Der Schriftsteller Stefan Zweig und die Welt von Weimar

Der österreichische Schriftsteller besuchte das Goethe- und Schiller-Archiv und traf sich mit Nietzsches Schwester.

Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Stefan Zweig, geboren am 28. November 1881 in Wien, verstorben durch Selbstmord am 23. Februar 1942 in Rio de Janeiro in Brasilien.Foto: Archiv

Der österreichische Schriftsteller und Übersetzer Stefan Zweig, geboren am 28. November 1881 in Wien, verstorben durch Selbstmord am 23. Februar 1942 in Rio de Janeiro in Brasilien.Foto: Archiv

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Es war mehr als eine vage Erinnerung an die "kleine, neugierig-geschwätzige Stadt". Weimars Gegenwart hatte der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881-1942) fest im Blick, als er sich im Londoner Exil 1939 über Goethe äußerte. Den Anlass dafür gab der gerade in Stockholm veröffentlichte Roman "Lotte in Weimar" von Thomas Mann. Nach dessen Lektüre meinte Zweig, hoffentlich bleibe "Goethes Bildnis" den "nächsten Generationen einzig gegenwärtig".

Bekanntlich kam es anders. Goethes Weimar zerstörten die Nationalsozialisten. Mit der Errichtung des Konzentrationslagers Buchenwald und der Ermordung tausender Häftlinge aus mehreren europäischen Ländern wurde Weimar zum Ort der Barbarei. Bis heute wirkt diese traumatische Erfahrung nach. Daraus erwächst unsere Verantwortung gegenüber den Opfern der NS-Diktatur. Erinnern statt Vergessen, das gilt auch für den jüdischen Autor Stefan Zweig.

Er hatte trotz seiner Kritik am "erstarrenden" Alterswerk Goethes, das - wie er meinte - "einen kühl an[wehe]", eine tiefe Verbindung mit der Ilm-Stadt, die er mehrmals besuchte. Obwohl das offizielle Weimar, namentlich der Vorstand der Goethe-Gesellschaft, ihn ignorierte. Der renommierte Insel-Autor wurde in die Klassikerstadt weder zu einer Lesung noch zu einem Vortrag eingeladen. Woher rührte dieses Desinteresse? Gab es Ressentiments ihm gegenüber? Und: Wo lag der Anfang, wo das Ende von Stefan Zweigs Verbindungen mit Weimar?

Bei jenem "letzten Faden", von dem der Erzähler in seinen postum publizierten Erinnerungen "Die Welt von Gestern" (1944) sprach. Ein "Faden", der ihm als aus Österreich vertriebenen Autor im brasilianischen Petropolis geblieben war. Ein "Faden", der ihn im Geiste mit der "olympischen Welt Weimars" durch eine "Kielfeder Goethes" verband. Und der nicht minder Friedrich Nietzsche zugetan war, jenem "verfemten Philosophen", den Zweig als Gymnasiast bereits in Wien gelesen hatte. Dessen revolutionäres Denken und dessen radikale Befunde - Gott ist thot" (!) - brachten die Säulen der Welt von gestern zum Wanken.

Die Verehrung von Nietzsche und Goethe, dem "klarsichtigen Dämon" und "klassischen Olympier", konstituierte Stefan Zweigs Weimarbild, das sich nach 1900 wandelte. Das zeigt sein literarisches und publizistisches Oeuvre. Seine Briefe beschreiben die realen Seiten der kleinen Stadt mit großen Geistern. Zahlreiche Original-Zeugnisse von Stefan Zweig sind in Weimar überliefert. Sie existieren im Goethe- und Schiller-Archiv sowie in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Briefe seiner Hand und bibliophile Ausgaben seiner Werke werden hier sorgsam bewahrt. Erstaunlich: Stefan Zweig und die Welt von Weimar - das ist ein kaum erforschtes literaturgeschichtliches Thema.

