Elisabeth Christine von Preußen hatte einen schweren Stand

Königin Elisabeth Christine von Preußen (1715 - 1797) hatte neben ihrem flegelhaften Gemahl Friedrich dem Großen einen schweren Stand.

Frau an der Seite Friedrichs des Großen: Elisabeth Christine von Preußen auf einem Gemälde Frederic Reclams (1734-1774) von 1764. © Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburgs

Foto: zgt

Als Adolph von Menzel um 1850 sein programmatisches Kunstpostkarten-Muster-Bild "Flötenkonzert Friedrichs des Großen im Schloss Sanssouci" aus der Palette zauberte, setzte er zwar einige Damen lichtstark unter den zentralen Kronleuchter - doch Friedrichs Gattin Elisabeth Christine zählte nicht zu den Glücklichen, die tapfer dem musikalischen Genie Friedrichs lauschen durften.

Darf man denn eine preußische Königin so negieren? Der Regensburger Pustet Verlag hat jüngst den mutigen Wurf gewagt und sich mit einer kleinen Schrift über Elisabeth Christines Ehedrama aus der Feder Karin Feuerstein-Praßers an die Öffentlichkeit gewandt. Doch mit strahlendem Lichterglanz konnte selbst Frau Feuerstein-Praßer das traurige Los der vom Gemahl Geschmähten nicht umgeben. Es ist keineswegs erheiternd, Elisabeth Christines Lebenspfad vom 8. November 1715 aus minutiös bis zum Januar 1797 durch Preußen zu folgen.

Friedrichs Erbe ruft nach Ruhm, nach Tugenden oder dem zerrissenen Genius. Wie hat seine Gemahlin all das empfunden und erlebt? Das sollte interessant sein in einer deutschen Gegenwart, die dem Zeitzeugen der Geschichte so überragende methodische Priorität verleiht.

Als Preußens König Friedrich Wilhelm I. und Herzog Ferdinand Albrecht von Wolfenbüttel-Bevern 1731 darüber verhandeln ließen, den preußischen Kronprinzen mit der Prinzessin Elisabeth Christine zu verheiraten, stand Friedrich bereits auf der ebenso unumstößlichen wie pubertären Position eines Frauenfeindes und Gegners ehelicher Beziehungen. Allein der Gedanke an eine Frau war ihm verhasst: "Trotzdem würde ich aus Gehorsam alles tun, aber niemals in guter Ehe leben."

Diesen Gehorsam forderte der Vater 1732 von seinem Sohn, als er ihm verbindlich und gegen den Willen seiner Gattin Sophie Dorothea aus dem mit Wolfenbüttel konkurrierenden Welfenhaus Hannover offerierte, dass sich die weder hässliche noch schöne Elisabeth Christine als künftige Gemahlin gefunden hat. Die Hannoveranerin mochte die "dumme Gans" herunterputzen wie sie wollte, Friedrich folgte dem väterlichen Befehl, die "arme Person" zu ehelichen.

Zur Verlobung stehen sich Braut und Bräutigam erstmals gegenüber

Elisabeth Christines Reaktion auf die Nachricht, dass der schönste Tag ihres Lebens heranrückte, ist nicht überliefert worden. Sie wusste nur, dass es am Berliner Hof laut, zänkisch, intrigant, eben weltmännisch im Unterschied zur ländlichen Biederkeit Wolfenbüttels zuging. Im März 1732 standen sich Braut und Bräutigam in Berlin zur Verlobung erstmals persönlich gegenüber. Elisabeth Christine sah einen ansehnlichen schlanken und modisch gekleideten jungen Mann, etwas kleiner als sie, aber, ein ranker Bursche zum Verlieben! Friedrich erblickte ein hübsches blondes und blauäugiges Mädchen, recht ansehnlich, dessen modischer Chic in Berlin sicher weiter vervollkommnet werden konnte. Um seiner Mutter zu gefallen und dem Vater untertänigen Respekt zu erweisen, trotzte Friedrich, er empfände Achtung vor dem guten Herz des Mädchens: "Aber lieben werde ich sie niemals können."

