Drama nach Kriegsende: Weimarer und Erfurter planen Film

Weimar/Erfurt  Thüringer Filmemacher um Marcus Goldhahn und Maik Gießler möchten den Fund, der vor vierzehn Jahren ans Tageslicht geholt wurde, jetzt so ­richtig wach küssen: in Form eines Spielfilms.

Marcus Goldhahn (l.) und Maik Gießler möchten die Geschichte um die versteckten Militärbücher verfilmen. Jetzt suchen sie Partner, die ihr Projekt unterstützen möchten. Foto: Martin Moll

Foto: zgt

Die Bauarbeiter im Weimarer Lutherhof staunten nicht schlecht, als ihnen die Jahrbücher US-amerikanischer Truppen aus dem Jahr 1945 in die Hände fielen. Versteckt unter alten Dielen lagen diese am einstigen Sitz des Knabe Verlags im Dornröschenschlaf. Thüringer Filmemacher um Marcus Goldhahn und Maik Gießler möchten den Fund, der vor vierzehn Jahren ans Tageslicht geholt wurde, jetzt so ­richtig wach küssen: in Form eines Spielfilms – über die Geschichte der Bücher und über die Zeit, in der sie gestaltet, gedruckt und anschließend versteckt wurden.

„Dieses historische Thema ist so spannend – das schreit geradezu nach einer Verfilmung“, sagt der freiberufliche Erfurter Regisseur und Autor Marcus Goldhahn. Die rund 50-seitigen Bücher, die 2001 entdeckt wurden, waren Auftragsarbeiten des 237. Fighter Control Squadron der US-Armee. „Das waren Funker, die die Kommunikation zwischen Luft- und Bodentruppen gewährleistet haben“, konkretisiert Drehbuchautor Maik Gießler. Im Sommer 1945 waren die Funker in Weimar stationiert.

Quasi als Erinnerung an ihre Thüringer Zeit vereinte der Knabe Verlag Gruppenfotos der Einheiten, eine Landkarte, die den Weg der Truppen in die Mitte Deutschlands nachzeichnet, eine Auflistung militärischer Auszeichnungen und die Namen von rund dreihundert Soldaten, die einst zwischen Buchenwald, Weimar, Nohra und Erfurt ihren Dienst taten: Victor Alvarez aus Arizona, Richard Knutson aus Florida, Charlie Solomon aus Kentucky, Alvin King aus Oklahoma...

Gewidmet sind die Bücher unter anderem, so heißt es im Vorwort, „unseren Kameraden, der Navy für ihre großartige Leistung an den Stränden der Normandie und am Rhein, (...) unseren Leuten, unseren Frauen, unseren Liebsten“. Doch warum standen die Jahrbücher 2001 nicht in Regalen in den USA, sondern lagen fern vom Tageslicht unterm Dielenboden versteckt? „Als im Sommer 1945 die Sowjetarmee früher eintraf als geplant, und die US-Armee die Region verließ, lagen die Bücher offenbar noch beim Knabe Verlag“, sagt dessen heutiger Inhaber Steffen Knabe. „Also haben die damaligen Mitarbeiter sie einfach versteckt. Schließlich wussten sie nicht, was die Sowjets von solch enger Zusammenarbeit mit den Amerikanern halten würden.“ Und so verschwanden die frisch gedruckten Werke für 55 Jahre in der Weimarer Versenkung.

„Rubinrot“-Star Maria Ehrich mit dabei

Goldhahn und Gießler hörten vor einiger Zeit von den „verschollenen Kriegschroniken“. Sie erfuhren, dass Bauarbeiter während Abrissarbeiten des früheren Verlagsgebäudes auf in Einpackpapier gewickelte Druckwerke stießen. An vielen Büchern hatte der Zahn der Zeit ausgiebig genagt; sie waren aufgeweicht und zerfleddert.

