Der große Karl und die Sachsenkriege

Wie Guido Knopp sich Karl dem Großen näherte, analysiert Professor Detlef Jena in dieser Woche in seinen Marginalien.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

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Foto: zgt

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Unter deutschen Historikern ist der Begriff "Verknoppisierung" der Geschichte umläufig. Spötter wie Akzeptanten und Neider meinen damit die staatspolitisch unglaublich wertvollen TV-Mammutserien, in denen der omnipotente Guido Knopp seinen Ruf als medialer Universalhistoriker mit moralischem Kopfnicken unterstreicht. Der Ruf hat ihn auf die Bretter des Weimarer Nationaltheaters getragen.

Knopp begnügte sich nicht damit, einzelne historische Persönlichkeiten, als "Die Deutschen" deklariert, in einen Irrgarten zu stellen, über dessen Pforte das Plakat prangt "Wer wir sind, woher wir kommen ...". Jetzt wandern bereits "Die Deutschen II" über die Flachbildschirme in die deutschen Stuben. Mehr als fünf Millionen Bürger haben miterlebt, wie Karl der Große weiland im 8. Jahrhundert mit den Sachsen umgesprungen ist: Einfach ein schreckliches Gemetzel auf beiden Seiten mit Tod, Blut und Unterwerfung, anregend in bunten Bildern mannigfaltiger Spielszenen inszeniert, bisweilen gar expressiv, wenn Sachsens Widukind beim Fackelschein unter psychosomatischen Verkrampfungen "Freiheit oder Tod" fordert. Die wahre Freiheit, davon ist Herr Knopp zutiefst überzeugt, lag auf Seiten des fränkischen Königs, weil dieser den rechten Glauben besaß, das christliche Abendland repräsentierte und von der Idee eines vereinigten Europa beherrscht war. Dafür mussten auch die Sachsen Opfer bringen, und der Sturz ihres Irminsul dürfte ja wohl nicht so schwierig gewesen sein, wenn sie dafür einen Beitrag leisteten, damit Karl für alle Zeiten als "der Große" gefeiert werden kann. Bisweilen treibt der Film die verbale und sinnfällige Metaphorik bis zu der verknüpfenden Vermutung, er meine eigentlich die deutsche Einheit nach 1990, den Nato-Einsatz auf dem Balkan oder überhaupt die Europäische Union.

Das wäre staatspolitisch heuer durchaus nicht verwunderlich, besitzt historisch aber einen Haken. Die gesamte Rezeption der Sachsenkriege stand über Jahrhunderte hinweg vor schier unlösbaren Problemen. Um die konkreten Ereignisse rankt sich so manche Unwägbarkeit, denn die überkommenen schriftlichen Erinnerungen stehen im krassen Missverhältnis zu den archäologischen Funden. Und da von alters her selten so viel gelogen wird wie über reale Kriegsverläufe, stehen selbst vage angedeutete moderne politische Wünschbarkeiten, sobald sie sich auf Karls des Großen Sachsenkriege beziehen, auf schwachen Füßen.

Die offizielle kirchliche und der Obrigkeit ergebene Geschichtsschreibung hat immer wieder den missionarischen und Europa einigenden Gedanken gepflegt. Sie beruft sich auf Einhards "Vita Karoli Magni" aus dem 9. Jahrhundert. Karl hat zweifelsohne entscheidende Beiträge für die Formierung des christlichen Abendlands geleistet. Die volkstümlichen Überlieferungen und die mittelalterliche Legendenbildung, z. B. in der Widukindlegende, haben eine andere Sicht verteidigt. Für den fränkischen Geschichtsschreiber Einhard war der Krieg gegen die Sachsen einer der langwierigsten und grausamsten, den die Franken geführt haben. Historischer Heros oder Sachsenschlächter? Guido Knopp versucht die Gretchenfrage blumig zu umgehen, weil er zwar die Sicht der Obrigkeit verteidigen möchte, aber auch das Manko archäologisch fundierter Quellen gegenüber apologetischen parteilichen Schriften nicht ausgleichen sowie die Volksrezeption nicht einfach ignorieren kann.

Es ist eben nicht eindeutig belegbar, ob König Karl zunächst lediglich die Raubzüge der zwischen Nordsee und Harz, bzw. Rhein und Elbe siedelnden Sachsen auf fränkisches Gebiet abwehren wollte oder ob er von Beginn an die Unterwerfung, Christianisierung und Eingliederung in das Fränkische Reich plante. Man weiß nicht einmal, wie die sächsische Irminsul aussah, ob das ein Baum oder eine Holzsäule gewesen ist, ob sie kultischen Zwecken diente oder ein Symbol für die sächsische "Stammesverfassung" war. Sogar das berüchtigte Blutgericht von Verden, bei dem Karl 4500 Sachsen massakriert haben soll, bleibt unter Historikern und Archäologen umstritten. Zwölf Orte wetteifern um die Ehre, der Platz zu sein, an dem Widukind getauft wurde. So viele Fragen, so wenige Antworten - zumindest in dem Film, der "Die Deutschen II" heißt.

Tatsache ist, dass die Sachsenkriege, die ihren Abschluss 805 mit der Ernennung des Missionars Liudger zum ersten Bischof von Münster fanden, für Norddeutschland die größte kriegerische Umwälzung in der vorausgegangenen Geschichte war. Eine gewaltsame Expansion auf dem geschichtlichen Weg der Deutschen zueinander. Das ist Guido Knopps Not.

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