Daheim in Wolfenbüttel tat die Braut in strapaziösen Kursen alles in ihren Kräften stehende, um sich in Sprache, Geist, Manieren und Etikette auf den Berliner Hof und den künftigen Gemahl einzustellen. Wenn sie doch nur geahnt hätte, wie abfällig sich Friedrich bereits vor der Ehe über ihre künftige Rolle als notwendiges Übel äußerte! Friedrich beabsichtigte zwar, solange sein Vater lebte, die höfischen Konventionen zu achten, hatte auch nichts gegen gelegentlichen flüchtigen Sex, lehnte aber das dauerhafte Zusammenleben mit einer Frau ab. Beide sollten die Freiheit ihres Handelns besitzen. Das war ein Standpunkt, den man für die Zeit des Absolutismus bestenfalls als unreif betrachten kann.

Am 12. Juni 1733 fand in dem zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel gelegenen (1813 wegen Baufälligkeit abgerissenen), frisch renovierten Barockschlösschen Salzdahlum die Hochzeit statt. Die Eltern der Braut stürzten sich für ein glanzvolles Fest in zusätzliche Schulden. Aber Friedrich lobte Gott am Ende nur dafür, dass er die Zeremonie vorübergehen lassen hatte. Elisabeth Christine sah sich dagegen am Beginn eines Lebenstraums, obwohl die Hochzeitsnacht mutmaßlich nicht dem jugendlichen Drang einer 18-Jährigen nach erotischer Befriedigung entsprochen hat.

Mit der Zeugung des erwarteten Stammhalters haperte es

Zwei Wochen später zog die Kronprinzessin an der Seite des Gatten und umjubelt von vielen Menschen in Berlin ein, in eine Stadt, die in ihrer Prachtentfaltung noch an der Grenze zwischen Mittelalter und Neuzeit verharrte. In der königlichen Familie begegnete die Wolfenbüttlerin höflicher bis distanzierter Freundlichkeit. Nur Friedrichs Lieblingsschwester Wilhelmine ließ kein gutes Haar an der steifen und ungebildeten Landpomeranze mit den schiefen, schwarzen Zähnen und dem angeblichen Sprachfehler. Die Markgräfin von Bayreuth übertrieb immer, wenn sie sich wichtig machen wollte. Vielleicht war sie einfach eifersüchtig auf die Frau, die ihr den Bruder nahm.

Im Kronprinzenpalais Unter den Linden durfte Elisabeth Christine dann in aller Ruhe darüber nachdenken, wie sie ihr künftiges Leben gestalten durfte. Der Gemahl diente bei den Soldaten in Ruppin und schaute nur gelegentlich vorbei. Briefe und das unvermeidliche Kartenspiel "Pharo" vertrieben die bleierne Langeweile. Nur der Papa riet gelegentlich: Kind, misch‘ Dich ja nicht in die politischen Angelegenheiten deines Mannes!

Nichts lag ihr ferner, sie wollte ihre vornehmste Pflicht erfüllen und dem Gemahl einen stattlichen Stammhalter schenken. Es ging nicht! Der wohlmeinende Friedrich Wilhelm I. wurde ungeduldig, seine intrigante Gemahlin reagierte bissig, Elisabeth Christine wurde weiter verunsichert. Nur Friedrich interessierte sich nicht für seine Frau und deren Zwangslage. Vermutlich konnte und wollte er keine Kinder zeugen, obwohl das heiligste preußische Pflicht und Tugend war. So sehr sich Zeitgenossen um seine Zeugungsfähigkeit Sorgen machten, wurde das für die Nachgeborenen zu einem Lieblingsthema. Friedrich reagierte sarkastisch und offensichtlich nicht mit der Gattin abgestimmt, "Königreiche finden immer einen Nachfolger, und es ist ganz ohne Beispiel, dass ein Thron leer geblieben ist."

