düsseldorf wird der junge Sozialdemokrat in die praktische Parteiarbeit eingebunden. 1899 folgt der Gang nach Berlin. Hier gelingt es Geithner dank der Fürsprache einiger Parteifreunde, an die von Wilhelm Liebknecht gegründete „Arbeiterbildungsschule“ zu gelangen.

In dieser Einrichtung wird der SPDler nicht nur seine weltanschaulichen Ansichten, sondern auch seine politische Ausbildung vervollkommnen, aber auch die kommenden Jahre seines Lebens verbringen. Geithner kann innerhalb der Schule aufsteigen, als er zunächst zum zweiten, später dann zum ersten Vorsitzenden gewählt wird. Zusätzlich betätigt er sich ab 1906 auch als Journalist und Berichterstatter für die Berliner Redaktion des „Sozialdemokratischen Pressebüros“, das unter der Leitung von Karl Liebknecht steht. Mit Liebknecht steht Geithner auch in den folgenden Jahren in engem Kontakt, obwohl er ab 1910 für das „Gothaer Volksblatt“ schreiben wird. Hier kreuzt sich nun der Weg mit Wilhelm Bock, der die Zeitung 1890 gründete und in Geithner einen fähigen Mann sieht.

Zunächst als Redakteur, später dann als Chefredakteur, vertritt Geithner in seinen Beiträgen vor allem die Interessen des linken SPD-Flügels. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wird das Blatt aus Gotha zum scharfen Kritiker des Krieges und des Militarismus. Darüber kommt es zwischen Bock und Geithner zum Streit. Beide sind gegen den Krieg, aber Bock will seine Zeitung vor dem Verbot retten und macht deshalb Zugeständnisse an die Regierung. Dies wird von Geithner heftig kritisiert, was aber nichts daran ändert, dass das „Gothaer Volksblatt“ Anfang Februar 1915 verboten wird.

Geithner wird als Soldat eingezogen, kommt aber bald in Kontakt mit der „Spartakusgruppe“ um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Folgerichtig wird Otto Geithner 1917 Mitglied der USPD und, als er 1918 aus dem Krieg zurückkehrt, Vorsitzender des Arbeiter- und Soldatenrates von Gotha. Er will unbedingt die Räterepublik im „Freistaat Gotha“ einführen, was aber spätestens 1920 im blutigen Bürgerkrieg scheitert. Als Abgeordneter sitzt er bis 1927 anfänglich für die USPD, später für die KPD im Thüringer Landtag und ist auch weiterhin journalistisch tätig, etwa für das „Thüringer Volksblatt“.

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Geithner zählt innerhalb der KPD zu den Ultralinken, die 1927 aus der Partei gedrängt werden. Dies hindert ihn aber nicht an der politischen Arbeit. Seit 1932 engagiert er sich in der wiedergegründeten „Sozialistischen Arbeiter Partei“ und betätigt sich auch nach 1933 aktiv im antifaschistischen Widerstand, weshalb ihn die Nationalsozialisten 1935 zu dreieinhalb Jahren Gefängnis verurteilen. Nach der Haftentlassung folgt die Einweisung ins KZ Buchenwald, in dem Geithner bis zu dessen Befreiung 1945 verbleibt. 1946 wird er Direktor der Landesbibliothek in Gotha, tritt auch der KPD und später der SED bei. Am 31. Juli 1948 stirbt Otto Geithner mit 72 Jahren in Gotha.