Hass und Leidenschaften: Großherzog Carl Friedrich und seine Frau

Das Familienleben des Weimarer Großherzogs Carl Friedrich (1783-1853) und seine russischen Gemahlin Maria Pawlowna (1786-1859) war bewegt und schrieb viele Geschichten.

Carl Friedrich Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, gegeben von Johann Friedrich August Tischbein 1804. Foto: TLZ

Carl Friedrich Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, gegeben von Johann Friedrich August Tischbein 1804. Foto: TLZ

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Carl Friedrich, geboren 1783, wurde im Jahre 1804 mit der russischen Großfürstin Maria Pawlowna verheiratet. Scheinbar eine ganz normale dynastische Ehe, wie sie nicht nur damals kreuz und quer durch Europa geschlossen wurden. Wenige Tage vor seinem Tod hat Carl Friedrich 1853 die persönlichen Erfahrungen aus der ehelichen Gemeinschaft in einem Zusatz zu seinem 1830 verfassten Testament mit dem Dank an die Gemahlin zusammengefasst, „für die zärtliche Liebe und Aufopferung, die Sie mir, in Unßerer langen, an gar mannigfaltigen Erfahrungen reichen, glücklichen Ehe, erwiesen hat“. Der dem Tode geweihte Mann bekräftigte mit spitzbübischer Gelassenheit seinen Willen, dass Ihre Kaiserliche Hoheit außer diesem warmherzigen Dank nichts von ihm erben würde. Das war quasi der Nachtrag zu den spitz formulierten „mannigfachen Erfahrungen“. Carl Friedrich blieb bis an sein Ende der feinsinnige und gutmütige Spötter, der manchen Zeitgenossen verwirrte.

Maria Pawlowna erhielt die Zeilen nach dem Ableben Carl Friedrichs. Sie verstand die Anspielung und reagierte ungehalten. Sie verordnete barsch: „Ich will daß dieses Couvert sowie seine Einlage nach mir in dem Hausarchiv eingebracht und auf immer fort erhalten wird dem hiesigen Hause“, wohl wissend, dass sie in ihrem eigenen Testament verbieten würde, dass dieses Material jemals von dritter Hand geöffnet werden darf.

Ging so eine langjährige glückliche Ehe zu Ende, die den von der Nachwelt gemalten Glorienschein besaß, die unabdingbaren Forderungen an ein dynastisches Zweckbündnis der Ernestiner weit hinter sich gelassen zu haben? Die landläufige Meinung tendiert bis in unsere Tage zu einer mustergültigen Liebes-Ehe, in der die betuchte, wohltätige, sittenstrenge, über die Maßen kluge und sanfte Maria Pawlowna die schicken Hosen anhatte und ihrem etwas tüdeligen Mann einfühlsam zur Rolle eines gütigen Landesvaters verholfen hat.

Der Schlussakkord jener wenigen Zeilen passt nicht so recht zu diesem harmonischen Bild. Doch es geschah in dieser Ehe Schlimmeres! Augusta, die spätere deutsche Kaiserin, Tochter Maria Pawlownas und Carl Friedrichs wusste aus ihren Weimarer Kindertagen zu berichten, dass die Mama oftmals auch dem Geschichtsunterricht im trauten Residenzschloss beiwohnte. Der Lehrer sprach eines Tages über den russischen Verrat im Oktober 1806, als Napoleon die Schlacht von Jena und Auerstedt gewann und Russland die Preußen und Sachsen im Stich ließ. Maria Pawlowna, die Schwester des Zaren, gebot dem Lehrer bei dieser Majestätsbeleidigung nicht etwa empört Einhalt. Sie lief vielmehr hilflos weinend aus dem Schulstübchen.

Augusta berichtete ihrem Vater pflichtschuldig von dem Vorfall. Dem stieg die Zornesröte ins Gesicht und der ansonsten extrem friedfertige Mann überschlug sich geradezu: „Dieser schmachvolle Verrat des Zaren wird sich einmal an Russland rächen, und dass der König von Preußen damals widerstandslos diese Beleidigung hinnehmen musste. Furchtbar rächt sich ein gebrochenes Wort, doch ein gebrochenes Königswort entfacht früher oder später einen Sturm bei dem leicht König und Volk zu schwerem Schaden kommen.“ Ein prophetisches Wort, geboren aus der idealen christlichen Ethik ernestinischer Traditionen, wie sie Johann Gottfried Herder dem kleinen Carl Friedrich in mühevoller Erziehungsarbeit vermittelt hatte.