Friedrichs Vater zog praktische Konsequenzen. Die Trennung musste aufhören! 1736 quartierte er das junge Paar in das sanierte Schloss Rheinsberg um. Elisabeth Christine atmete auf. Endlich durfte sie mit ihrem Mann einen gemeinsamen Hausstand gründen und musste sich nicht mehr dem ätzenden Spott der Berliner Hofgesellschaft aussetzen, weil sie noch immer keinen Erben zur Welt gebracht hatte. Rheinsberg wurde für beide ein Paradies. Friedrich gestaltete mit freiem Willen einen unbeschwerten geistvollen Musenhof, Elisabeth Christine suchte in Wissen und Esprit nach Kräften Schritt zu halten und durfte sich gelegentlicher Anerkennung durch den anspruchsvollen Gemahl erfreuen. In Rheinsberg bildete die Kronprinzessin das Credo ihres Lebens aus: Friedrich wurde für sie der "Phönix", der "größte Fürst" ihrer Zeit, ein Mann, den man nur lieben, verehren und bewundern durfte. Niemals ist sie von diesem Glaubensbekenntnis abgewichen und hat es wie einen Schutzschild gegen alle Demütigungen über sich gehalten. Sie argwöhnte sehr selten und sehr vage, dass Friedrich ein arglistiges Spiel mit der ehelichen Harmonie trieb, um den Vater zu besänftigen und im Verborgenen bereits den großen Krieg in Europa plante.

Am 31. Mai 1740 starb mit Friedrich Wilhelm I. der einzige Beschützer Elisabeth Christines am preußischen Hof. Er hinterließ einen geordneten Staat und eine kampfstarke Armee. Für die Königin blieb nur die demütigende Rolle einer Marionette, deren Fäden die verhasste Königinwitwe Sophie Dorothea zog. Sie nahm es hin - wenn sie nur an Friedrichs Seite bleiben durfte! Man kehrte gemeinsam nach Rheinsberg zurück. Doch die erhoffte Neuauflage einer poetischen Idylle trat nicht ein. Im Oktober 1740 starb Kaiser Karl VI., und Friedrich II. witterte die Chance, durch eine Neuordnung des Reichs Preußen zur Großmacht aufsteigen zu lassen.

Von Familienfesten der Hohenzollern blieb die Königin ausgeschlossen

Während Friedrich ab Dezember 1740 im Schlesischen Krieg Waffen starrend gegen die Erzfeindin Maria Theresia zog, wartete Elisabeth Christine im Berliner Stadtschloss und ab dem Frühjahr 1741 im Sommerschloss Schönhausen voller Bangen auf die Rückkehr des lieben Gemahls. Es gab viel Lob für ihre Standhaftigkeit und Treue. Doch als Friedrich im November 1741 im Schloss Charlottenburg eine Siegesfeier zelebrierte, befahl der König sie auf ihre Zimmer im Stadtschloss. Er war nicht verärgert über seine Frau. Friedrich residierte, wenn er nicht gerade Krieg führte, in Charlottenburg oder Potsdam - seine Gemahlin im Stadtschloss oder Schönhausen. Als Mittlerin fungierte ihre Oberhofmeisterin Sophie von Canas. Von den Familienfeiern der Hohenzollern blieb die Königin ausgeschlossen. Sie lebte wie eine Gefangene. Lektüre, Korrespondenzen oder Musik allein konnten ihren Gram nicht vertreiben, zumal der König im Sommer 1744 erneut ins Feld zog und die nackte Angst um sein Leben Elisabeth Christine nahezu lähmte. Seine Briefe beruhigten sie nicht.

