Konkrete Kunst: Geometrisch, nicht linientreu

Erfurt  Das Forum Konkrete Kunst zeigt in der Erfurter Peterskirche 18 Thüringer Künstler, die ungeachtet politischer Vorgaben konkret arbeiteten.

Moderne Kunst trifft auf romanische Architektur: In der Erfurter Peterskirche zeigt das Forum Konkrete Kunst bis zum 28. Juni konkrete Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Fotografien von 18 Thüringer Künstlern. Foto: Peter Michaelis

Moderne Kunst trifft auf romanische Architektur: In der Erfurter Peterskirche zeigt das Forum Konkrete Kunst bis zum 28. Juni konkrete Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Fotografien von 18 Thüringer Künstlern. Foto: Peter Michaelis

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Neongelb strahlt das ordentlich gefaltete Acrylglas in einem Seitenschiff der alten Peterskirche auf dem Petersberg. Was der Besucher dort auf dem Sockel sieht, ist ein Werk des Jenaer Künstlers Robert Krainhöfner – vor allem aber ist es eins: eine leuchtende Idee – in geometrische Form gegossen.

„Konkret Thüringen“ heißt die Ausstellung, die das Forum Konkrete Kunst jetzt bis zum 28. Juni zeigt. Kuratorin Susanne Knorr hat 18 Thüringer Künstlerinnen und Künstler zusammengesucht, die sich intensiv mit der Formensprache der Konkreten Kunst auseinandersetzen – also mit Reduzierung, geometrischen Formen, der Verwirklichung reiner Ideen. „Konkrete Kunst geht nicht von Gegenständen unserer Realität aus“, sagt Knorr.

Kreise, Striche, Dreiecke, Vierecke in Malerei, Grafik, Plastik und Fotografie – in allen möglichen Variationen sind sie in der Ausstellung zu sehen. Die Werke der 18 Thüringer Künstler treffen dabei auf die Werke nationaler und internationaler konkreter Künstler der Dauerausstellung.

Neben einem Werk des Finnen Matti Kujasalo („Ohne Titel“, 1981), dessen kurze, weiße Striche auf fünf schwarzen Tafeln vom Ordnungs- in den Chaoszustand wechseln und wieder zurückfinden, hängen neuere Werke der in Erfurt lebenden Künstlerin Mechthild Oehler: vier Leinwände mit Punkten („O.T. (Punkte)“, 2011, 2014) antworten auf das geordnete Strichechaos des Finnen. Die Punkte markieren nur noch die Schnittstellen der sich treffenden Striche.

Ungekrönter Thüringer Meister des Kreises ist wohl der 1929 in Weimar geborene Künstler Thomas Schwarz, dessen Werke im hinteren Teil der Ausstellung zu sehen sind. Der Künstler, der im vergangenen Jahr starb, fand schon sehr früh zur konkreten Kunst: Bereits in den 1940er Jahren produzierte er Zeichnungen und Collagen, die nur aus geometrischen Formen bestanden.

„Mich interessierte, ob es seit dem Zweiten Weltkrieg, auch im Osten, Künstler gibt, die konkret arbeiten“, erzählt Susanne Knorr über die Idee zur Ausstellung. Und sie fand heraus: Ja, die gibt es.

In der DDR waren sie öffentlich meist nicht sichtbar: Ungegenständliche und abstrakte Kunst hatte es nach dem Formalismusstreit schwer. Und doch bildeten sich kleine Grüppchen; vor allem in Dresden – einer Art Hochburg der konkreten Kunst in der DDR – zum Beispiel um Friedrich Kracht und Karl-Heinz Adler. Aber auch in Thüringen gab es konkrete Künstler: Jürgen Beyer oder Karl Heinz Bastian beispielsweise. Bastian, 1938 geboren, machte in den 60ern erste konkrete Gehversuche. In der Ausstellung auf dem Petersberg ist auch eine große, neuere Arbeit zu sehen: „ Unendliche Verwandlung III – Segment“ (2013).

Während der Organisation der Ausstellung sei sie selbst überrascht gewesen, dass tatsächlich so viele Künstler in Thüringen konkret arbeiten, sagt die Kuratorin. Vielleicht, überlegt sie, könne es daran liegen, dass es im Freistaat einen geistigen Nährboden für diese Art der Kunst gegeben hat: In den frühen 1920ern war nämlich der Protagonist der konkreten Kunst, der Niederländer Theo van Doesburg, am Weimarer Bauhaus und in dessen künstlerischem Umfeld aktiv. Von ihm wurde der Begriff „Konkrete Kunst“ überhaupt erst erfunden: Kunst sollte nach seinem Empfinden im Idealfall auf mathematischen Grundlagen beruhen.

In diesem klassischen Sinne arbeitet auch der in Ilmenau lebende Ralph Eck: Seine Skulpturen und Malereien basieren auf Proportions- und Zahlenverhältnissen. Der in Erfurt lebende Thomas Lindner verformt industrielles Lochblech oder löchrigen Edelstahl, Messing und Stahl zu geometrischen Skulpturen. Und der Jenaer Künstler Robert Krainhöfner, diesjähriger Stipendiat für Bildende Kunst des Freistaats Thüringen, faltet zwei- oder eindimensionale Formgebilde – aus Stahlblech oder eben aus leuchtend gelbem Acrylglas. „Es ist schon eine sehr spezielle Kunst“, findet die Kuratorin. Eine Entdeckung ist sie allemal.