Aber auch alles Leid, das Carl Friedrich in den wenigen Jahren seiner noch jungen Ehe am Zarenhof erdulden musste, entlud sich in dem Ausbruch. Man hatte ihn weder vorinformiert noch gefragt, als der Vater Carl August und die Mutter Louise im Jahre 1799 beim russischen Zaren Paul I. und dessen Gemahlin Maria Fjodorowna um eine Ehe mit der Großfürstin Maria Pawlowna warben. Der väterliche Wunsch, mit Hilfe des Zaren das eigene Herrschaftsgebiet zu erweitern, interessierte den jungen Carl Friedrich damals wenig.

Alles lief wie am Schnürchen, obwohl Paul I. im März 1801 ermordet wurde und mit Alexander I. ein neuer Zar den Thron bestieg. Carl Friedrich wurde auf eine Kavalierstour durch Frankreich geschickt – auf Schritt und Tritt gesteuert von russischen Diplomaten. Kaum zurück gekehrt, ging es 1803 in die Petersburger Residenz – zur Braut, vor allem jedoch zur künftigen Schwiegermutter, die dem Aspiranten versuchte das Rückgrat zu brechen, indem sie ihn dem Gespött der Höflinge aussetzte: Man nannte ihn „Kickeriki“ – nur ein Harlekin aus der thüringischen Provinz.

Schiller sprach von einer „guten Aquisition“

Bei den Romanows ging es nicht darum, ein maskulines Idealbild zu verkörpern. Es zählten allein der Machterhalt der Dynastie auf dem Thron und die demütige wie liebevoll-familiäre Unterordnung aller Angehörigen unter den Willen des Selbstherrschers. Carl Friedrich gab sich alle Mühe, der Disziplin gerecht zu werden. Sein Vater beobachtete die Szene kritisch und schrieb schon nach kurzer Zeit: „Es soll mich sehr freuen, wenn man in Petersburg das große Opfer nach seinem wahren Gehalt würdigt, das mein Sohn dem dortigen Willen und Begehren bringt. An seiner Stelle hätte ich die Geduld schon lange verloren“, obwohl Carl August nach wie vor begehrlich seine Ansprüche auf die Herrschaft über das ostfriesische Jever verfolgte, die sich das Zarenhaus angeeignet hatte.

Er erwartete von dem Sohn nicht nur Geduld, es ging ja auch um die Herrschaftserweiterung im thüringisch-sächsischen Raum, sondern hingebungsvolle Liebe zu der jungen Maria Pawlowna, die aus den Petersburger Palästen in die ihr fremde Umgebung der kleinen Weimarer Residenz wechselte und recht bald einen kräftigen Erbprinzen zur Welt bringen sollte.

Prinzesschen fügte sich passabel ein, durch ihre reichhaltige Mitgift (Schiller: eine „gute Aqui­sition“), durch äußere Freundlichkeit, durch formale Diskretion in der ihr auferlegten Mission, auch in der Ferne Russland zu dienen. Maria war besten Willens, gemeinsam mit dem liebevoll umsorgten Gemahl für den von ihr erwarteten herzoglichen Nachwuchs zu sorgen. Sie begriff sehr schnell, dass es das geistige Potenzial der Dichter und Gelehrten war, das den Ruhm des Herrscherhauses förderte. Um ihrer selbst willen verehrte sie die Dichter mit byzantinischer Ehrfurcht. Doch die Herren Goethe und Schiller warben mit manchem klugen Wort und nicht umsonst für eine sinnreiche Adaption an den ernestinischen Kulturkreis.

