Avi Primor: „Eine Antwort mit Vorbehalt“

Erfurt/Leipzig.  Avi Primor blickt auf die Verwerfungen auf dem Weg von der Diktatur zur Demokratie in Europa. Sein neuer Roman befasst sich mit Palästina

Avi Primor. (Archivfoto)

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Foto: Wolfgang Kiesel

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Wegen der Buchmesse in Leipzig sollte es ganz schnell gehen mit den neusten Buch von Avi Primor. Mit dem Roman „Weit war der Himmel über Palästina“ wollte Primor auch zu einer Lesung nach Erfurt kommen. Daraus ist wegen Corona nichts geworden. Wobei Primor, Jahrgang 1935, sich vor dem Virus nicht fürchtet. „Ich bräuchte nur ein Flugzeug“, sagt der ehemalige israelische Botschafter am Telefon. Doch der Reiseverkehr von und nach Israel ist aus Sicherheitsgründen fast gänzlich zum Erliegen gekommen. Ob Primor zu einem späteren Zeitpunkt seinen Auftritt in Thüringen nachholen kann, ist derzeit ungewiss. Wenn doch, wäre ihm wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, zu erzählen, sagt Primor.

Wegen des Virus’ werden auch die Überlebenden von Buchenwald zu den Gedenkfeiern anlässlich des 75. Befreiungstages nicht anreisen können. „Das ist etwas, was kein Mensch erwartet hat – und was sich kein Mensch einfallen lassen konnte“, sagt Primor mit Bedauern.

In den vergangenen Jahrzehnten war er immer wieder in Thüringen, so 2004 als Laudator für Imre Kertesz, der damals die Goethemedaille erhielt. Ungarns rechtsgerichtete Regierung hat jüngst Kerteszs „Roman eines Schicksallosen“ als Schulstoff gekippt. Primor schätzt dies als einen jener „Rückschläge“ ein, die „manche ehemals kommunistischen Länder“ erleiden. Ursächlich könnte sein, dass diese Länder „zu schnell von der Diktatur zur Demokratie umgeschaltet wurden und dazu noch nicht ganz so reif waren“. Es sei dies aber „eine Antwort mit Vorbehalt“, da er die ungarische, polnische oder tschechische Mentalität nicht so gut kenne. „Es gab und gibt Rückschläge“, schätzt er ein. Es gehe in Ungarn um die bedrohte Freiheit der Schriftsteller, aber auch um Antisemitismus. Deutschland dagegen sei schrittweise zur Demokratie geworden. „Die Alliierten haben es zwar einerseits erzwungen, aber die Bevölkerung hat sich die Demokratie dann auch gewünscht und ist reif dafür geworden“, blickt er auf die Nachkriegszeit im Westen zurück. Mit Blick auf die jüngere Generation ist Primor jedoch zuversichtlich, dass dann auch in den ehemaligen Ostblockstaaten der Wunsch nach Demokratie weiter wachse.

Gern erinnert sich Primor an seine Zeit als israelischer Botschafter in der wiedervereinigten Bundesrepublik von 1993 bis 1999. Er sei damals viel in den neuen Ländern unterwegs gewesen. In Israel gab es zuvor den Eindruck, dass es nicht nur staatlich verordneten Hass gegen Israel gab, sondern auch Antisemitismus. „Aber ich habe bei meinen Reisen – wenn überhaupt – eine Ignoranz gegenüber Israel festgestellt. Das heißt: Die Menschen wussten sehr wenig über Israel und wollten viel von mir über Israel und die Juden erfahren“, stellt er fest.

Mit seinem neuen Roman führt Primor die Leser in die Zeiten, als in Palästina Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft – Moslems, Juden und Templer – friedlich zusammenlebten. „Meine Geschichte erzählt von drei Familien im Laufe von etwa 100 Jahren. Der historische Hintergrund ist echt. Die Personen sind fiktiv“, sagt Primor. Er wolle zeigen, „dass es nicht nötig war, zu dem Zustand zu kommen, wie wir ihn heute im Nahen Osten kennen“. In Israel müssen die Leser noch etwas warten: Das Buch werde – weil der Verlag dort nicht so drängte – erst im kommenden Monat gedruckt, sagt Primor.

Avi Primor: Weit war der Himmel über Palästina, Roman, 333 Seiten, Lübbe Verlag

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