Filmriss im Eichsfeld: In Worbis steht das letzte Kino in der Region

In Heiligenstadt fiel schon vor Jahren der letzte Vorhang . Heute versorgt nur noch ein Kino in Worbis die Region mit aktuellen Leinwand-Produktionen.

Foto: zgt

Heiligenstadt/Worbis. Gibt man die Stichwörter "Kino" und "Heiligenstadt" in die Suchmaschine ein, wird man auf einen Umkreis von 30 Kilometern vertröstet. Das nächstgelegene Filmtheater befindet sich im 16 Kilometer entfernten Worbis. Nach Duderstadt ist es etwa genauso weit, doch das liegt schon in Niedersachsen. Empfohlen wird dem Heiligenstädter Kinofreund auch das Capitol im hessischen Witzenhausen (19 Kilometer). Doch dann könnte man auch gleich nach Niedersachsen zum Cinemaxx in Göttingen düsen (21 Kilometer), wo mit neun Sälen das größte und vom Filmangebot her umfänglichste Kino lockt. Doch wer fährt schon an einem Abend 42 Kilometer, nur um den neuesten Film zu sehen?

Heilbad Heiligenstadt, ein Kurort mit 17.000 Einwohnern, besitzt schon seit elf Jahren kein eigenes Kino mehr. Am 3. Dezember 2003 gingen dort in der Filmbühne im traditionsreichen "Reichshof" die Lichter aus. "Es war ein Abschied in Tränen", erinnert sich der Betreiber Egon Paulus, obwohl die letzte Vorstellung eigentlich lustig war - "Die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann wurde gezeigt. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt.

"Das Kino lief eigentlich gut. Meine Frau und ich konnten davon leben", sagt Paulus. Doch der neue Besitzer des Reichshofes hatte ihm gekündigt. Inzwischen wurde der Kinosaal abgerissen, nur das Vorderhaus steht noch. Nichts erinnert mehr an die flimmernden Zeiten - kein Schriftzug, kein Schaukasten und kein Filmplakat.

Ohne Kino - kein Kulturleben

"Bis zur Wende hatten wir sogar zwei Kinos in der Stadt", erzählt ein anderer Cineast. Siegfried Paul, genannt Kino-Paule, hat 30 Jahre als Filmvorführer gearbeitet - in Heiligenstadt bis 1993. Früher ist er sogar mit der guten, alten Landfilmapparatur über die Dörfer gezogen. Aber das ist lange her. Wann er das letzte Mal in einem Kino war? Kino-Paul überlegt eine Weile. Damals, als Camerons "Titanic" gezeigt wurde. Da hatten ihn seine Töchter zum gemeinsamen Filmbesuch in Göttingen eingeladen. Von dem "tollen Sound" schwärmt er heute noch.

Ohne Kino, da ist man sich einig, kein richtiges Kulturleben. Die Heiligenstädter versuchen sich in der Not mit ambulanten Vorführungen zu behelfen. Seit der Bürgermeister im Alten Rathaus den "Kulturfreitag" eingeführt habe, gebe es auch regelmäßig Filmveranstaltungen", erzählt Regina Fasold. Für die Direktorin des Theodor-Storm-Museums ist das zumindest eine Alternative. Doch laufen dort keine taufrischen, sondern zumeist nur ältere Streifen - der Defa-Film "Für die Liebe noch zu mager", zum Beispiel, oder "Schindlers Liste". Kürzlich gab es Action mit "James Bond 007 - Skyfall".

Nein, den neuen Schiller-Film "Die geliebten Schwestern" von Dominik Graf, über den man in Weimar und Erfurt, Jena und Rudolstadt spricht, habe sie noch nicht gesehen, bedauert die promovierte Literaturwissenschaftlerin. Sie würde ihn sich ja gerne ansehen, aber nur wenn er vor ihrer Haustür liefe - also in Heiligenstadt.

"Im richtigen Kino riecht es nach Popcorn"

Nein, für ihn sei der "Freitagsfilm" kein Kino-Ersatz, erklärt Egon Paulus. "Womöglich noch mit Beamer!" Da fehle nicht nur die technische Qualität, sondern auch das Flair. Im richtigen Kino rieche es nach Popcorn, so Paulus. Es brauche bequeme Sitze, damit man sich in der Vorstellung wohlfühlen kann, einen Bühnenvorhang und einen guten Sound.

Das Kinosterben gibt es überall, es ist ein deutschlandweites Problem. Nur werden in Thüringen, wozu der größte Teil des Eichsfelds gehört, seine Auswirkungen besonders spürbar. Ging der Thüringer vor 25 Jahren noch durchschnittlich vier Mal im Jahr ins Kino, so heute nur noch zwei Mal. Für viele findet gar kein Kinobesuch mehr statt, weil man dafür weit fahren müsste.