Carl Friedrich lobte die braven Ansätze seiner Frau und bestärkte sie, sich die Traditionen, Werte und Gewohnheiten im Protestantismus des Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach anzueignen. Ihren orthodoxen Glauben respektierte er, liebte ihre gemeinsamen Kinder, teilte Interessen der Gemahlin für Kunst und Kultur. Carl Friedrich hing an seiner kleinen Frau, liebte sie recht herzlich und gab sich größte Mühe, die persönlichen Gefühle für sie von den Zwängen, die das Leben eines Herrscherpaares unter den Romanows mit sich brachte, zu trennen. Die Gefahren für ihre Ehe lauerten auf Schritt und Tritt.

Zwei Jahre nach der Heirat überzog das Heer Napoleons das Land. Im Oktober 1806 zwang die Schlacht bei Jena und Auerstedt Carl Friedrich und Maria Pawlowna in das dänische Exil und das Herzogtum in den Rheinbund von Napoleons Gnaden. Die junge Ehe stand vor ihrer ersten großen Zerreißprobe, denn die Konflikte, in die man sie hineinzog, überstiegen ihre Kräfte. Die Zarenfamilie forderte Marias sofortige Heimkehr, war aber selbst in ihrer Haltung gegenüber Napoleon zerstritten. Napoleon verlangte die unverzügliche Rückkehr Marias und Carl Friedrichs nach Weimar. Herzog Carl August hoffte, aus dem Konflikt zwischen Russland und Frankreich Vorteile für seine eigenen Wünsche nach Gebietserweiterung zu ziehen. Er wollte den Sohn und die Schwiegertochter als Mittler zwischen den großen „Orlogschiffen“ einsetzen. Doch Carl Friedrichs hilflose Geste eines pathetischen Bittgesuchs an den Schwager Alexander I. wurde in Petersburg nicht einmal zur Kenntnis genommen.

Erst der Frieden von Tilsit im Juli 1807 und die vorübergehende fragile „Partnerschaft“ zwischen Napoleon und Alexander I. entspannte die Lage etwas. Die jungen Eheleute kehrten mit einer Abmahnung durch die Herzogin Louise gemeinsam nach Weimar zurück. Sie kompensierten die Anspannung auf eigene und sympathische Weise: Maria erwartete ein Baby!

Binnen Jahresfrist brachen die Streitpunkte erneut auf. Russlands Kaiser Alexander traf sich gegen den Willen vor allem seiner Mutter im September 1808 in Erfurt und Weimar mit Napoleon. Bereits im Vorfeld wurde eine Reise des erbprinzlichen Paares nach Petersburg festgelegt – als Protest gegen die Politik des Zaren aus dem eigenen Hause!

Es fiel Carl Friedrich sehr schwer, sich an den Gedanken dieser erneuten Reise, die bereits Mitte Mai 1808 beginnen sollte, zu gewöhnen. Seine Frau und er selbst wollten sich nur ungern von der im Februar geborenen kleinen Tochter Marie trennen. Besonders beschwerte ihn jedoch der Gedanke, wie abfällig man ihn am Zarenhof behandelte. Er sprach in einem Brief an den väterlichen Freund Carl von Brühl nur vorsichtig von den „Unannehmlichkeiten“, die ihm dort widerfahren. Allein die unsichere politische Situation und die ungewisse Zukunft ließen ihn dem Reisebefehl folgen.

Sein ganzes Trachten ging bereits im Vorfeld dahin, den Aufenthalt so weit wie möglich abzukürzen. Vier bis sechs Wochen, länger wollte er nicht in Petersburg bleiben, „aber freilich werde ich mich alsdann auf einige Monate von der Erb-Prinzess trennen müssen, welche voraussichtlich nicht vor dem November zurückkommen wird.“ Er wollte lieber unter dem Schutz des Vaters bleiben: „Ich werde versuchen, meine Rückreise so kurz als möglich zu machen, um desto eher von dort aus nach Carlsbad oder Töplitz zu kommen, weil ich an einem von diesen Orten mit meinem Vater zusammentreffen werde.“

Das Ehepaar fuhr im Juni nach Petersburg. Carl Friedrich kehrte im September alleine zurück – pflichtschuldig, um mit dem Vater gemeinsam die beiden Kaiser in Weimar zu empfangen. Danach reiste er erneut nach Petersburg zu seiner Frau. Am Ende fiel ihm ein Stein vom Herzen: Maria Pawlowna wollte partout nicht wieder mit nach Weimar kommen, doch es gelang der Mutter mit dem gehörigen Nachdruck, sie zu überzeugen, wo sie glücklich zu sein hatte.