Kontakte zu den Kulturbürgern

Obwohl der Insel-Autor ein leidenschaftlicher Sammler von Goethe- und Nietzsche-Manuskripten war, Mitglied der Goethe-Gesellschaft wurde, über den Klassiker weit mehr als eine epische Miniatur der Sternstunden der Menschheit schrieb, Nietzsche keineswegs nur essayistisch wahrnahm, durch die Auseinandersetzung mit den Gedichten von Johannes Schlaf den Zugang zum belgischen Dichter Emile Verhaeren fand und im Hotel Elephant logierte. Mit einem Wort: Zweig hatte Kontakt zu Weimarer Kulturbürgern: u."a. zu Elisabeth Förster-Nietzsche, Julius Wahle, Ernst Hardt, Marie-Louise Schüddekopf, Ernst Ludwig Schellenberg, Alfred Bergmann.

Was Zweigs imaginiertes Weimarbild und seine realen Kontakte zu Kulturbürgern bis heute lebendig macht, sind die Empathie für klassische deutsche Literatur und das Befragen moderner Krisenphilosophie. Und es überrascht nicht, dass Stefan Zweig bei der hiesigen Leserschaft beliebt war. Die Thüringische Landesbibliothek (heute Herzogin Anna Amalia Bibliothek) stellte ihren Leserinnen und Lesern bis 1933 Zweigs Werke zur Verfügung. In hiesigen Buchläden waren seine Bände erhältlich. Hingegen wurde der um Förderung humanitärer Prinzipien in Europa bemühte Autor nach 1918 von maßgebenden Vertretern der Goethe-Pflege vor Ort rundweg übersehen.

Ihn erreichte keine Einladung. Erbetene Stellungnahmen aus Weimar - zu literarisch oder philosophisch relevanten Fragen der Zeit - an ihn blieben aus. Dabei gab es Anlässe, wie die Feier zu Goethes 100. Todestag im März 1932, genug. Die Vielschichtigkeit der Ursachen für das Unerwünschtsein in Weimar hatte Zweig frühzeitig erkannt und diese in einen größeren politischen Zusammenhang gestellt. Im April 1925, unmittelbar nach der Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten, schrieb er an Romain Rolland: "Welches Land, dieses Deutschland! Intelligent, glühend für die Künste, mächtig in den Wissenschaften - und idiotisch in der Politik. Wer von uns hätte sich wohl träumen lassen, dass die Nation den zum Präsidenten wählen würde, der 5 Millionen ihrer Söhne ermordet hat. Und es waren genau die Frauen, die die Propaganda machten - sogar die alte Schwester von ‚Fritz'. Frau Förster-Nietzsche verleugnete ihren Bruder, um einem General Beifall zu klatschen! Armes Europa!"

Bereits zu dieser Zeit hatte Zweig die Geisteshaltung von Nietzsches Schwester als Vorboten für einen kulturellen Bruch wahrgenommen: National-konservative Kultureliten waren in Deutschland längst nicht mehr unpolitisch. Aus dem Beifall zum Bündnis mit Militaristen entstand wenig später der Drang zur Eintracht mit völkischen Extremisten. Zweig wusste als vielseitig informierter Zeitgenosse um das Paktieren von konservativen mit völkisch-nationalsozialistischen Kreisen in Weimar. Nietzsches Schwester hatte hierbei eine Schlüsselrolle inne. Erst machte sie Mussolini und dann Hitler ihre Aufwartung. Das Nietzsche-Archiv öffnete sie der NS-Bewegung. Und mitten in der Stadt wurden Goethe und Schiller ins "Braunhemd" gezwängt.

Dafür sorgte der antisemitische Literaturprofessor Adolf Bartels. Er organisierte am 24. August 1924 den "Deutschen Tag" in Weimar - ein Treffen von völkischen Gruppen und Nationalsozialisten. Ihr Ziel war es, die Klassikerstadt zum "Symbol" deutscher Kultur zu machen. Ein "Deutsches Kulturbekenntnis" wurde verabschiedet. Was dies bedeutete, zeigte sich am Balkon des Deutschen Nationaltheaters: Dort hingen über 20 Hakenkreuzfahnen. Hassreden wurden gegen die "Judenrepublik" vor etwa 8000 Menschen gehalten. Der Mitorganisator dieses finsteren Aufgebots, Bartels, hetzte notorisch gegen jüdische Autoren in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Deutsches Schrifttum" und schmiedete Bündnisse mit Gleichgesinnten. Mit Nietzsches Schwester gründete der Antisemit 1928 in Weimar die nationalsozialistische Organisation "Kampfbund für deutsche Kultur", bei der u."a. auch Hans Wahl, Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs und Goethe-Nationalmuseums, aktiv mitwirkte. Die NS-Ideologie wurde in Weimar gesellschaftsfähig.