Der Bauleiter rief Bernd Schmidt herbei. Der Weimarer Hobbyhistoriker ging dem Ursprung der Bücher auf den Grund und stellte fest: Sie stammen aus der Zeit gleich nach dem Zweiten Weltkrieg. „Knapp 20 von rund 200 Büchern konnten gerettet werden“, sagt Goldhahn. Inzwischen haben einige von ihnen den Weg in die USA gefunden und konnten Überlebenden oder Nachfahren der damaligen Soldaten übergeben werden. „Wenn das mal kein spannender Stoff ist“, dachten sich die Drehbuchschreiber und begannen gleich mit den Arbeiten am Projekt – nach diversen Kurzfilmen und der Mitwirkung bei „Tatort“-Produktionen ist es ihr bislang größtes Unterfangen. „Das wird sich über Jahre ziehen“, sagt Goldhahn. Das Exposé ist schon geschrieben, die Handlung steht. Die Erfurter Schauspielerin Maria Ehrich, die bereits für diverse TV-Produktionen vor der Kamera stand und in den Kinofilmen „Rubinrot“ und „Saphirblau“ mitspielte, soll laut Goldhahn auch in diesem Film die Hauptrolle übernehmen. Wenn die Zeit es erlaubt, entwickelt sie schon jetzt mit den Drehbuchautoren die Figuren, feilt an Dialogen und Spannungsbögen. Ziel des Teams aus Erfurt und Weimar ist schließlich ein Spielfilm – mit einer fiktiven Erzählung, eingebettet in tatsächliche Ereignisse im Jahr 1945. Arbeitstitel: „Zwischen gestern und morgen“.

Der Film soll die Geschichte des Lieutenant Sheldon erzählen, der – im Jahr 2002 in einem Altenheim für Kriegsveteranen lebend – eines der Weimarer Bücher in die Hände bekommt und dessen Erinnerung an seine Stationierung in Weimar wieder lebendig wird. Und die Erinnerung an die Beziehung zu einer Weimarerin: Gretchen, gespielt von Maria Ehrich.

Kontakte in die Filmbranche geknüpft

Es geht um Liebe, um Hoffnung und um die Sorge nach einer gemeinsamen Zukunft, während große Teile der Welt in Trümmern liegen. „Es geht auch darum, das Gute im Schlechten zu finden“, sagt Marcus Goldhahn. „Neben der ganzen Kälte und Härte in der Kriegs- und Nachkriegszeit, muss es doch auch glückliche Momente gegeben haben.“ Wie es den beiden Hauptfiguren ergeht, als die US-Amerikaner Weimar verlassen, wissen sie beide selbst nicht. Jahrzehntelang lebt Lieutenant Sheldon in Ungewissheit, was aus Gretchen geworden ist.

Damit der Film realisiert werden kann, suchen Goldhahn und Gießler nach Unterstützern, Geldgebern, Produzenten. Kontakte in die Filmbranche sind vorhanden, schließlich sind die beiden keine unbeschriebenen Blätter. Auf Filmfestivals wie der Berlinale haben sie mit potenziellen Partnern und Förderern gesprochen und von den Weimarer Büchern und ihrer Vision eines Spielfilms erzählt.

Wer ihnen länger als fünf Minuten zuhört, merkt: Sie meinen es ernst. Vor allem die Recherchen nehmen viel Zeit in Anspruch. Beide verschlingen Bücher und Filme über die Kriegsjahre, erkunden Museen und Gedenkstätten. Eine große Hilfe dabei ist Bernd Schmidt, der den Filmemachern mit Hintergrundinformationen über die Stadt Weimar zu jener Zeit zur Seite steht. Auch ein Besuch des Militärflugplatzes der US Air Force in Ramstein steht bevor.

„Intensive Vorbereitungen sind extrem wichtig“, sagen die Drehbuchschreiber. „Schließlich sollen sowohl die Geschichte als auch die sozio-historischen Rahmenbegebenheiten authentisch rüberkommen.“ Im April nutzten sie den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald dazu, mit amerikanischen Veteranen ins Gespräch zu kommen.

Bei der Suche nach Schauspielern wollen sie darauf achten, dass diese des Englischen oder Russischen mächtig sind. Schließlich treffen in der Geschichte – und der Erzählung – drei Sprachen und drei Kulturen in Weimar aufeinander. Wenn jetzt ein verlässlicher Partner gefunden wird, kann‘s richtig losgehen. Die geschichtsinteressierten Filmemacher sind optimistisch. Bald beginnen sie mit den Arbeiten am Drehbuch.

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