Wenigstens wurde er Großherzog

Dieses bizarre Wechselspiel hielt in den nächsten Jahren an. Napoleons Feldzug nach Russ-land, die Befreiungskriege und der Wiener Kongress bestimmten Carl August, seinen Forderungen nach Rangerhöhung und Gebietserweiterung Nachdruck zu verleihen. Der Sohn und Thronerbe teilte die Absichten des Vaters. Beide erwarteten von Maria Pawlowna Unterstützung und Vermittlung. Die arme junge Frau durfte aber nicht gegen die Interessen des Zaren handeln. Es gab Zank und Streit zwischen ihnen, bis Weimars Herzog 1815 mit der Würde eines Großherzogs und einer minimalen Gebietserweiterung abgefunden wurde.

Goethe konnte es sich nicht verkneifen, aufzuschreiben, was er davon hielt: „Nun aber ist es wirklich seit vielen Jahren das erste Mal daß die Erfüllung dem Wunsche vorausgeht, und wir Ew. Königl. Hoheit erhabnes Haus auf eine Weise beglückt wissen, die zwar nicht dem Verdienste gleich gehalten, aber doch als eine Anerkennung von Seiten der himmlischen Wesen betrachtet werden darf.“

Carl Friedrich, den man im Unterschied zu seiner Frau nicht mit zum Wiener Kongress genommen hatte, sah die Nobilitierung gelassen: „Vor zehn Tagen hatte ich den Augenblick, wo mein Vater zum ersten Male Grosherzog würde genannt worden seyn, kaum erwarten können; jetzt sehe ich ihn mit der größten Ruhe und ziemlicher Kaltblütigkeit kommen.“ Er war vielleicht sogar froh, dass sein Vater dem Land keine Last aufbürden konnte, die Weimar kaum tragen können würde. Carl Friedrich beschäftigte über Monate hinweg vielmehr die Sorge, dass seine Frau, die sich bis dahin noch zu keinem Zeitpunkt ernsthaft den Zwängen ihrer russischen Familie entzogen hatte, nicht zu ihm nach Weimar zurückkehren würde. Weimar war für das Russische Reich weder wichtig noch interessant und schon gar kein Labor russischer Deutschlandpolitik.

Doch Maria Pawlowna übte selbstverständlich Disziplin. Außerdem war sie in Petersburg nach ihrer Heirat nur noch die „Prinzessin Weimar“ aus dem spöttisch belächelten „Ilm-Athen“, ohne jeglichen ernsthaften Einfluss auf die Reichspolitik – unabhängig davon, dass sie im intensiven Kontakt mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern blieb. In Weimar arbeitete man derweil an der Beseitigung der Kriegsfolgen und an der gesetzlichen Reformierung des Landes. 1818 wurde der Erbprinz Carl Alexander geboren, und gemeinsam bereiteten sich Carl Friedrich und Maria Pawlowna darauf vor, die Herrschaft im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach zu übernehmen. Man darf allerdings den Status eines Kronprinzen und seiner Bedeutung für die aktive Politik niemals überschätzen. Er hatte geduldig zu warten, bis der Papa das Zeitliche segnete.

1828 bestieg Carl Friedrich den Großherzoglichen Thron in Weimar, die neue Verantwortung bestimmte auch das Eheleben mit Maria. Beide zeigten ihren Stolz auf die neue Würde so intensiv, dass altgediente Höflinge bei Wahrung des gebotenen Respekts und hinter vorgehaltener Hand ihr Kichern nicht vermeiden konnten. Kanzler Friedrich von Müller dagegen verabschiedete das Paar möglichst schnell in die Sommerfrische, damit es ihm nicht ständig vor den Füßen herumlief.