Eine liebenswerte Frau, doch als Gemahlin passt sie einfach nicht

Zudem erkannte sie mit Schrecken, dass die Höflinge und Bediensteten sich die Gleichgültigkeit des Monarchen zu eigen machten und ihre Herrin despektierlich behandelten. Sie wehrte sich mit sanftem Nachdruck, aber auch mit hilfloser Heftigkeit und hoffte noch immer, der König werde bald aus dem Krieg zurückkehren und sie zumindest beschützen. Sie wartete bis zum Dezember 1745 und irrte sich erneut. 1746 forderte Friedrich von seiner Gattin lediglich das Geld zurück, das er ihr zur Sanierung von Schönhausen geliehen hatte. Er schloss sie von allen Familienfesten aus. Als Sanssouci 1747 eingeweiht wurde, durfte die Frau ihrem "lieben König" nur von Schönhausen aus zusehen. Es ist nicht erklärbar, wie Elisabeth Christine die Demütigungen ertragen konnte, nicht verzweifelte, nur von der Erinnerung an Rheinsberg zehrte und jedes noch so kleine Signal ihres "lieben Herrn" zu einem Akt der Zuneigung stilisierte - wenn er ihr z.B. durch eine Hofdame eine Tabatiere zukommen ließ. Sie nahm ja wie viele Damen der Gesellschaft so gerne Schnupftabak!

Ein ganzes Jahrzehnt verging, ohne dass der "Philosoph von Sanssouci" seiner Gemahlin die Chance einer zumindest äußerlich erträglichen Reputation gewährt hätte. Währenddessen wehrte sich Europa gegen Friedrichs Großmachtgelüste. Der Preuße wagte daher einen neuen Krieg und erlitt im Juni 1757 bei Kolin die erste empfindliche Niederlage. Die Not auf dem Schlachtfeld hätte Friedrich Möglichkeiten zu einer Annäherung an seine Frau eröffnen können, zumal seine Mutter Sophie Dorothea wenige Tage nach Kolin starb und Elisabeth Christine damit offiziell zur "Ersten Dame" Preußens aufstieg. Ob die Königin nach zwei Jahrzehnten der Isolierung vielleicht psychisch beeinträchtigt war, ob sie ihre neue Rolle nicht verstand beziehungsweise dieser nicht gewachsen war oder ob Friedrichs ergebene Höflinge durch eine Verleumdungskampagne jeden Anspruch der "Ersten Dame" hintertrieben, ist nicht auszumachen.

Überliefert ist lediglich, dass die allgemeine Stimmung am Hof jener Notiz entsprach, die der Kammerherr Graf Lehndorf niederschrieb: "Die Königin ist im Grunde eine gute Frau, aber die Gemahlin des größten, schätzenswertesten und liebenswürdigsten Königs zu sein, dazu passt sie ganz und gar nicht. Sie besitzt gar keine Würde, keine Unterhaltungsgabe, wiewohl sie redselig mehr als nötig ist. Sie ist heftig über alle Maßen und ist Leuten von Stande gegenüber oft verlegen. Jetzt bildet sie sich ein, dass sie fortan eine bedeutende Rolle spielen und in allem die Erste sein wird... Es ist wirklich schade, dass diese Fürstin, die im Grunde so viele gute Eigenschaften besitzt, sich oft zu einer Heftigkeit hinreißen lässt, die man im gewöhnlichen Leben Brutalität nennen würde und die ihr so viele Personen entfremdet, die ihr sonst von Herzen ergeben sein würden."

Wie in einem Spinnennetz, aus dem es kein Entrinnen gab

Diese moralisierende Gönnerhaftigkeit war verdächtig. Sie musste auf die Königin wie ein Spinnennetz wirken, aus dem es kein Entrinnen gab. Die Kriegslage veranlasste jedoch zum pragmatischen Handeln. Berlin wurde durch Franzosen, Schweden und Russen bedroht. Der Hofstaat floh in die Festung Magdeburg. Elisabeth Christine sah auf der Flucht zum ersten Mal das schöne Sanssouci und war entzückt, um des geliebten Königs willen!

