Eine Stele für den stillen Rebellen Jürgen Fuchs

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller kam nach Thüringen, um ihres verstorbenen Freundes und Mitstreiters Jürgen Fuchs zu gedenken, und gab im Landtag eine Lehrstunde über kritisches Schreiben in der Diktatur.

Eine Erinnerungs-Stele für den Schriftsteller und DDR-Oppositionellen Jürgen Fuchs (1950-1999) wurde gestern im Thüringer Landtag enthüllt. Foto: Peter Michaelis 

Foto: Peter Michaelis

Eine Erinnerungs-Stele für den Schriftsteller und DDR-Oppositionellen Jürgen Fuchs (1950-1999) wurde gestern im Thüringer Landtag enthüllt. Foto: Peter Michaelis Foto: Peter Michaelis

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Erfurt. "Für mich ist das heute in erster Linie sein Todestag, also ein Trauertag, und das tut natürlich weh." Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller war sehr bewegt, als gestern im Thüringer Landtag ein Denkmal enthüllt wurde, das von nun an öffentlich an ihren Freund und Mitstreiter, den 1999 im Alter von 48 Jahren verstorbenen Schriftsteller und DDR-Oppositionellen Jürgen Fuchs erinnert. Bei der Zeremonie waren die Mutter, die Schwester und weitere Verwandte des posthum Geehrten, sowie einige Weggefährten zugegen. "Ich hätte mir viel lieber gewünscht, heute mit ihm hier zu sein, statt Stelen oder Straßen mit seinem Namen einzuweihen", erklärte die rumänien-deutsche Schriftstellerin. "Denn das einzig Wichtige ist der Mensch."

Jürgen Fuchs habe die genauesten Bücher über den gesellschaftlichen Zustand der DDR-Diktatur geschrieben, so ihr Statement weiter. Zuvor hatte Landtagspräsidentin Birgit Diezel verkündet, dass man nicht nur dem Autor Fuchs, sondern auch "der Macht des freien Wortes ein Denkmal" setze. Nachdem 2002 schon die Straße am Thüringer Parlament in Jürgen-Fuchs-Straße umbenannt worden war, informiert seit gestern im Foyer eine multimediale Erinnerungsstele über Leben und Werk des mutigen Schriftstellers und Bürgerechtlers, der in den 70er Jahren an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Psychologie studiert hatte und aus politischen Gründen exmatrikuliert worden war. Wegen seines Protestes gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wurde er 1976 verhaftet und nach neun Monaten Gefängnis nach Westberlin abgeschoben.

"Jürgen Fuchs - Stiller Rebell" steht auf der Startseite, die vor einigen Jahren Schüler des bayerischen Franz-Miltenberger-Gymnasiums in Bad Brückenau angelegt hatten und die jetzt in Thüringen aufgegriffen wurde. Vertreter der inzwischen erwachsenen Urheber waren gestern bei der Einweihung zugegen.

Das war zugleich eine Premiere: Erstmals in seiner noch jungen Geschichte trat eine Literatur-Nobelpreisträgerin im Erfurter Landtag auf. Herta Müller stellte ihre Stimme ganz in den Dienst ihres toten Freundes und gab eine Lehrstunde über kritisches Schreiben in der Diktatur. Im Gespräch mit dem Stadtrodaer Fuchs-Biografen Udo Scheer nannte sie den Geehrten "eine poetisch dichte und sehr authentische Stimme".

"Jürgen Fuchs hat nicht resigniert und damit auch unsere Würde verteidigt. Es ging ihm darum, die Hoheit über die eigene Sprache, das eigene Leben zurück zu erlangen", erinnerte der SPD-Abgeordnete Hans-Jürgen Döring, der ein enger Freund des Schriftstellers war und auf dessen Initiative die Erinnerungsstele zurückgeht. Kennengelernt hatten sich die beiden beim 2. Poetenseminar der FDJ. Damals hatten sie sich geweigert, Auftragswerke für die Weltfestspiele in Ostberlin zu erfassen. Döring zitierte einen Text aus den "Vernehmungsprotokollen" von Jürgen Fuchs und erinnerte an dessen Leitmotiv, das in dem Wolfgang Borchert-Zitat "Wir werden nie mehr antreten auf einen Pfiff hin" seinen Ausdruck fand.

Wahrheit sagen, sich einmischen

Dazu passte hervorragend, dass Herta Müller im gut gefüllten Plenarsaal ihren Essay "Der Blick der kleinen Bahnstationen" las, der anhand eines Textes über die Einberufung zu den DDR-Grenztruppen ein Jahr nach der Niederschlagung des Prager Frühlings präzise und anschaulich die Sprache beschreibt, mit der Jürgen Fuchs kritisch die Wirklichkeit erfasste: "So entsteht dokumentarische Poesie. Das Thema hat ihn gewählt, und nicht umgekehrt."

"Ich bin Herta Müller sehr, sehr dankbar, dass sie gerade in der Würdigung des literarischen Werkes wesentliche Impulse gesetzt hat", sagte Döring. "Was wir dabei noch viel stärker ins öffentliche Bewusstsein tragen müssen: Jürgen Fuchs hat eine eigene Sprache, eine eigene Poetik entwickelt. Einen Schatz, den wir noch lange nicht geborgen haben." Döring plädiert dafür, ausgewählte Texte des Dichters noch stärker für die Schule heranzuziehen. Was man von ihm lernen könne: "Wahrheit herstellen. Mitteilen, was wirklich geschieht. Sich einmischen, damit Humanismus sich behauptet."

Während der von Udo Scheer sachkundig moderierten Lesung aus Herta Müllers Roman "Atemschaukel" über die Gulag-Erfahrungen des tragisch verstrickten Oskar Pastior kam auch das literarisch Verbindende zu Jürgen Fuchs zur Sprache. Müller war 2009 von der Nobelpreis-Jury bescheinigt worden, dass sie "mittels Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit" gezeichnet habe. Fuchs, so Scheer, habe "die Landschaften der Lüge" dokumentiert. - "Das ist auch Heimatlosigkeit, wenn einem nach dem Leben getrachtet wird", reagierte Herta Müller spontan. "Die schlimmste Fremde ist eine Heimat, die einen nicht leben lässt."

Zeitgleich wurde gestern in Berlin-Zehlendorf ein Platz nach Jürgen Fuchs benannt. Das schönste Denkmal aber hat sich der stille Rebell selber gesetzt - mit seinem literarischen Werk.

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