Der radikale Schnitt erfolgte durch die Privatisierung der subventionierten und zum Teil maroden DDR-Filmtheater unmittelbar nach der deutschen Vereinigung. Thüringenweit wurde innerhalb kürzester Zeit beinahe die Hälfte der Lichtspielhäuser, die es auch in kleineren Städten gab, geschlossen. Sie rechneten sich nicht. Vor allem in Orten mit weniger als 20"000 Einwohnern fiel der Vorhang für immer.

Überlebt haben zumeist nur die großen. Hier und da auch die cleveren, die sich als Verein firmierten und Filmkunst auf ihre Plakate schrieben. Das funktioniert in der Regel aber nur in Universitätsstädten wie Jena, Erfurt und Weimar, wo man sich ein von der Kommune unterstütztes Programmkino leistet. Während die riesigen, modernen Kinokomplexe vor allem den Mainstream bedienen, sind die Filmkunsttheater zu Anspruch geradezu verpflichtet. Aber auch die Betreiber der großen Häuser, in denen den halben Tag lang mehrere Vorstellungen gleichzeitig laufen, haben mittlerweile zu kämpfen. Sie mussten in die neueste 3D-Technik investieren und sind gezwungen, immer mehr Popcorn und Getränke abzusetzen, um schwarze Zahlen schreiben zu können. Oder sie erhöhen die Ticket-Preise.

"Die Besucher sind anspruchsvoller, wollen heute 3D"

Um so erstaunlicher ist, dass ausgerechnet in dem kleinen Worbis ein Kino aus DDR-Zeiten überlebt hat und heute das Eichsfeld so gut wie allein versorgt. Nach dem Zusammenschluss mit dem benachbarten Leinefelde kommt die Kommune auf 18.500 Einwohner.

"Ich kann mich nicht beklagen", sagt Roy Kleinecke, der das Filmtheater Worbis seit vier Jahren betreibt. "Die Leute kommen aus allen Himmelsrichtungen zu uns - von Mühlhausen oder Heiligenstadt, sogar aus Nordhausen." Kleinecke hat das Kino 2010 von Siegmar Matthias übernommen, der es 17 Jahre lang mit seiner Frau betrieben hatte.

Die Filmbühne Worbis verfügt zwar nur über einen Saal mit 220 Plätzen, bietet jedoch mit einer verglasten Raucher-Lounge einen Luxus, den sich nicht einmal die Großen leisten. Kleinecke hat viel investiert, um das Haus konkurrenzfähig zu machen. Allein 120.000 Euro in moderne Technik. "Wir sind das erste Kino in Nordthüringen, das 3D-Filme zeigt", sagt der Betreiber stolz. In Duderstadt, wo er noch ein zweites Kino unterhält, investierte er ebenfalls. Dort hat er sogar einen dritten Saal eröffnet.

Das Kino in Dingelstädt musste Anfang 2014 schließen

"Die Leute werden immer anspruchsvoller", weiß Kleinecke. Breiter Abstand zwischen den Sitzreihen, Luxussessel, High-Tech-Sound und ein gestochen scharfes Bild gehören heute zum Standard. Den konnte man offenbar in Dingelstädt nicht gewährleisten. Am 12. Februar 2014 wurden dort die Filmprojektoren abgeschaltet. Da fast alle Verleihfirmen die Bereitstellung von Lichtkopien (35mm-Film) aktueller Streifen eingestellt haben und für den Club die Umrüstung auf digitales Kino nicht bezahlbar war, gehe eine 27-jährige Tradition zu Ende, teilten die Dingelstädter Cineasten auf ihrer Website mit.

Kino sei schon "eine spezielle Branche", meint Kleinecke mit Blick auf die erforderlichen Investitionen. Vor allem den Übergang vom analogen ins digitale Zeitalter könne nicht jeder stemmen. Zudem mache die DVD den Kinos Konkurrenz. Dazu komme, dass die Heimkinos immer besser ausgerüstet würden und der Abstand zwischen Filmstart und DVD-Premiere dahinschmelze. Allerdings registriert Kleinecke seit einigen Jahren auch einen Umschwung in die andere Richtung - weg von den großen, hin zu den kleinen Kinos. Die Eichsfelder würden wieder verstärkt das cineastische Gemeinschaftserlebnis suchen.

Aber warum nur in Worbis-Leinefelde oder im niedersächsischen Duderstadt? Zumindest habe man aus dem kinofreien Heiligenstadt angefragt, ob er nicht auch dort ein Kino eröffnen wolle, erzählt Kleinecke. Seine Antwort: "Tja, wenn ihr noch einen alten Kinosaal hättet. Ein Neubau ist zu teuer."

Vielleicht wäre ja für die Versorgung der Eichsfelder ein mobiles Kino hilfreich, wie es Frank Müller im Weimarer Land betreibt. Der fährt mit dem Pkw übers Land und baut seine Leinwand in Schulen, Seniorenheimen und Kulturhäusern auf.

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