TLZ-Interview mit Horst Günter Marx: "Ich musste im DDR-Knast Möbel für Ikea bauen"

Der Schauspieler Horst Günter Marx sprach mit der Thüringischen Landeszeitung über seine Zeit im Stasi-Gefängnis, seine Karriere im Westen und seine Rolle in der Erfurter Serie "Die jungen Ärzte". Das Interview führte Sybille Göbel.

In der neuen Vorabendserie "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte" spielt Horst Günter Marx (l.) an der Seite von Marijam Agischewa (als Prof. Dr. Karin Patzelt) und Roy Peter Link ( Dr. Niklas Ahrend) den Klinikleiter Wolfgang Berger. Die Weekly lief am 22. Januar an. Foto: ARD/Tom Schulze

In der neuen Vorabendserie "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte" spielt Horst Günter Marx (l.) an der Seite von Marijam Agischewa (als Prof. Dr. Karin Patzelt) und Roy Peter Link ( Dr. Niklas Ahrend) den Klinikleiter Wolfgang Berger. Die Weekly lief am 22. Januar an. Foto: ARD/Tom Schulze

Foto: zgt

Erfurt. Die Fernsehzuschauer kennen ihn unter anderem aus vielen "Tatorten" und anderen Krimis, aus der Serie "Tierärztin Dr. Mertens" und nicht zuletzt aus der "Venusfalle" an der Seite von Sonja Kirchberger: Horst Günter Marx, geboren 1955 in Caputh bei Potsdam, ist ein vielbeschäftigter deutscher Schauspieler. In der neuen ARD-Vorabendserie "Die jungen Ärzte", die am 22. Januar startete, spielt er den Chef des fiktiven Erfurter Johannes-Thal-Klinikums. Die TLZ sprach mit Marx, der in den 80er Jahren 18 Monate im DDR-Knast saß und dann in den Westen abgeschoben wurde.

Wie hat man es denn mit dem Namen Marx in der DDR geschafft, sich ins Unrecht zu setzen?

Na, das ist eine Frage... Der Name Marx war in der DDR schon ein besonderer. Wenn ich es recht bedenke, hat er mir in einem speziellen Fall sogar geholfen: Als ich zur Armee kam und den ersten Tag ganz frisch da war, bestellte mich der Kompaniechef, als er meinen Namen hörte, zu sich und fragte mich, ob ich bei ihm Schreiber werden wollte. Und zwar deshalb, weil der vorherige Schreiber auch schon Marx hieß. So bin ich Spieß-Schreiber geworden. Dadurch hatte ich eine relativ gute Armee-Zeit. Dass ich später verhaftet wurde, hatte natürlich nichts mit meinem Namen zu tun, sondern mit dem, was ich getan habe.

Sie hatten einen Ausreise-Antrag gestellt"...

Ja, aber das war nicht der Grund der Inhaftierung selbst. Ich hatte mich, nachdem ich den Antrag gestellt hatte, mit Freunden getroffen, um zu beraten, wie man das mit der Ausreise macht. Wir verabredeten, in die westdeutsche Vertretung in Berlin zu gehen und die dort zu informieren, dass wir einen Ausreiseantrag gestellt haben. An diesem Tag gingen wir alle zu unterschiedlichen Zeiten in die Vertretung - und wurden kontrolliert und nacheinander verhaftet. Uns wurde "ein Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele" vorgeworfen - und ich bekam dafür 18 Monate.

Waren Sie mir dem Staat schon vorher über Kreuz? Schließlich wollten Sie zuerst Journalist werden, haben sich dann jedoch kurzerhand für das Schauspielstudium entschieden. Oder steckte etwas anderes hinter diesem Sinneswandel?

Ursprünglich wollte ich als Junge schon Schauspieler werden. Aber wie das dann so ist: Die Erwachsenen reden es einem aus und sagen: Lern erst einmal einen ordentlichen Beruf. Und dann lernt man eben erst einmal einen Beruf. Weil es bei mir in Ludwigsfelde nichts anderes gab, habe ich halt Werkzeugmacher gelernt. Wichtig an der Geschichte war mir das Abitur, das war eine Berufsausbildung mit Abitur. Zuerst hatte ich dann einen Studienplatz für Maschinenbau, doch während der Armee hatte ich Zeit, mich zu sammeln und darüber nachzudenken, in welche Richtung ich wirklich gehen will. Ich bin dann zum DDR-Fernsehen gefahren, weil ich dachte, Regisseur würde mir Spaß machen. Doch dort hieß es dann, dafür sei ich mit knapp 20 noch zu jung. Aber Journalist, das könnte ich werden, dafür würden Leute gesucht. Ich wurde dann Volontär beim Fernsehen, eine Zeitlang auch bei der "Aktuellen Kamera". Und in der Zeit, in der ich dort war, hatte ich auch mit Leuten von der Schauspielschule zu tun. Eine Freundin hat mir dann Mut gemacht, mich an der Schauspielschule zu bewerben, was ich dann auch getan habe. Hätte ich diese Freundin nicht getroffen, hätte ich vielleicht Journalistik studiert.

