Ein Chronist des alten Prag

Steffen Höhne
| Lesedauer: 2 Minuten

Foto: zgt

Im Literaturhaus Weimar wird das Johannes-Urzidil-Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider vorgestellt. Der deutsch-böhmische Autor war lange auf dem Buchmarkt nicht mehr präsent.

Weimar. Johannes Urzidil, Freund Franz Kafkas, der - so Max Brod - "Troubadour jenes für immer versunkenen Prag", war lange auf dem Buchmarkt nicht mehr existent. Dabei liegt von ihm, dem jüngsten Mitglied des Prager Kreises, ein umfangreiches literarisches und essayistisches Werk vor, das einen faszinierenden Blick auf die untergegangene mitteleuropäische Welt erlaubt.


Es ist also höchst begrüßenswert, dass Klaus Johann und Vera Schneider eine repräsentative Auswahl aus Johannes Urzidils Werk in Form eines Lesebuches versammelt haben, das dem Interessenten einen vorzüglichen Einblick in das Schaffen dieses Prager Autors ermöglicht. Der 1896 geborene Urzidil, der sich gerne als "hinternational" charakterisierte, also als jemand, der hinter den zunehmend verfeindeten Nationen in Prag und in den Böhmischen Ländern stand, hat sich immer jenseits von nationalistischen Haltungen positioniert.


Erinnerung an einen fast Vergessenen


Als überzeugter Mitteleuropäer war Urzidil bestrebt, Brücken zwischen scheinbaren und tatsächlichen Gegensätzen zu schlagen und publizistisch und literarisch ausgleichend zu wirken. Es erscheint als mehr als überfällig, diesen fast vergessenen böhmischen Autor wieder in Erinnerung zu rufen, dessen Todestag am 2. November dieses Jahres sich zum vierzigsten Mal jährte. Neben einigen der wichtigsten Erzählungen versammelt das Lesebuch auch Urzidils vielfältiges autobiographisches, essayistisches, lyrisches und kunst- und literaturwissenschaftliches Werk. Weder der Goethe-Forscher Urzidil mit der bis heute aktuellen Monographie "Goethe in Böhmen" noch der sich immer wieder mit dem deutsch-tschechischen Verhältnis befassende Essayist wurde vergessen, sowohl der mitteleuropäische als auch der US-amerikanische Urzidil findet im Lesebuch Platz. Ergänzt werden die Texte Urzidils um Aussagen von Weggefährten sowie kommentierende Texte zu Person und Werk.


Der Leser erhält somit einen umfassenden Einblick in einen an unterschiedlichen Erfahrungen nicht armen Lebensweg zwischen Böhmen und Amerika, zwischen Prag und New York, wohin es den Exilanten Johannes Urzidil verschlug, dem die Flucht aus der besetzten Tschechoslowakei erst 1939 gelang. Abgerundet wird das Lesebuch um Originalaufnahmen Urzidils, die Ingo Kottkamp auf der beigefügten CD versammelt hat. Diese seltenen Tondokumente von und über Urzidil bieten ein grandioses "Pragerdeutsches" Hörerlebnis.


Johannes Urzidil: HinterNational. Ein Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider. Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam, 369 S. mit CD, 14.80 Euro.


Die Herausgeber präsentieren das Johannes-Urzidil-Lesebuch in der Reihe "Literaturhaus Weimar" am heutigen Mittwoch, 19 Uhr, in der Eckermann-Buchhandlung Weimar