Im Januar 1758 durfte sie wieder nach Berlin zurückkehren. 25 Jahre war sie nun mit Friedrich verheiratet. Es wurde sogar eine Miniatur angefertigt, die das glücklich vereinte Jubelpaar zeigte. Allein, das Fest wurde mit Stillschweigen übergangen. Nach der Niederlage bei Kunersdorf sah Friedrich im August 1759 das Ende Preußens und seines eigenen Lebens gekommen. Doch der Krieg ging unerbittlich weiter.

Eine Verbeugung Friedrichs vor Elisabeth und beleidigende Worte

Im März 1760 musste der Hofstaat wieder nach Magdeburg fliehen. Österreicher und Russen plünderten und zerstörten Schönhausen. Drei Jahre verbrachte die Königin in Armut, Langeweile und auf engstem Raume mit immer denselben Hofdamen. Die Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, emotionale Entladungen an der Tagesordnung. Schließlich deutete sich eine Wende an.

Im Januar 1762 starb Russlands Kaiserin Elisabeth. Zar Peter III. schloss mit Preußen Frieden. Die Ostfront wurde entlastet. Der Krieg ging weiter, aber die allgemeine Erschöpfung war so groß, dass im Februar 1763 der Frieden von Hubertusburg den Siebenjährigen Krieg, der Preußen den Aufstieg zur europäischen Großmacht sicherte, abschloss.

Elisabeth durfte sofort nach Berlin zurückkehren, und Friedrich schickte ihr ein zwar dürres, aber unerwartet persönliches Signal: Zwei Garnituren Porzellan für Schönhausen. Er teilte mit, dass er erst in einigen Wochen nach Berlin kommen werde und dann dürfte sie mit ihm, im Kreise der Familie, gemeinsam soupieren! Wie groß war das Erwachen aus geheimen Träumen. Als der graue alte Esel, von der Gicht geplagt und gar nicht mehr philosophisch am 30. März 1763 nach Berlin kam und im Schloss die ihm nahe stehenden Menschen umarmte, hatte er für seine Gemahlin, die er seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hatte, nur eine kurze Verbeugung und die geradezu flegelhaften Worte: "Madame sind korpulenter geworden." Es sollten so ziemlich die letzten Worte gewesen sein, die er bis zum Tode an seine Ehefrau richtete.

Aus dem Rückzug des alten Griesgrams nach Potsdam erwuchs ein merkwürdiges Phänomen: Die Residenz blieb in Berlin, und alle offiziellen Repräsentationsveranstaltungen der Dynastie fanden im Berliner Stadtschloss statt. Oberste Repräsentantin war dort - Elisabeth Christine, denn der König kam nur, wenn es gar nicht anders ging! Nahezu jede Woche gab die Königin einen offiziellen Empfang, Bälle, Theaterabende und was sich so ein Hof der Hohenzollern außer dem Kartenspielen zu seiner Unterhaltung einfallen ließ.

Gleichzeitig musste sich die Königin um ihr zerstörtes Sommerschloss Schönhausen, für dessen Renovierung Friedrich Mittel bereitstellte, die der Liebe zu seiner Frau ebenbürtig waren, kümmern. Meist wurde beim Essen die Tischdekoration mehr gelobt als der Inhalt der Schüsseln!

Die Königin hätte vieles ertragen, wenn nicht die zermürbenden Demütigungen durch den Gemahl geblieben wären. Niemals wusste sie vorher, ob sie, wie z.B. bei der Verlobung oder Hochzeit des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, zu den Familienfesten überhaupt eingeladen wurde und teilnehmen durfte. Im positiven Falle platzierte man sie an einer entwürdigenden Stelle. Das hatte allerdings den Vorteil, dass sie die Bosheiten Friedrichs II. über sie erst später durch "wohlmeinende" Zuträger erfuhr. Als Friedrichs Schwester Ulrike im Juli 1770 ihren 50. Geburtstag feierte, wies der König auf seine am Ende der Tafel sitzende Gattin und sagte: "Das ist meine alte Kuh, die Sie ja bereits kennen."