Sie haben an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin studiert und 1981 das Studium abgeschlossen. Drei Jahre später stellten Sie den Ausreiseantrag. Was war in der Zwischenzeit passiert?

Es war eine Reihe von Bausteinen, die zu so etwas wie einem Ausreiseantrag führten. Einer davon war folgender: Es gab an der Schauspielschule eine Absolventeneinsatzkommission, in die ich als Student gewählt worden war. Die Kommission hat darüber beraten, wohin die Studenten gehen, welches Angebot sie bekommen. Bei einer Beratung in Rostock war auch Frank Castorf dabei, ein schon in der DDR sehr umstrittener Regisseur. Er erzählte, dass er in Anklam Theater machen will und dafür Studenten braucht. Ich sagte gleich ganz naiv, dass ich das toll finde und es bestimmt einige gibt, die Lust haben, dorthin zu gehen. Doch für die Leitung der Schauspielschule - damals war das Hans-Peter Minetti - war das ein absolutes No-go. Das durfte einfach nicht sein. Mir wurde dann gleich gesagt, dass ich das nicht weitersagen sollte. In meinem Gerechtigkeitsgefühl dachte ich mir: Wieso? Ich habe dann einigen Leuten aus meinem Studienjahr von Anklam erzählt. Wir wollten alle zusammen dorthin gehen. Doch stattdessen mussten wir zum Direktor, wo uns gesagt wurde: Das geht nicht. Jeder hat ein Einzelgespräch bekommen. Letztlich sind wir ins Kulturministerium bestellt worden, wo uns verboten wurde, nach Anklam zu gehen.

Mit welcher Begründung?

Weil das an diesem Theater "für junge Menschen nichts ist". Es hieß immer: "Das ist nicht im Sinne unserer erzieherischen Aufgabe." Deshalb ging ich dann ans Theater Magdeburg, wo ich eigentlich drei Jahre hätte bleiben müssen, aber nur ein Jahr war. Ich durfte nach einem Jahr kündigen, um doch noch nach Anklam zu gehen. Dort hat Frank Castorf Theater gemacht, das für DDR-Verhältnisse sehr modern war. Es entsprach jedenfalls nicht dem, was man unter sozialistischem Realismus verstand. Inhaltlich konnte man nichts dagegen sagen, er hat ja "Othello" oder auch "Der Auftrag" und "Die Schlacht" von Heiner Müller gemacht. Es waren eher formale Dinge, die Anstoß erregten. Beispielsweise, dass er bei Shakespeare nicht nur dessen Texte verwendet hat, sondern teilweise auch andere. Da hieß es dann: Das ist nicht mehr Shakespeare, das ist nicht im Sinne unserer Kulturpolitik, das darf so nicht sein. Deshalb wurde zum Beispiel "Othello" sofort nach der Premiere abgesetzt. Im Anklamer Theater wurde dann ein neuer Intendant in­stalliert, der Castorf letztlich nahe legte zu kündigen. In diesem Umfeld haben dann ein Freund und ich 1984 beide den Ausreiseantrag gestellt. Ganz naiv. Wir wussten nicht, dass wir sogar im Gefängnis landen könnten.

Genau das ist aber dann passiert.

Ja, in Anklam, wo ich nochmal in "Trommeln in der Nacht" bei Frank Castorf gastierte. Denn eigentlich war ich zu der Zeit schon am Theater in Frankfurt (Oder). Abends um 23 Uhr haben mich drei Männer bei mir zu Hause, in der Wohnung in An­klam, abgeholt.

In welches Gefängnis kamen Sie dann?

Zuerst war ich ungefähr eine Woche in Neustrelitz, was ich damals allerdings nicht wusste. Dann vier Monate in Pankow, Kissingenstraße, wo ein kleines Stasi-Gefängnis war, danach in Naumburg.

Bis zu Ihrer Abschiebung?