Wenn man fragt, durch welche spektakulären Leistungen Carl Friedrich und seine Gemahlin in die Geschichte eingegangen sind, stößt man auf ein historisches Phänomen. Der Vater Carl August steht in dem säkularen Ruf eines „Machers“: reformfreudiger Fürst, tapferer General, Widerpart Napoleons, Initiator der ersten liberalen Verfassung in Weimar und natürlich – Mäzen des klassischen Weimar. Niemand war mehr Goethefreund als er! Stets geräuschvoll und auf Öffentlichkeit bedacht, doch am Ende auch er vor den deutschen Zu-ständen resignierend.

Was blieb da dem Sohn? In seiner Zeit bestimmten nicht mehr Revolutionen, kontinentale Umbrüche, Koalitionen und Kriege das Leben und Ansehen der Herrscher. Carl Friedrich, mittlerweile 45 Jahre alt, realisierte in der Zeit der Restauration und des Biedermeier, in der Preußen zunehmend den Takt nationaler Erhabenheit vorgab, exakt das Bild, das einem gottesfürchtigen, konservativen, traditions- und standesbewussten Kleinherrscher zukam. Er war der leutselige, aber strenge, gerechte und gütige Landesvater seiner Untertanen. In seiner Gemahlin, der Schwester des russischen Zaren und „Gendarmen Europas“, besaß er eine autokratisch denkende und handelnde Partnerin. In ihrem konservativen Beharrungsvermögen harmonierten sie in jeder Hinsicht, obgleich ihre Charaktere völlig verschieden waren. Gemeinsam mussten sie den Schock überwinden, der sie erfasste, als Weimar ein Lebensnerv abgeschnitten wurde: Im März 1832 starb mit Goethe die geistige Quelle ihres Hauses.

Der Regent streift über die Flohmärkte

In solchen Zeiten der Ratlosigkeit, bei den großen Fragen des Daseins, sind Herrscher besonders beliebt, die sich selbstbewusst, standhaft, volkstümlich und voller Heimatliebe geben können. Darin war Carl Friedrich ein Meister, egal, ob er seine beim Vater von Carl Zeiss erworbenen Fähigkeiten eines Kunstdrechslers vorführte, ob er auf einer Draisine durch Weimar radelte, die Flohmärkte nach Antiquitäten abgraste und Ramsch jeglicher Art aufkaufte oder ob er zu den Stammgästen des jährlichen Rudolstädter Vogelschießens zählte.

Maria ließ ihn gewähren, unterstützte seine Sammelleidenschaft durch üppige Geschenke und stellte weder im Kleinen, noch im Großen seine Autorität in Frage. Denn gemeinsam suchten sie nach gangbaren Wegen, Staatsschiff, Kulturtradition und Familienehre unter den neuen und unbekannten Bedingungen weiter zu entwickeln. Dabei mangelte es auch nicht an großen Gesten. Gleich am Beginn der Herrschaft stand der erfolgreiche Abschluss einer unter bizarren Kontroversen zwischen Weimar, Berlin und Petersburg ausgehandelten strategischen Operation: Beide Töchter, Marie und Augusta, wurden mit den preußischen Prinzen Carl und Wilhelm verheiratet.

In dem hysterischen Streit, der vor allem wieder einmal vom Zarenhof ausging, bewahrte allein Carl Friedrich die Ruhe, und Augusta dankte es ihm: „Lieber guter Papa. Sie haben eine schriftliche Antwort gewünscht, und ich werde mich glücklich schätzen, wenn jene, die ich Ihnen offen, vertrauensvoll gebe, befriedigt oder wenigstens Sie einem Ereignis günstig stimmen möge, das als dem wichtigsten meines Lebens Ihrer Belegung bedarf.“ Es war eine vielversprechende Option gegenüber dem aufsteigenden Preußen und zahlte sich bis in das 20. Jahrhundert aus.

Eine ähnlich günstige Akquisition gelang ein Jahrzehnt später. Nachdem Carl Friedrich in Den Haag die Weichen gestellt hatte und Maria Pawlowna in Petersburg eine schroffe Absage erhalten hatte, wurde der Thronerbe Carl Alexander mit der Königlich Niederländischen Prinzessin Sophie verheiratet, deren Vermögen das Erbe Maria Pawlownas weit in den Schatten stellte.