Es war kein Wunder, dass Elisabeth Christine immer mehr verbitterte, einsamer wurde, streitsüchtiger, launischer und unberechenbarer. Ihr Mann entwickelte sich nicht anders, aber dem großen König windet die Nachwelt Kränze, in denen die Dornen als schöner Zierrat wirken. Der Königin werden nicht einmal Dornenkränze geflochten.

Gewiss fehlten ihr die schnoddrige Arroganz der Hohenzollern und die intellektuelle Eloquenz Friedrichs. Von der Königin erwartete man keine sprühende Aufklärung. Aber Elisabeth Christine las Schriften deutscher Aufklärer, hielt persönlichen Kontakt zu Friedrich Nikolai und schwärmte für die Werke von Christian Fürchtegott Gellert. Eine preußische Königin hatte auch wohltätig zu sein, Künstler zu unterstützen. Doch woher das Geld nehmen - Schönhausen blieb ihr Ein und Alles, dafür reichte es gerade. Immerhin: als die Königin Mitte der siebziger Jahre ernsthaft erkrankte und man um ihr Leben fürchtete, alarmierte Friedrich seine Leibärzte mit den Worten: "Denken Sie daran, dass es sich um die teuerste und notwendigste Person für den Staat, für die Armen und für mich handelt." War das auch nur pflichtbewusste Staatsraison?

Der geliebte Friedrich hinterließ ihr ein hübsches Vermögen

Elisabeth Christine wurde ihre "Beinübel" nicht wieder los, aber sie erholte sich soweit, dass sie am Schreibtisch einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen konnte. Sie übersetzte religiöse Erbauungsliteratur in die französische Sprache, Friedrich nahm diese rührende Arbeit nicht zur Kenntnis. Stattdessen übertrug er seiner kranken Frau die Erziehung für die kleine Prinzessin Friederike und deklarierte die Aufgabe als Vertrauensbeweis.

Je einsamer Friedrich wurde, umso öfter sandte er seiner Frau in Schönhausen aufmerksame Briefe. Elisabeth Christine empfand bis zum Schluss jeden Gruß als Liebesbeweis. Aber auch die Goldene Hochzeit wurde 1783 mit Schweigen übergangen. Im Januar 1785 sahen sie sich noch einmal kurz bei einer Geburtstagsfeier, dann niemals wieder. Die Königin hätte auch den lebenden Leichnam Friedrichs in seinen letzten Monaten noch geliebt.

Als man ihr im August 1786 die Nachricht von seinem Tode überbrachte, setzte sie zum Befremden aller Höflinge den Mythos in die Welt, Friedrich ist nicht nur der bedeutendste und ruhmreichste Monarch Deutschlands gewesen, sondern ihr ist das große Lebensglück widerfahren, von diesem außergewöhnlichen Menschen geliebt zu werden. Sie erhielt den Lohn ewiger Treue: Friedrich hinterließ ihr ein hübsches Vermögen und bleibendes Wohnrecht sowohl im Berliner Schloss als auch in Stettin und Schönhausen. An der Tafel des neuen Königs Friedrich Wilhelm II. war sie wohl gelitten.

Ihre körperlichen Leiden verlor sie nicht. Aber sie überlebte ihren geliebten Friedrich um mehr als ein Jahrzehnt in seliger Erinnerung. Ob das ein befriedigendes Äquivalent für ein halbes Jahrhundert unausgesetzter Demütigungen durch einen despotischen Tyrann sein konnte, diese Frage hätte sie nur selbst beantworten können. Am 13. Januar 1797 starb die Königinwitwe Elisabeth Christine von Preußen im Berliner Stadtschloss. Sie wurde in der Hohenzollerngruft des Berliner Doms beigesetzt - weit weg von Sanssouci.

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