1821 - Griechische Revolution und europäische Mächte

In seiner jüngsten Marginalie erinnert TLZ-Kolumnist Detlef Jena an den Freiheitskampf der Griechen gegen die Osmanen, natürlich mit Blick auf die Gegenwart.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

Foto: zgt

Es war ein Symbol der griechischen Ehre und Freiheit, als der Metropolit Germanos von Patras am 25. März 1821 im Kloster Agia Lavra die blau-weiße griechische Fahne segnete und mit dieser Geste den griechischen Freiheitskampf gegen die Herrschaft der Osmanen eröffnete. Die europäischen Romantiker blickten verzückt nach Griechenland - die großmächtigen abendländischen Finanziers des Osmanischen Reichs runzelten besorgt die Stirn.

Die Revolution hatte ihre Vorgeschichte: Die Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 durch die Osmanen veränderte Europa. Teile der griechischen Eliten flohen in den Westen und beeinflussten die abendländische Kultur der Renaissance. Um den Exodus zu stoppen, räumten die Osmanen den christlichen und jüdischen Oberschichten kulturelle Privilegien ein, die ihnen gegenüber dem einfachen griechischen Volk, aber auch gegenüber anderen christlichen Völkern auf dem Balkan, wie den Serben oder griechischen Albanern, Sonderrechte verschaff-ten. Der griechisch-orthodoxe Klerus wurde von den Osmanen korrumpiert und für die Über-wachung aller christlichen Gläubigen eingesetzt.

Doch die Masse der Griechen hatte nicht den geringsten Anteil an der politischen und adminis­trativen Macht und schon gar nicht an dem Wohlstand der Kollaborateure. Ein Teil Griechenlands, wie z.B. die Ionischen Inseln, verblieben unter der Herrschaft der Republik Venedig und profitierte von deren Fortschritt. Im Exil lebende Griechen unternahmen große Anstrengungen, die kulturellen Traditionen der Antike am Leben zu erhalten.

National gesinnte griechische Patrioten sahen am Beginn des 19. Jahrhunderts eine Chance zur Revolution in den Kriegen zwischen den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich. Diese vorbereitende Arbeit leistete der Freundschaftsbund "Filiki Etairia", der für den 25. März 1821 Erhebungen an drei Punkten plante: in der Peloponnes mit den dort organisierten Freiheitskämpfern, in der Hauptstadt Konstantinopel sowie durch einen Einmarsch in die Fürstentümer Moldau und Walachei. Der Plan sah sehr nach einer russischen Ideenspende aus und enthielt den fatalen Fehler, die rumänischen Interessen in den Donaufürstentümern zu negieren.

Als Alexandros Ypsilantis im März 1821 mit 450 Mann, dem "Heiligen Bataillon", in die Moldau einmarschierte, scheiterte er. In Konstantinopel hängten die Türken den griechisch-orthodoxen Patriarchen auf und setzten einen Kollaborateur an seine Stelle. Nur in der Peloponnes glückte der Aufstand, breitete sich aus und hielt den türkischen Gegenangriffen stand. Am 20. Dezember 1821 trat in Nea Epidavros die erste griechische Nationalversammlung zusammen.

Bis zum Jahre 1825 standen sich griechische und osmanische Kräfte gegenüber, ohne dass eine der beiden Seiten eine Entscheidung erzwingen konnte. Dafür gab es militärtaktische und innenpolitische Gründe. Entscheidend war jedoch, dass die europäischen Großmächte mit der griechischen Revolution ihre eigenen machtpolitischen Interessen verfolgten.

Großbritannien, Frankreich und Russland wollten ihre finanziellen Anlagen und Investitionen im Osmanischen Reich gewahrt wissen. Die Briten waren darüber hinaus nicht gewillt, die Türkei so schwach werden zu lassen, dass sich die Russen einen Zugang zum Mittelmeer sichern konnten. Der russische Zar befürchtete trotz seiner Sympathie für die griechischen Glaubensbrüder, dass ein neu entstehender griechischer Staat ein Bündnis mit England eingehen könnte.

Den Franzosen war der Erhalt des Status quo die liebste Lösung. Alle drei Großmächte strebten also nach einem Ausweg aus der Krise, der ihren Interessen entsprach. Den Anlass lieferte ihnen der türkische Sultan, der die ägyptische Armee zu Hilfe holte, indem er den Ägyptern einen erheblichen Machtzuwachs versprach. Sie besetzten 1825 den Hafen von Navarino und neutralisierten die ohnehin zerstrittenen Aufständischen in der Peloponnes.

Die europäischen Großmächte waren nicht bereit, dem ägyptischen Statthalter Mehmet Ali die Herrschaft sowohl über Ägypten als auch über Griechenland zu überlassen. Eine gemeinsame britisch-französisch-russische Flotte zerstörte im Oktober 1827 vor Navarino die osmanischen Seestreitkräfte. Damit die griechischen Patrioten nicht auf die Idee kamen, den komplexen Einsatz der Großmächte für sich zu nutzen, fiel Russland 1828 in das Osmanische Reich ein und zwang den Sultan zur Kapitulation. Im Londoner Protokoll von 1830 erlaubten die Großmächte die Gründung eines kleinen griechischen Königreichs.

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