Christoph Stölzl erkundet die Metropole Berlin per pedes

Mit Berliner Flanierstücken erfreut der auch in Weimar wohlbekannte Christoph Stölzl seine Leser. Es sind impressionistische Miniaturen aus einer Metropole im Umbruch, der der Verfasser seit Jahren aufs engste als Museumsleiter, Politiker und Journalist verbunden ist, wobei all die unterschiedlichen beruflichen Rollen glücklicherweise genügend Zeit für - so hätte es Fontane genannt - Causerien ließen.

Wanderer durch die Kulturgeschichte: Christoph Stölzl, Präsident der Weimarer Musikhochschule, veröffentlichte Berliner Impressionen. Ob er auch Weimar zu Fuß durchstreift? Foto: Peter Michaelis

Wanderer durch die Kulturgeschichte: Christoph Stölzl, Präsident der Weimarer Musikhochschule, veröffentlichte Berliner Impressionen. Ob er auch Weimar zu Fuß durchstreift? Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Ein Flaneur, ein ja leider in Zeiten allgegenwärtiger Beschleunigung fast schon anachronistisches Modell urbanen Lebens, ist Stölzl allemal, da er sich seinen urbanen Raum tatsächlich per Fuß erläuft.

Dabei sind es vor allem die dispersen Orte, denen der Flaneur seinen Besuch abstattet, vom winterlich friedlichen Wannsee zur alles andere als Frieden verbürgenden Wannsee-Villa, vom weihnachtsmarktlichen Riesenrad zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde, von der Avus ins Café Keese.

Orte und auch Unorte erhalten in diesen Feuilletons ihre besondere Berechtigung. Unbekannte Lebende und berühmte Verstorbene, zum Beispiel Alfred Döblin oder Joseph Roth, treten in einen essayistischen Dialog. In den vielfältigen Begegnungen entsteht ein höchst facettenreiches Bild von Urbanität jenseits kulturtouristischer Hochglanzbroschüren mit den üblichen - stereotypen - Sehenswürdigkeiten.

Helden dieser urbanen Kultur, der Stölzl nachspürt, sind der Obdachlose mit seiner Motz genauso wie die Besucher auf der Grünen Woche, die den Flaneur über den Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn des Menschlichen sinnieren lässt. Angesichts von Zeitgenossen, die "offenbar unstillbar daran interessiert sind, was sie alles noch essen könnten", gelangt der Beobachter zu wahrhaft Feuerbachscher Reflexionsgabe: Der Mensch ist eben, was er isst. Die Metropole eröffnet immer neue Versuchsanordnungen, in de­nen - da ist dem Flaneur zuzustimmen - sich ihr eigentliches Leben eröffnet.

Ganz in der Tradition berühmter Berliner Essayisten dürfen die zwischen 2008 und 2010 für die "Berliner Morgenpost" entstandenen Feuilletons als gelungener Ausdruck des gleichermaßen kritischen wie liebevollen Blicks auf das urbane Umfeld dienen: "So ist Berlin, immer mischt sich Talmi mit Echtem." 2010 enden die Reflexionen, der Autor hat sich erneut einem Rollenwechsel verschrieben: Nun ist er Hochschulpräsident in Weimar, wo es sich allerdings auch gut Flanieren lässt. Warten wir also ab, was kommt.

Christoph Stölzl: Morgens um sechs bei Haubentaucher & Co. Berliner Flanierstücke. Nimbus Verlag, Wädenswil, 200 S., 24 Euro

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.