Hier gab es immer eine spannende Feierkultur

Gespräch mit dem Rektor Prof. Gerd Zimmermann aus Anlass des Jubiläums 150 Jahre Bauhaus-Universität Weimar.

 Für kreative Festkultur: Rektor Prof. Gerd Zimmermann. Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

"Wir sind! Wir wollen! Und wir schaffen!" - Trifft, Herr Professor Zimmermann, dieser Slogan Oskar Schlemmers auch auf Ihren Festakt am 1. Oktober zu?

Aber ja! Wir können doch 150 Jahre von der Großherzoglichen Kunstschule bis zur Bauhaus-Universität nicht ereignislos an uns vorüberziehen lassen. Da muss schon was passieren.

Was haben Sie vor?

Natürlich werden auf einem Festakt Ansprachen gehalten - von der Ministerpräsidentin über den Weimarer Oberbürgermeister bis zu Herrn Stölzl, dem Präsidenten der Musikhochschule, der die Festrede halten wird ...

Mit Verlaub, das wird bestimmt sehr informativ, hört sich aber noch nicht spannend an.

Moment. Das ist ein Gestaltungswille, der uns immer begleitet hat: Schaffe eine Hochschule, die kreativ und innovativ tätig und auf Gestaltung der Welt aus ist! Dieser Impetus war von Anfang an da und den gibt es immer noch, das gilt ein wenig auch für Festakte.

Da passiert also etwas zwischen den Reden?

Genau. Es entsteht eine Gesamtinszenierung, bei der wir elektronische Klang- und Bildwelten erzeugen, so dass man von einem weniger konventionellen Festakt sprechen kann.

Wollen Sie die Redner irritieren?

Da würde ich mir ja selber einen Streich spielen, denn ich eröffne doch die Feier. Nein, Reden sind Reden. Aber eingebettet werden sie in eine große Performance - durchaus auch ein Experiment.

Wie war die Feier bei der Namensänderung 1996?

Sehr schön. Ein Festakt im DNT und - wie immer - ein modernes Fest. Auch 1992, als ich Rektor wurde, gab es im Stadtschloss keine klassische Musik, sondern Jazzrock. Da haben wir Herrn Berger engagiert, der mit seinen Musikern modernere Klänge erzeugte. Jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter, jetzt kommen Bauhaus-mäßig die Bilder noch dazu.

Also voller Einsatz Neuer Medien.

Absolut, soweit es sich hier eignet.

Wenn Sie die 150 Jahre Entwicklung der Kunst-, Architektur-, Design- und Ingenieurhochschule zurückverfolgen, gibt es da so etwas wie eine besondere Kultur des Feierns? Bei Walter Gropius, beispielsweise, wurde doch auch mal kräftig über die Stränge gehauen.

Die hatten in der Tat eine spannende Feierkultur: Die Bauhäusler inszenierten ein "Metallfest" oder ein "Drachenfest". Mit anderen Worten: Das Fest als Ereignis war zugleich ein Produkt der Gestaltung. Die ästhetischen Potenziale wurden ausgelotet. Von solcher Art ästhetischer Kultivierung können wir uns einiges abgucken. Und vom Über-die-Stränge-Schlagen reden wir jetzt nicht.

Schade. Denn gefeiert wird ja heute nicht weniger.

Das stimmt. Wir hatten gerade "90 Jahre Bauhaus", jetzt feiern wir 150 Jahre Gründung der Kunstschule, 2013 begehen wir ein Henry-van-de-Velde-Jahr, 2019 wird das Bauhaus 100 - die Feste reißen nicht ab ... Und sie zahlen sich letztlich aus. Also, das Bauhaus-Jahr 2009 hat für unsere Universität, für Weimar und für die Region enormen Nutzen gebracht.

Was ist das Besondere der 150-Jahr-Feier?

Wir feiern den Beginn einer Entwicklung, die von der Kunstschule bis zur Bauhaus-Universität reicht, von der Malerschule über van de Velde, das Bauhaus bis zur Hochschule für Architektur und Bauwesen. Natürlich ist das Bauhaus selbst dabei eine kurze Episode. Aber diese sechs Jahre waren so ein Flug nach vorn! Auf der anderen Seite ist die Gesamtgeschichte äußerst spannend - ein richtiges Drama!

Manchmal auch Tragödie: Wie haben denn, nachdem die Bauhäusler vertrieben waren, die Nationalsozialisten an der Hochschule gefeiert?

Sie haben Recht, es gab Höhepunkte, und es gab mehrfaches Scheitern. Die Höhepunkte waren die Aufbrüche. 1860 war ein Neubeginn, Carl Alexanders Kunstschule wandelte sich bald zur "Weimarer Malerschule". Etwa 40 Jahre später kommen das "Neue Weimar", eine Avantgarde-Bewegung, und van de Velde; 1919 gründete Gropius das Staatliche Bauhaus - wieder ging's nach oben. Das gleiche gilt für die Bauhochschule. Aber, so wie es eine Geschichte der Aufbrüche gibt, gibt es auch eine Geschichte des Scheiterns. Harry Graf Kessler und Henry van de Velde wurden vertrieben. Gropius hat dessen Kunstgewerbeschule und die Kunsthochschule zum Bauhaus fusioniert. Das Bauhaus wurde 1925 vertrieben, die Bauhochschule hat bis 1930 bestanden, dann kam Paul Schultze-Naumburg, eingesetzt von einer Regierung, in der der erste Nationalsozialist Minister war. In die NS-Zeit fiel dann das 75-jährige Jubiläum der Gründung der Kunstschule.

Und in der DDR?

1969 war das 100-jährige Jubiläum der Kunstschule. 1957 wurde eine Kommission gebildet, die es vorbereiten sollte. Doch dann hat es keine Feier gegeben. Man hätte innerhalb der Gesamtgeschichte auch über das Bauhaus reden müssen, doch das war zu diesem Zeitpunkt tabuisiert. Man hätte auch über die Kunst reden müssen, doch die war nicht mehr an der Hochschule vertreten, die Abteilung Bildende Kunst war neun Jahre zuvor geschlossen worden. Wie wollte man das Jubiläum also feiern? Es fand nur in der wissenschaftlichen Zeitschrift der Hochschule statt, mit bemerkenswerten Beiträgen, und es gab die Ausstellung von Scheidig. Der Festakt fiel aus.

Das kann diesmal nicht passieren.

Nein. Erstens, weil wir keine Feste auslassen. Zweitens können wir selbstbewusst reagieren: Die Bauhaus-Universität zieht in gewisser Weise die Summe der Geschichte - sie knüpft an die frühe Geschichte der Kunsthochschulen ebenso an wie an die spätere Geschichte der Technischen Hochschule des Bauens, der HAB. Zugleich arbeiten wir in keinem Moment historisierend. Wir spielen das alte Bauhaus nicht nach, sondern sind ein neues.

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