Regisseur von "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" im TLZ-Interview

Weimars Märchenfilmfestival ehrt den Regisseur von "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" - wir kamen mit ihm ins Gespräch.

Regisseur Vaclav Vorlicek (l.) kam in Weimar mit Professor Dieter Wiedemann ins Gespräch. Der ehemalige Präsident der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" ist Pate eines Beitrags auf dem Märchenfilmfestival. Die Patenschaft über "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", Vorliceks bekanntestes Werk, hatte ein brennender Fan übernommen: TLZ-Thüringen-Redakteurin Sibylle Göbel. Foto: Sabine Brandt

Foto: zgt

Weimar. Ein Herr mit weißem Schopf und Gehstock erhebt sich vor dem Publikum, das auf die Eröffnung des 2. Weimarer Märchenfilmfests wartet. Vaclav Vorlicek, den das Festival diesmal mit einer Retrospektive ehrt, ist einer der bekanntesten Kinderfilmregisseure aus Tschechien. Eigentlich ist er nach Weimar gekommen, um Fragen zu beantworten. Jetzt aber gefällt es ihm, erst einmal selbst welche an seine Fans zu richten, von denen die meisten wahrscheinlich noch nicht einmal auf der Welt waren, als er seinen ersten Märchenfilm machte. "Wer von Euch kennt den fliegenden Ferdinand?" Zaghaft heben sich ein paar Arme. "Wer kennt das Märchen vom Prinzen und dem Abendstern?" Noch ein paar Finger mehr sind zu sehen. "Und wer kennt Drei Haselnüsse für Aschenbrödel?" Bingo: Im voll besetzten Cinemagnum-Saal darf von einer hundertprozentigen Kenntnis des Stoffs ausgegangen werden.

Neben Sissi und der Feuerzangenbowle gibt es kaum einen Film, der Jahr für Jahr um Weihnachten herum x-mal im Fernsehen läuft und an dem sich die Menschen trotzdem nicht satt sehen können. Bestes Beispiel: Katrin Miebach, die eigens aus Nordrhein-Westfalen nach Weimar kam, um Vorlicek zu treffen. Die "Drei Haselnüsse" sind ihre größte Leidenschaft, bei Katrin Miebach geht die Besessenheit sogar so weit, dass sie Aschenbrödel-Partys in Renaissancekostümen veranstaltet.

Vorlicek ist dieses Jahr 84 geworden, steckt aber bereits in den Vorbereitungen für seinen nächsten Film. Kurz vor Beginn des Festivals hatten wir Gelegenheit, mit ihm über die wahrscheinlich charmanteste Adaption des Grimmschen Aschenputtel-Stoffs zu sprechen.

Herr Vorlicek, was ist das Geheimnis eines Films wie "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel", dem es seit Jahrzehnten gelingt, die Menschen zu berühren?

Das bleibt das Geheimnis des Autors. Er hat das Naturell des Aschenbrödel komplett geändert, indem er aus der kleinen, schmutzigen Dienerin ein stolzes, freches und lustiges Mädchen machte. Wir haben den Film vor über 40 Jahren gemacht, und er wird immer noch gezeigt. Wir waren wohl einfach ein gutes Team, die Atmosphäre war dementsprechend.

Sie haben Drei Haselnüsse im Winter verfilmt. War Ihnen klar, dass Sie damit einen Weihnachtsklassiker schaffen würden?

Nein. Wir wollten die Geschichte eigentlich im Sommer spielen lassen. Die Bilder dafür hatte ich zwei Tage, nachdem ich das Drehbuch bekommen hatte, schon im Kopf: Aschenbrödel sollte über eine Blumenwiese reiten. Uns stand für diese Produktion aber zunächst nicht genug Geld zur Verfügung, so dass ich glücklich war, als die Defa einstieg. Unsere Partner in der DDR bestanden aber darauf, dass schon im Winter gedreht werden sollte, weil gegen Jahresende ein Studio frei war und Weihnachtsprämien ausgezahlt werden sollten. Also nutzten wir den Winter, um die Studioszenen zu drehen.

Da hätte sich die Crew ja bis zum Sommer noch Zeit lassen können...

So hatten sich das auch die beiden Generalsekretäre aus den Barrandovstudios und von der Defa vorgestellt. Das wollte ich aber nicht. Ich sagte, ihr seid wohl verrückt, vier Monate vergehen zu lassen. Das Risiko, dass in der Zwischenzeit jemand ausfallen könnte, war zu groß. Also drehten wir auch die Außenaufnahmen im Winter.

Wie haben Sie es geschafft, dass trotz des Winters und der dünnen Kleider niemand verfroren aussah?

Es war sehr, sehr kalt. Als wir zum Beispiel den Ritt für die Schluss-Szene drehten, minus 20 Grad. Aschenbrödel hatte nur ihr Hochzeitskleid an, ganz dünn, sehr feiner Stoff. Hinter dem Horizont sollte eigentlich jemand mit Tee und warmen Sachen auf sie warten. Aber das Team hatte vergessen, jemanden hinzuschicken. Also musste das Hochzeitspaar den ganzen Weg auch wieder zurück reiten, noch dazu auf Umwegen, um nicht so viele Spuren in den Schnee zu treten.

Wie sind Sie auf Libuse Safrankova aufmerksam geworden?

Ich hatte erst eine andere Darstellerin im Blick. Die aber war schwanger und hätte zur Drehzeit noch nicht mal mehr aufs Pferd steigen können. Wir suchten dann lange nach einer anderen Besetzung. Safrankova kannte ich aus der Verfilmung "Die Großmutter", da spielte sie die Enkelin, war so ungefähr 13 oder 14 Jahre alt. Ich dachte: Gut, seither sind fünf Jahre vergangen. Jetzt müsste aus ihr eigentlich eine Prinzessin geworden sein.

Das Problem war nur: Inzwischen hatte Libuse Safrankova ein Engagement am Tschechischen Nationaltheater. Sie musste also zwischen den Vorstellungen dort und dem Drehort Schloss Moritzburg pendeln, morgens hier, abends da. Sie kam kaum zum Schlafen. Einmal sollte der Chauffeur sie vom Flieger abholen, aber sie kam nicht. Sie war einfach eingeschlafen und im Flugzeug sitzen geblieben und musste von den Putzfrauen geweckt werden

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

An einem Märchen, natürlich, "Goldhaar". Eine Autorin hat den Text überarbeitet und es mir angeboten. Sie wollte unbedingt, dass ich es verfilme.

Das Festival in Weimar zeigt drei weitere Filme von Vorlicek: "Saxana, das Mädchen auf dem Besenstiel" am Samstag, 6. Dezember; "Der Prinz und der Abendstern" am Samstag, 13. Dezember; und "Saana und die Reise ins Märchenland" am Samstag, 20. Dezember - jeweils 15 Uhr im Cinemagnum im Weimarer Atrium.

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