"Der Fall Hodler": Der obskure Streit um Jenas berühmtes Gemälde

Am 24. April 1919 meldete das Jenaer Volksblatt, das Hodler-Bild, das "dieser Tage durch Angehörige der freideutschen Jugend eigenmächtig seiner Bretterhülle entkleidet, von der Universitätsbehörde aber zunächst noch durch eine Gittertür für die Allgemeinheit" abgesperrt worden war, sei ab dem 23. April 1919 vollständig freigegeben worden.

Ferdinand Hodlers Gemälde "Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg 1813" schmückt heute die Aula der Universität Jena. Foto: Peter Michaelis

Ferdinand Hodlers Gemälde "Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg 1813" schmückt heute die Aula der Universität Jena. Foto: Peter Michaelis

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Zuvor wurde die Bretterwand vor dem Hodler-Bild in den Kriegsjahren von Gustav von Zahn, Geographie-Professor an der Jenaer Universität und Leiter der universitären Öffentlichkeitsarbeit, zur Befestigung von Kriegsschauplatzkarten genutzt.

Wie Ferdinand Hodlers Gemälde "Auszug der deutschen Studenten in den Freiheitskrieg 1813" gefangen genommen wurde, hat Matthias Steinbach akribisch recherchiert und in eine dramatische Form gebracht: "Der Fall Hodler. Krieg um ein Gemälde 1914-1919". Der Braunschweiger Historiker stützt sich neben Archivquellen vor allem auf Günter Steigers 1970 erschienene Quellenedition "Fall Hodler 1914 bis 1919. Der Kampf um ein Gemälde" und Volker Wahls 1988 in Leipzig erschienenes Buch "Jena als Kunststadt 1900 bis 1933". Im Prolog lässt Steinbach den kranken und verbitterten Schweizer Maler im Jahr 1918 seine Situation der Unzugehörigkeit rekapitulieren.

Im Sommer 1907 erging an ihn der Auftrag der Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar, ein Gemälde zu schaffen, das den Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg von 1813 zeigen sollte. Zu Vorstudien hielt sich Hodler im Frühjahr 1908 ca. zwei Wochen im Hause der Malerin Irene und des Philosophen Rudolf Eucken auf. Beider Sohn Walter, der später einer der einflussreichsten Nationalökonomen des 20. Jahrhunderts werden sollte, stand ihm Modell.

1909 wurde Hodlers Gemälde als Geschenk der Gesellschaft der Kunstfreunde von Jena und Weimar an die Universität übergeben und fand seinen Platz im Ostflügel des von Theodor Fischer entworfenen und 1908 eingeweihten Universitätsgebäudes. Seit 1950 hängt es in der Aula der Jenaer Universität.

Der "Krieg" um Hodlers Gemälde beginnt, nachdem der Maler eine Resolution gegen die Zerstörung der Kathedrale von Reims und der Bibliothek von Löwen unterzeichnet hatte, die am 27./28. September 1914 in der Tribune de Genève veröffentlicht wurde. Steinbach zeichnet den vier Jahre währenden Zwist um Hodlers Gemälde nach.

Hodlers schärfster Gegner war Ernst Haeckel. Er hatte bereits Kaufgebote für das Bild eingeholt und in einen Brief vom 6. 12. 1914 Prorektor Alexander Cartellieri den Vorschlag unterbreitet, einen Senatsbeschluss herbeizuführen, in dem der Verkauf des Hodler-Bildes festgeschrieben und er mit dem Verkauf betraut werden sollte. Auch Irene und Rudolf Eucken blieben, trotz eines Telegrammes, das Hodler ihnen im Oktober 1914 geschickt hatte und in dem er betonte, nicht gegen Deutschland, sondern einzig und allein gegen die Zerstörung von Kunstwerken protestiert zu haben, bei ihrer Ansicht, Hodlers Werk verdiene es nicht länger, in der Universität gezeigt zu werden.

Nun zählte Hodlers Bild zum Universitätsvermögen und konnte nicht einfach verkauft werden. Steinbach hat in seinem Drama eine Szene "universitärer Kabinettspolitik" entworfen, die nicht aktenkundig überliefert ist: Prorektor Cartellieri, Universitätskurator Vollert und Universitätsamtmann Herzer einigten sich, Hodlers Gemälde "zu verbrettern". Der Senat der Universität erhob dagegen keine Einwände, votierte sogar einstimmig gegen dessen Verkauf und avisierte, über das endgültige Schicksal des Bildes erst nach Kriegsende zu entscheiden.

Ein Gegengewicht zu den vorhergehenden Szenen setzt Steinbach in einem fiktiven Dialog, den Ferdinand Hodler und der Jenaer Philosoph und Kunstfreund Eberhard Grisebach 1915 in einem Zürcher Café führen. Auf Hodlers Satz, dass Kunstwerke verbinden, und wer Kunstwerke zerstöre, auch die Völker trenne, erwidert Grisebach, dass Deutschland nur noch Verbündete und Feinde kenne. Alle kriegführenden Parteien hätten durch eine Art Kriegsneurose die Maßstäbe verloren. Im Spannungsbogen zwischen diesen beiden Sätzen entfaltet Steinbach einen wichtigen Gedanken seines Stückes: die durch Kriegspsychose hervorgerufene Vernichtung eines regen Wissenschafts- und Kulturaustausches, wie er im Vorkriegseuropa praktiziert wurde.

Matthias Steinbachs "szenische Lesung" lässt ein Stück wenig bekannter Jenaer Universitätsgeschichte plastisch hervortreten. Sie besticht durch genaue Kenntnis der Quellen und zeigt, wie nationalistische Ideologie die Wahrnehmung eines Gemäldes von internationalem Rang trübt, wie durch absurde Entscheidungen einstmals Verbindendes gelöst und das fruchtbare Wissenschafts- und Kulturklima, das vor dem 1. Weltkrieg existierte, zerstört wird. Und doch: Spricht nicht gerade die "stumme Hauptrolle", die Hodlers Gemälde spielt, für dessen Kraft und Lebendigkeit?"

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