Das Herrscherpaar demons-trierte in den dreißiger Jahren konservative Verfassungs- und Traditionstreue, in der Politik und bei der Förderung von Kunst und Wissenschaft. In einem abgestimmten und über Jahre währenden Programm wurde begonnen, das Residenzschloss, die Schlösser in Ettersburg, Tiefurt, Kromsdorf und die Wartburg zu sanieren. Carl Friedrich übte das Patronat aus und kümmerte sich persönlich um Tiefurt und Kromsdorf, während er seiner Gemahlin auf deren Wunsch die Dichterzimmer im Residenzschloss überließ und dem Sohn die Wartburg als langfristige Aufgabe anvertraute – nicht ohne seinen engen Vertrauten Bernhard von Arnswald als Schlosshauptmann gegen den Widerstand seiner Minister durchzusetzen.

Wahrhaft spektakulär war in den vierziger Jahren die Verpflichtung von Franz Liszt – für Weimar und dessen Ansehen im kulturellen Deutschland und Europa. Das musikalische Weimar als Erbe der klassischen literarischen Tradition! Liszt selber stellte diese Verbindung her und setzte sich für eine nationale Goethe-Stiftung unter Federführung des Weimarer Fürstenhauses ein.

Die gemeinsamen repräsentativen und kulturpolitischen Bemühungen reichten in die turbulenten Ereignisse der Revolution von 1848 hinein, unter denen die Herrscherfamilie zeitweilig in Panik geriet. Nur Großherzog Carl Friedrich bewahrte die Nerven und die Ruhe. Legendär wurde sein Spruch, als er im März 1848 unter die auf dem Marktplatz in Weimar versammelten Bürger trat: „Ich hoffe, dass ihr alle so gut schlafen werdet, wie ich.“ Hier sprach das Selbstbewusstsein eines Landesvaters, der zutiefst von seiner Nähe zu den Untertanen über-zeugt war. Eines Fürsten, der sich durch die familiären Bindungen an Preußen fest im nationalen Gefüge verankert sah. Eines Menschen, der wusste, dass er vor dem Lebensabend stand und dass sein Sohn und Thronfolger auf künftige Aufgaben sicher vorbereitet war.

Denn Carl Friedrich litt seit Jahren an Nierensteinen, verbrachte viel Zeit im böhmischen Karlsbad, hatte bereits mehrmals mit dem Leben abgeschlossen und wurde von seiner Frau mit nicht endender Aufmerksamkeit bedacht. Der Arzt Dr. Carl von Huschke hatte Maria Pawlowna unablässig über seinen Gesundheitszustand zu berichten, und sie wurde nicht müde, stets nur gute Nachrichten einzufordern – woran sich der Arzt auch hielt.

Am Ende feierte man im Juni 1853 das 25-jährige Thronjubiläum, bei dem das Volk dem Herrscher und seiner Gemahlin zujubelte, weil sie all die Jahre gemeinsam so friedfertig und gütig gewesen sind. Carl Friedrich stand das Fest tapfer durch, anschließend schrieb er der treuen Gemahlin die Abschiedszeilen und starb am 8. Juli 1853 im Schloss Belvedere an einer Gürtelrose. Weil es so warm war in jenem Sommer, verzichtete die Familie auf eine förmliche Aufbahrung im Residenzschloss und schaffte den Leichnam gleich von Belvedere in die Fürstengruft, die ihn gleichsam verschluckte und vor der Nachwelt versteckte. Diesem Landesfürsten hat die Geschichte Unrecht zugefügt, hat ihn zur Unperson verkümmern lassen. Doch ohne Carl Friedrich ist das Wirken Maria Pawlownas für Weimar undenkbar.

Als sie 1859 starb und man ihr zu Ehren die griechische Kapelle erbaute, begriff der Sohn Carl Alexander, warum sie zu Lebzeiten gefordert hatte, an der Seite ihres Gemahls bestattet zu werden. Das war trotz allen Unmuts über seine Abschiedszeilen ihre Art, dem treuen Ehemann für „eine an gar mannigfaltigen Erfahrungen reiche, glückliche Ehe“ zu danken. Und das Publikum war wieder einmal beeindruckt.

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