Angesichts dieser Veränderungen erhielten Zweigs Worte eine besondere Bedeutung. Denn seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre war mit der zunehmenden Radikalisierung des öffentlichen Lebens in Deutschland auch eine deutliche Verschiebung kultureller Werte festzustellen: Goethes Werk und Wirkung wurde verstärkt von völkischen Ideologen vereinnahmt. Die Gesellschaft bewegte sich von der Mitte hin in das rechtsradikale Milieu. Stefan Zweig sah die Gefahr des Anfangs vom Ende eines demokratischen Deutschlands und Europas. Und die weltbekannte thüringische Kulturstadt wurde zum Testfeld nationalsozialistischen Machtstrebens.

Die Stille in den Gängen an der Ilm

Wann genau kam Stefan Zweig nach Weimar? Zu Goethes Geburtstag besuchte er vom 28. bis 29. August 1911 die Ilmstadt. Er wohnte im Hotel Elephant. Von hier aus sandte er eine Ansichtskarte mit Goethes Wohnhaus an den Mannheimer Theaterintendanten Ferdinand Gregori mit den Worten: "man schauert hier bei jedem Schritt, bei jeder Ecke hat man Angst, ER könne kommen. Wie wundervoll das ist!" Mit "ER" war Goethe gemeint. Und Zweigs Formulierung "bei jeder Ecke" ist angesichts seines ersten ausgiebigen Aufenthaltes in der damaligen Residenzstadt wörtlich zu verstehen. Denn er besuchte das Goethe- und Schiller-Archiv, traf dessen Direktor Julius Wahle, anschließend ging er in das Goethe-Nationalmuseum und durchstreifte den Ilmpark. Man "kanns auch als Sommeraufenthalt nehmen, statt als Reverenzreise, so wundervoll still ists jetzt in den Gängen an der Ilm", schrieb er über den Goethepark an Arthur Schnitzler.

Und er traf sich mit Ernst Ludwig Schellenberg, Sohn des Direktors des Weimarer Sophien­stifts. Er kannte ihn als Übersetzer französischsprachiger Lyrik. 1911 legte der Weimarer Schriftsteller eine Anthologie vor mit Gedichten u."a. von Baudelaire, Rimbaud und Verlaine. Hierin waren auch Werke des Belgiers Emile Verhaeren, einem Freund von Henry van de Velde, erschienen. Schellenberg lobte dabei Zweigs dreibändige Verhaeren-Monographie (1909) als "vorzüglich". Der österreichische Autor revanchierte sich mit einer wohlwollenden Rezension von Schellenbergs Gedichtsammlung in der Wiener Neuen Freien Presse.

An den Weimarer Poeten schrieb er am 9. September 1911 aus Wien: "Ich denke noch immer mit Vergnügen an die schönen zwei Tage in Weimar zurück." Zu Schellenberg stand Zweig bis zum Jahr 1927 im Briefkontakt, auch, um sich mit ihm über Rilkes Lyrik zu verständigen. Dann brach die Verbindung ab. Der Weimarer Schriftsteller ging andere Wege. Er wurde Mitglied des nationalsozialistischen "Bamberger Dichterkreises".

Stefan Zweig schickte wenige Wochen nach seinem Weimar-Besuch erneut einen Brief in die Ilmstadt. Dieses Mal schrieb er aus Wien am 14. Oktober 1911 an die Leiterin des Nietzsche-Archivs. Er habe Autographen gekauft und einen "Nietzsche-Fund" gemacht: einen "Cyclus ungedruckter Gedichte (‚Heimkehr‘, fünf Lieder)", den "Anfang einer Novelle" sowie zwei "Briefe aus den Jahren 1862, 1863". Ob Einwände zur Publikation dieser Handschriften bestünden, so seine Frage an Elisabeth Förster-Nietzsche. Es handelte sich um fünf Jugendgedichte, eine unvollendete Novelle mit dem Titel "Euphorion" und Briefe Friedrich Nietzsches an seinen Schulfreund Raimund Granier aus Schulpforta. Mit ihm besuchte er von 1858 bis 1864 das bei Naumburg gelegene Gymnasium.

