Kinotipp: Eiskalte Rachemorde zu veganer Kost

"Kraftidioten" heißt der Film im norwegischen Original. Die skandinavische Gangsterkomödie "Einer nach dem Anderen" lebt von ihren Absurditäten.

Der norwegische Mafia-Boss "Der Graf" (Pål Sverre Hagen) pflegt einen besonderen Stil. So sanftmütig er im Privatleben reichhaltige Bäder und vegane Menüs präferiert, so brutal verhält er sich in seinem Gangsterberuf. Foto: Neue Visionen Filmverleih

Foto: zgt

Weimar. Nils Dickman (Stellan Skarsgård) ist ein Vorzeigeeinwanderer. In seiner kleinen norwegischen Stadt gerade zum "Bürger des Jahres" gewählt, führt der gewissenhafte und zuverlässige Schneepflugfahrer ein geordnetes Familienleben. Doch mit dem plötzlichen Tod seines Sohnes an einer Überdosis ist diese Idylle zerstört. Sein Sohn - ein Junkie? Dieser Erklärung kann der Ordnungsfanatiker nicht glauben.

Also forscht er nach, kommt der örtlichen Drogenmafia auf die Spur und führt gegen sie einen gnadenlosen Feldzug, der die Straßen nicht nur von Schnee, sondern auch von kriminellem Abschaum säubert. Natürlich lassen die Reaktionen seitens der Gangster nicht lange auf sich warten. Bis hierher hört sich der Plot von "Einer nach dem Anderen" erst einmal reichlich eindimensional und vorhersehbar an. Doch glücklicherweise reichert Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson ("Gnade") seinem ernsten Gangsterthriller mit zunehmender Laufzeit neben zahlreichen weiteren Storyfäden mit reichlich krudem, knochentrockenen skandinavischem Humor an, der nicht nur gelungen mit Genre-Klischees spielt, sondern auch hervorragend zum Setting der unwirtlichen, rauen und verschneiten Winterlandschaften Norwegens passt.

So heuert Nils' aus dem Gangstermilieu ausgestiegener Bruder einen japanischen Profikiller an, der den örtlichen Gangsterboss, genannt "Der Graf" (Pal Sverre Valheim Hagen), aus dem Weg schaffen soll. Doch leider verpetzt der ihn, um doppelt abzukassieren. Dumm nur, dass "der Graf" den Verrat an Landsmännern nicht duldet und den Profikiller liquidiert - ihn allerdings vorher bittet, mit seinem Stuhl vom teuren Teppich zu rutschen. Schließlich geht die Sauerei immer so schlecht raus.

Es deutet sich schon an: "Der Graf" ist kein gewöhnlicher Gangsterboss, sondern eher eine Karikatur. Der cholerische Veganer residiert in einem strahlend weißen Atelier mit reichlich Kunst, das man wohl am ehesten als sein "Hauptquartier" bezeichnen würde. Und selbst, wenn er sich einmal in Rage redet, hat er immer noch die Zeit, sich mit einem Karottensaft um die Gesundheit seiner anwesenden Schergen zu sorgen. Während er für seinen Sohn den liebenden Vater gibt, schlägt er später seiner von ihm getrennt lebenden, streitsüchtigen Frau das Gesicht zu Brei.

Bruno Ganz als stoischer Mafia-"Papa"

Solche Absurditäten und Widersprüche behält "Einer nach dem Anderen", der als knallharter Rachethriller beginnt und sich zur lakonischen Komödie wandelt, in unterschiedlich starkem Maße bis zum Ende bei, als es zur Konfrontation mit der serbischen Mafia kommt. Bruno Ganz ("Der Untergang") mimt den Mafiaboss "Papa" ebenso wie Stellan Skarsgård seinen rasenden Familienvater mit nahezu versteinerter Miene.

Aber gerade deshalb passen beide in diese eiskalte und nicht ganz runde Melange aus intimen Einblicken ins Familienleben, brachialen Tötungsmethoden, albernen Gangster-Kosenamen und einem kleinen Schuss Kritik am Rassismus in der norwegischen Gesellschaft. Dabei wird im Dialog zweier Polizisten gleich noch die Erklärung für die skandinavische Wohlfahrtsgesellschaft mitgeliefert: Die ist die "Entschädigung" für mangelnde Sonne - oder haben Griechenland, Italien und Spanien vielleicht ähnlich groß angelegte soziale Absicherungen?

Hans Petter Moland ("Ein Mann von Welt") inszeniert "Einer nach dem Anderen" in kalten Bildern mit Mut zum langsamen, aber stetigen Wirken einer bedrückenden Atmosphäre und konsequenter Bösartigkeit, bei der Gewalt nie ausgeblendet wird. Dabei orientiert er sich durchaus an US-amerikanischen Vorbildern wie "Fargo - Blutiger Schnee" (1997), was Stimmung und Humor angeht, ohne jedoch wirklich innovative Ingredienzien hinzufügen. Das muss dieses spannende und schwarzhumorige Kuriositätenkabinett aber auch nicht, denn dieser Rachefeldzug fällt letztlich ziemlich kurzweilig aus.

Bild 1: Der norwegische Mafia-Boss "Der Graf" (Pål Sverre Hagen) pflegt einen besonderen Stil. So sanftmütig er im Privatleben reichhaltige Bäder und vegane Menüs präferiert, so brutal verhält er sich in seinem Gangsterberuf. Foto: Neue Visionen Filmverleih

"Die Tribute von Panem": Katniss gibt der Welt wieder Hoffnung

Film-Start der Woche: Rentner-Romanze mit Douglas und Keaton

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.