Normalerweise wurde man direkt aus dem Knast freigekauft, meist nach etwa zwei Dritteln der Haftzeit. Bei mir aber war das aus einem Grund, den ich bis heute nicht weiß, anders: Ich aber wurde erst einmal wieder in die DDR entlassen, was ziemlich hart war. Ich dachte: Jetzt habe ich 18 Monate hier gesessen - und komm‘ nicht weg. Drei Monate später durfte ich dann ausreisen, was ich aber bei der Entlassung nicht wusste. In der Zwischenzeit hat man wieder Druck gemacht und zum Beispiel versucht, mir eine Arbeit in einem Möbelwerk aufzuzwingen. Das war eine Zeit, in der ich viele Beruhigungsmittel geschluckt und mich wacker verteidigt habe. Weil ich wieder als Schauspieler arbeiten wollte, habe ich an jedes Theater eine Bewerbung geschrieben, aber überall eine Ablehnung bekommen. Einen Tag nach meinem Geburtstag am 1. Dezember 1985 lag dann der Ausreisebescheid im Briefkasten - sozusagen als Geburtstagsgeschenk der DDR.

Was haben Sie während der Haftzeit gemacht?

Ich musste arbeiten. Wir haben im Monat ungefähr 150 DDR-Mark verdient, von denen etwa 50 Mark für die Zeit nach der Entlassung angespart wurden. Mit dem Rest wurden sozusagen die "Hotelkosten" beglichen. Ich war in der Mewa, den Naumburger Metallwaren, wo Metallteile für Büromöbel hergestellt wurden. Zum Beispiel Teleskopschienen für Schreibtischschubladen, Scharniere für Schranktüren, auch Möbelteile für den Westen, für Ikea. Ich erinnere mich an Rohlinge für eine Art Thonet-Stuhl, die eindeutig nicht in die DDR gingen.

Saßen Sie in Einzelhaft?

Nein. In der Untersuchungshaft war man meist zu zweit in einer Zelle, im normalen Vollzug waren es dann im Schnitt zehn Leute in einer Zelle von ungefähr 20 oder 25 Quadratmetern Größe und einem extra Nassbereich.

Wie haben Sie das anderthalb Jahre lang gesund an Körper und Seele überstanden?

Tja, ich habe mich sehr auf mich besonnen. Ich habe dort zum Beispiel regelmäßig Yoga gemacht, was ich auch schon vorher gemacht habe. Die Kriminellen, die mit uns Ausreisewilligen die Zelle teilten, empfanden das anfangs als Angeberei. Aber wenn man die Kraft hat, das durchzuhalten und es jeden Tag zu machen, dann haben auch die dann Respekt davor und erkennen es an. Bei mir war es im Gefängnis nicht so extrem schlimm. Ein Freund von mir hat viel, viel schlimmere Dinge in der Haft in Chemnitz erlebt. Den hatten sie in eine Zelle nur mit Kriminellen gesteckt - die reinste Schikane.

Sind Sie nach Ihrer Ausreise erst mal in einem Aufnahmelager gelandet?

Nein, ich hatte eine Freundin in Westberlin, zu der ich gehen konnte und bei der ich auch die ersten Monate gewohnt habe, bis ich eine eigene Wohnung hatte. Im Aufnahmelager Marienfelde war ich nur, um die Formalitäten zu erledigen.

Sie haben anders als viele andere DDR-Künstler im Westen rasch Fuß gefasst, hatten schon 1986 ein Engagement am Theater Basel bekommen. Wie haben Sie das angestellt?

Zu der Zeit war eine gute Stimmung für DDR-Künstler im Westen. Es gab ja auch Regisseure aus der DDR, die im Westen inszeniert haben, Thomas Langhoff zum Beispiel oder Katrin Kupke, auch Heiner Müller hat seine Stücke im Westen präsentiert. Ich habe mich in Basel beworben, wo man Arbeiten von Herbert König kannte, der auch schon in Anklam unter Castorf gearbeitet hatte. Und weil König mich empfohlen hat, wurde ich engagiert. Außerdem gab es inzwischen einen Artikel im "Stern" über Anklam, man kannte mich. Basel war aber erst die zweite Station. Zuerst habe ich im Westen einen Film mit Jeanine Meerapfel gemacht, "Die Verliebten". Meerapfel habe ich über eine Cutterin aus der DDR kennen gelernt. Sie hat mir ihr Filmprojekt vorgestellt und fand mich total passend für die Rolle eines Komponisten, der in Jugoslawien nach der Nazi-Vergangenheit seines Vaters sucht.