Der Brief vom 28. Juli 1862 hatte es in sich. Hierin verwies Nietzsche auf das "Monstrummanuscript" der "widerwärtigen Novelle". Im Anfangskapitel dieses literarischen Textes wurden Zustände eines depressiv gestimmten Pennälers samt seiner sexuellen Phantasien geschildert. "In meiner Stube ist es todtenstill - [...] vor mir ein Tintenfaß, um mein schwarzes Herz drin zu ersäufen, eine Schere um mich an das Halsabschneiden zu gewöhnen [...]. Mir gegenüber wohnt eine Nonne, die ich mitunter besuche um mich an ihrer Sittsamkeit zu erfreuen. Sie ist mir sehr genau bekannt, von Kopf bis zur Zehe, [...] ich war Arzt und machte daß sie bald dick wurde."

Aus diesen Phantasien sprach jene Einsamkeit, die Stefan Zweig in seinem "Nietzsche-Essay" (1925) als Tragödie des "großen Mahners" sah: die "antwortlose Einsamkeit, die sein Denken wie eine undurchlässige Glasglocke" um und über sich trage. Es verstand sich von selbst, dass Elisabeth Förster-Nietzsche um Kopien der Briefe bat, wenngleich sie anmerkte, dass die Jugendkorrespondenz bereits im Berliner Tageblatt veröffentlicht worden sei. Hierüber war Zweig wenig erfreut. Er merkte in einem weiteren Brief vom 18. Oktober 1911 an, dass Frau Granier dem "Händler gegenüber [...] nicht ganz correct gehandelt" habe und fragte, ob die Leiterin des Nietzsche-Archivs die Briefe erwerben wolle. Sie ließ einen Granier-Brief später tatsächlich ankaufen. Die Gedichte und das Novellenfragment sollten allerdings in Zweigs Besitz bleiben.

Im Sommer 1913 fuhr der österreichische Autor erneut nach Weimar. Es zog ihn wiederum ins Goethe- und Schiller-Archiv. Mit "gutem Gedenken der Stunden im Archiv" bewahrte Zweig diesen Aufenthalt, so notierte er im November 1913 in Palermo, in "Goethes Lieblingsland und eigentlich fern von allen deutschen Dingen". Zweig interessierten die Handschriftenbestände im Goethe- und Schiller-Archiv. Dabei war er erneut Julius Wahle begegnet. Beide verstanden sich gut. Sie stammten aus Wien, gehörten dem jüdischen Glauben an und kannten Jakob Minor (1855-1912), Germanist und Vize-Präsident der Weimarer Goethe-Gesellschaft. Als aus Minors Nachlass ein Goethe-Autograph zum Verkauf angeboten wurde, verzichtete Zweig auf den Erwerb des "Stück[s]" zugunsten des Weimarer Instituts. Bis 1928 hatte Zweig Kontakt zu Wahle. Im gleichen Jahr wurde der Germanist in den Ruhestand versetzt und zog nach Dresden, wo er 1940 mit 79 Jahren starb.

Goethe-Euphorie mit Kritik gepaart

Zweigs Empathie für Goethes Literatur ist keineswegs mit dem seiner Zeit verbreiteten Geniekult zu verwechseln. Denn seine Begeisterung für Goethe war mit Kritik gepaart. Erkennbar beispielsweise an der Auswahl von Goethe-Gedichten im Jahr 1927 für den Reclam-Verlag, die er mit den Worten kommentierte: "Noch immer ist Goethe kein starrer Begriff, keine literaturgeschichtlich mumifizierte Gestalt geworden." Zweig ging es weder um Historisierung noch Trivialisierung der Werke des Dichters. Noch weniger lag ihm an einer Verspottung der im Dienste der Goethe-Philologie stehenden Germanisten wie Wahle.

