Kunstpause: Zwischen den Triebwagen

Frank Quilitzsch hat Karat als Straßenbahn-Konzert erlebt.

Frank Quilitzsch

Frank Quilitzsch

Foto: Andreas Wetzel

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Ich wusste es, wir kommen zu spät. Zwar stehen wir fünf vor acht an der Pforte, doch K. ist unzufrieden mit meinem Outfit: „So geh’ ich nicht mit dir ins Konzert!“

„Wir spazieren doch bloß zum Domplatz“, entgegne ich.

„Nicht mit Sandalen und Socken! Zieh die schwarzen Socken aus, du hast so schöne Füße...“

Um nicht noch Zeit zu verlieren, gehorche ich. Tausche auch das verblichene T-Shirt gegen ein farbenfrohes. So etwa sah ich aus, als ich mein erstes Karat-Konzert besuchte, vor 38 Jahren. Nur die Haare waren länger, und meine Füße, sie steckten in Jesuslatschen.

1982, beim Studentenaustausch in Bulgarien. Ich war müde und ging mehr aus Höflichkeit mit. Doch dann stand da in der Pause Herbert Dreilich ganz allein auf der Bühne und sang „Lady Jane“ von den Rolling Stones. Natürlich spielten sie auch eigene Sachen. Richtig wach wurde ich damals erst beim „Gewitterregen“, und auf den freue ich mich jetzt.

Empfangen werden wir von den „Sieben Wundern der Welt“. Wir überqueren den Platz und lehnen uns beim Inder gegen die Hauswand. Von hier haben wir den besten Blick: auf die Teller der Restaurantgäste, auf den Dom und die vorbeifahrende Straßenbahn. Man sieht auch ein Stück von der Bühne. Nichts hat sich geändert. Die Band spielt wie früher, der Gesang klingt wie früher, auch wenn jetzt Dreilichs Sohn Claudius singt.

K. gähnt. „Das soll Rock’n’Roll sein?“

„Das ist DDR-Musikhochschule. Hör’ doch mal, der...!“

Eine Straßenbahn quietscht dazwischen. Dann noch eine aus der anderen Richtung.

„Das ist der Albatros“, ergänze ich. „Ist das nicht wunderbar?“

„Haut mich nicht vom Hocker.“

Mit „Blumen aus Eis“ wird es rockiger, und dann, endlich, mein „Gewitterregen“. „Es war vor 38 Jahr’, so Ende Sommer...“, stimme ich lauthals ein, und K. wiegt sich in den Hüften. Dann wieder die Straßenbahnen. Immer zwei, und die Zaungäste weichen zur Seite.

Der „Schwanenkönig“ gefällt K., ist mir aber zu schwülstig. Wir gehen, weil sie Frühschicht hat, vor dem Höhepunkt. Notgedrungen greife ich daheim zur Gitarre und singe „Über sieben Brücken...“

„Lass gut sein“, sagt K.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.