Ich hatte einfach großes, großes Glück, als ich in den Westen kam. Es hätte ja auch ganz anders sein können. Glück war auch, dass mir der Film "Die Venusfalle" Türen in der westdeutschen Filmlandschaft geöffnet hat, nachdem in Basel ein neuer Intendant gekommen war und das Ensemble ausgewechselt hat. Ich bekam eine Agentin - und durch sie dann die ersten Rollen in Fernsehfilmen.

Eine Rolle hat Sie vor zehn Jahren schon einmal in die Leipziger Sachsenklinik geführt. Da waren Sie in zwei Folgen ein Arzt, Dr. Dirk Schöne. Können Sie sich daran noch erinnern?

Ja, da war ich ein neuer Arzt, der alles ändern und privatisieren wollte und als Antipode zu Dr. Heilmann eingesetzt wurde. Heilmann, gespielt von Thomas Rühmann, hätte beinahe gekündigt...

Nun sind Sie in die Serie "In aller Freundschaft" zurückgekehrt - in der neuen Vorabend-Weekly "Die jungen Ärzte" spielen sie allerdings keinen Arzt, sondern den Klinikleiter Wolfgang Berger. Während TV-Ärzten meist auf Anhieb die Sympathien zufliegen, gelten Klinikchefs oft als knallharte Optimierer. Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Ich mache das immer so, dass ich meine Umwelt beobachte - und wenn es um eine solche Rolle geht, dann gucke ich mir eben Leute genau an, die Business machen, die Chefs sind. Ich schaue, wie sie sich geben und wie deren Habitus ist. Wobei eine Erkenntnis solcher Beobachtungen oft ist, dass jeder anders ist. Man gerät schnell in die Gefahr, einem Klischee aufzusitzen. Das Ganze ist ein Prozess, der ist nie zu Ende. Gerade bei einer solchen Serie hat man ja die Möglichkeit, während des Drehs eine solche Figur auch weiterzuentwickeln. Man erkennt vielleicht, dass man bestimmte Nuancen ändern könnte, um eine Figur prägnanter zu machen oder ihr mehr Besonderheiten zu geben. Und man guckt natürlich in sich selbst: Was habe ich in meinem Leben erlebt, was zu dieser Figur passt? Dieser Berger hat neben dem Businessbereich ja auch eine private Seite"...

... er ist Vater einer erwachsenen Tochter, eine der Assistenzärztinnen im Erfurter Klinikum.

Genau. Und er liebt seine Tochter über alles und sucht sie zu befördern, wo er nur kann. Väter machen das ja so - ich habe selber einen Sohn und mache das auch so.

Eine Serienfigur verschlingt einen Darsteller oft mit Haut und Haar. Ihre Kollegin Marijam Agischewa beispielsweise lässt wegen der "Jungen Ärzte" erst einmal ihre Arbeit als Heilpraktikerin ruhen, um sich voll auf ihre Rolle als Chefärztin konzentrieren zu können. Wie ist das bei Ihnen?

Meine Rolle ist - und das finde ich persönlich gut - so klein, dass ich immer noch andere Dinge nebenher machen kann. Ich spiele gerade in der Berliner Volksbühne in Frank Castorfs Inszenierung "Kaputt" - und das ist ein Theaterabend, der einen ziemlich in Anspruch nimmt und wirklich alle Kraft fordert. Das ist, glaube ich, seit rund 20 Jahren das erste Mal, das ich wieder Theater spiele. Aber das tut mir sehr, sehr gut, weil man sich beim Drehen doch eher zurücknimmt, um natürlich zu wirken. Aber wenn man auf der Theaterbühne eine Expressivität erfährt, dann gibt das einem wiederum Kraft für das Drehen.

Die neue Vorabendserie entsteht in Erfurt. Hatten Sie schon Gelegenheit, durch die Stadt zu spazieren und sich umzuschauen?

Ja. Erfurt ist ein sehr schönes Städtchen, vor allem die Altstadt. Wenn ich frei habe, gehe ich auch gern mal in einem der netten Restaurants essen. Man findet schnell eines, das einem am besten gefällt und in das man immer wieder hingeht - das habe ich in Erfurt schon gefunden.

Sehr angenehm soll ja auch die Atmosphäre am Set der "Jungen Ärzte" sein...

Ja, das stimmt. Das Team ist sehr schön gecastet. Es gibt niemanden, der stört, rumzickt oder seine Kollegen angeht. So etwas gibt es ja manchmal, wenn man Pech hat. Die jungen Kollegen gehen sehr schön miteinander um, feiern auch mal nach Drehschluss noch miteinander.

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