Dies tat vielmehr der österreichische Literaturkritiker Hermann Bahr. Mit ihm war Zweig befreundet und pflegte von 1904 bis 1934 einen regen geistigen Austausch. Bahr hatte den Philologenstand in Weimar aufs Korn genommen. Man dürfe sagen, so schrieb er am 23. Dezember 1913 an Zweig, die Welt sei schön, "der Frühling blühend, der Winter weiß und Goethe groß, ohne die zitieren zu müssen, die es schon vorher gesagt haben". Noch schärfer formulierte Bahr zehn Jahre später: "Diese jungen Germanisten saßen im Archiv zu Weimar über Goethes Schriften, Frühling kam und ging, es war wieder Herbst, Nietzsche sank in Geistesnacht, der alte Kaiser starb, ihm folgte der Sohn [...] Krieg brach aus, aber jene saßen immer noch [...] dort im Archiv zu Weimar"..."

Anders Zweig: Mit dem Ende des 1. Weltkrieges erhob er Goethe zum Programm, der humanen Botschaften wegen. Zu seinem Verleger Anton Kippenberg meinte er am 19. Oktober 1918, es sei "an der Zeit zu einem neuen Idealismus" zu kommen; es gelte "immer ER! - Goethe!" Der Ankündigung ließ Zweig Taten folgen. In den 1920er Jahren schrieb er Aufsätze, hielt Vorträge und publizierte in Zeitungen und Zeitschriften zu Goethe. So erschien 1921 sein Aufsatz Heimkehr zu Goethe in S. Fischers Zeitschrift "Die neue Rundschau". 1923 wurde sein Essay "Der richtige Goethe" im Berliner Börsen Courier abgedruckt, in dem Zweig die Vorzüge der Sophienausgabe und Großherzog Wilhelm Ernst-Bände benannte. Im selben Jahr erschien aus Anlass der hundertjährigen Wiederkehr von Goethes "Marienbader Elegien" jene literarische Miniatur Zweigs, die zum Erfolg der Novellen-Sammlung "Sternstunden der Menschheit" maßgeblich beitrug. Allein dieser Goethe-Text erfuhr mehrere Auflagen und gehört bis heute zu den beliebtesten Erzählungen, die den Nachruhm des Weimarer Klassikers mit bestimmen.

Indes hatte seine Frau Friderike im Oktober 1922 für einige Tage Weimar besucht. Sie war beeindruckt von den Klassikerstätten und freute sich, dass die Bücher ihres Mannes in den Buchläden gut präsentiert auslagen. Ihre Berichte aus der Dichterstadt dürften auf dem Salzburger Kapuzinerberg mit Freude vom Hausherrn aufgenommen worden sein. Schließlich hatte Zweigs Verbundenheit mit klassischer deutscher Literatur und Weimar einen praktischen Ausdruck erfahren, in dem er Mitglied der Goethe-Gesellschaft wurde. Sein Klassikerverständnis weckte Interesse. Zu Vorträgen über Goethe wurde er im Dezember 1926 nach Essen und im November 1927 nach München eingeladen.

Im Jahr 1925 kündigte sich mit Stefan Zweigs Band "Der Kampf mit dem Dämon", zweiter Teil der biographischen Reihe "Baumeister der Welt", eine Akzentuierung seiner Goethe-Rezeption an. Dies zeigt sich ausgerechnet im "Nietzsche-Essay". Goethe wird hier zwar als großer Geist der Klassik dargestellt. Nur sind dabei deutlich kritische Töne hörbar. Etwa der, dass Goethe zur Lebensmitte "bereits zu stark in sich selbst kristallisiert" gewesen sei, mit anderen Worten: Der Geheimrat sei zu sehr von sich eingenommen. Oder, dass Goethe "wie jede schon halb erstarrte Form die Fähigkeit für Eindrücke" nur partiell hatte. Dem gegenüber sei Nietzsche als "dämonischer" Philosoph vital und klar sehend gewesen.

Diese zugespitzte Gegenüberstellung unterstreicht, dass Zweig immer stärker den Aspekt der Wahrhaftigkeit in den Blick nahm. Geschuldet war dies den Gesprächen mit dem Psychoanalytiker Sigmund Freud und der Beschäftigung mit dessen Theorie des Unbewussten. Aber zugleich hielt Nietzsches Philosophie vor dem Hintergrund der krisenhaften 1920er Jahre probate Sinn-Angebote parat. Von diesen wurde Zweig insoweit inspiriert, dass sie Eingang in den 1925 publizierten "Nietzsche-Essay" fanden.

Überraschenderweise war Elisabeth Förster-Nietzsche von Zweigs biographischer Skizze angetan. Davon erfuhr der österreichische Autor bei seinem Besuch im Nietzsche-Archiv. Er war gemeinsam mit dem Literaturnobelpreisträger Romain Rolland am 10. Juni 1925 in die Villa Silberblick gekommen. Die "uralte" Dame habe sein Buch mit Rührung und Dankbarkeit, ganz entgegen seiner Erwartung, aufgenommen. Zu dem Empfang seien, so schrieb er an seine Frau Friderike, "eilig noch ein paar Leute der Haute Société verständigt" worden; diese seien "wirklich ein paar Damen von einer vorweltlichen Courtoisie und Noblesse". Sein Hinweis "eilig" ist erklärungsbedürftig. Zweig hatte erst in den Mittagsstunden des 9. Juni 1925 den Brief an die Leiterin des Nietzsche-Archivs im Hotel Elephant aufgesetzt, in dem er seinen Aufenthalt in Weimar anzeigte und darum bat, gemeinsam mit Rolland "nach 5 Uhr" zu ihr zu kommen.

Begegnung mit Förster-Nietzsche

Das Gespräch bei Tee und Keks mit der fast achtzigjährigen Nachlassverwalterin war vermutlich von jener Aura getragen, die Stefan Zweig im Vorfeld in die Worte fasste: Hier, "wo der grösste Geist unserer Tage gestorben ist und seine Werke bewahrt sind". Elisabeth Förster-Nietzsche protokollierte die Namen dieses Besuchs im Archiv-Tagebuch mit schwarzer Tinte. Die Namen der Gäste waren rot unterstrichen, auf einen Kommentar verzichtete sie.

Beim Besuch der kosmopolitischen Schriftsteller wurde offenbar weder über das Ausmaß der Fälschungen der Philosophen-Schwester bei der aus dem Nachlass herausgegeben Ausgabe "Der Wille zur Macht" noch über ihre pronationalsozialistische Haltung gesprochen. Von da her gesehen erwies sich die Begegnung von Zweig und Rolland mit Förster-Nietzsche im exklusiven Jugendstil-Ambiente van de Veldes als eine Art diplomatischer Drahtseilakt, bei dem bestehende politische und kulturelle Gegensätze verschwiegen wurden.

Von welcher Tragweite die Auffassungen Förster-Nietzsches waren, wurde wenig später öffentlich klar: Im Januar 1932 traf sie Hitler im Weimarer Nationaltheater, im November 1933 überreichte sie dem "Führer" u."a. eine gedruckte Fassung der antisemitischen Schrift ihres Mannes. In diesem Pamphlet waren "bereits alle die Forderungen nationaler Kreise in der Judenfrage" enthalten, die "in neuerer Zeit vom Nationalsozialismus erhoben und zum großen Teil verwirklicht" wurden. Wen wunderte es, dass die 1934 neben dem Archiv erbaute Nietzsche-Gedenkhalle mit einer Steintafel bestückt war, die Hitler huldigte.

Es war demnach kein Zufall, dass der Briefkontakt zwischen Stefan Zweig und Elisabeth Förster-Nietzsche 1926 endete. Zu unterschiedlich waren ihre kultur-politischen Positionen. Miteinander unvereinbar blieb ihr Verständnis von Nietzsches Werk. Und in Weimar fand der "braune Ungeist" zunehmend Anhänger. Dennoch: Zweig wusste, wo Weimars Zukunft liegen sollte. Anlässlich des Goethe-Geburtstages 1916 äußerte er sich bereits dazu. In einer Rezension der zweibändigen Insel-Ausgabe "Goethes Gedichte" für die Wiener Neue Freie Presse betonte Zweig: "die Tat in Weimar gilt im letzten der Erneuerung". Dieser Hinweis bleibt aktuell. Doch zeigt sich zugleich: Die Spurensuche nach Stefan Zweigs literarischen Verbindungen mit der Ilm-Stadt hat erst begonnen.

Der Essay ist die gekürzte Fassung eines jüngst erschienenen Stefan-Zweig-Aufsatzes in der Zeitschrift "Weimar-Jena" (Heft 6/2, 2013). Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Vopelius Jena

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