Franz Liszt: De la Fondation-Goethe à Weimar

In seiner jüngsten Marginalie zur Geschichte widmet sich TLZ-Kolumnist Prof. Dr. Detlef Jena den eleganten und klugen Bemühungen Franz Liszt, eine Goethe-Stiftung zu gründen.

Ausgewählte Marginalien zur Zeitgeschichte von Detlef Jena sind bereits zwischen zwei Buchdeckeln erschienen.

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Foto: zgt

Auf dem Weimarer Frauenplan begegneten sich vor Tagen geladene und viele wissbegierige Gäste beim Schoppen zu Ehren Goethes. Kaum hatte der letzte quasi Prominente die vom Reporterblitzlichtgewitter erhellte Szene verlassen, wich das Volksfest der klassischen Tradition und Moderne. Nike Wagner präsentiert: "pèlerinages" - im Geiste des genialen Franz Liszt.

1849 feierte Weimar den 100. Geburtstag Goethes. Es gab ein Volksfest mit Konzerten, llluminationen, Tanzveranstaltungen, Märkten, Schießwettbewerben, Gottesdiensten, Feuerwerken, literarischen und poetischen Lesungen, Theateraufführungen. Nur die wirklich Prominenten, die Mitglieder der Herrscherfamilie, blieben dem Fest weitgehend fern. Nach dem 100. Geburtstag Goethes schrieb Liszt im September 1849: "De la Fondation Goethe à Weimar". Er formulierte den Vorschlag zur Gründung einer Goethe-Stiftung in Weimar.

Bereits 1834, zwei Jahre nach Goethes Ableben, hatte der Publizist und Diplomat Varnhagen von Ense den Vorschlag zur Gründung einer Goethe-Stiftung unterbreitet. Die Begründung lieferte ihm allerdings weniger der Genius des Verblichenen, sondern vielmehr der Zeitgeist der Restaurationsperiode: Goethe als Symbol von Ordnung, Beständigkeit und Disziplin wider den liberalen Aufruhr einer nationaldemokratisch irrlichternden Intelligenz. Das Projekt fand Aufmerksamkeit, konnte aber nicht verwirklicht werden. Weimars Herrschern mangelte es nicht an konservativem Wohlwollen. Aber der Großherzog und seine Regierung sahen ein unüberwindliches Hindernis. Das Haus am Frauenplan und der darin liegende Nachlass des Meisters waren über den Nachlassverwalter Friedrich von Müller und die erbberechtigten Enkel Goethes fest verschlossen worden und niemandem zugänglich - außer den "allerhöchsten Herrschaften".

Ausgehend von Varnhagens Idee, schaltete sich der Deutsche Bund ein, und der preußische König legte sich persönlich ins Mittel. Bis zu 80"000 Taler bot man Goethes Enkeln für ihren Schatz. Obwohl die drei Enkel wahrlich nicht im Wohlstand lebten, blieben sie standhaft. Weimars Herrscherhaus sah sich außerstande, ohne den direkten Zugriff auf Goethes Erbe sowie ohne die Nutzung dieses Reichtums in Weimar, den Plan einer nationalen Goethe-Stiftung zu fördern. Man sah es positiv: Der verborgene Schatz gebar den prächtigen, den einträglichen und rätselhaften Mythos und die ewig währende Heldenlegende Goethe!

Mit der Revolution von 1848/49 wurde die Frage nach einer Goethe-Stiftung wieder aktuell. In einem Aufruf vom 5. Juli 1849 schlugen Gelehrte und Publizisten wie Alexander von Humboldt, Peter Cornelius, Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling sowie erneut Varnhagen von Ense vor, eine allgemeine Feier zum 100. Goethe-Geburtstag in Deutschland zu veranstalten und den Gedanken einer Goethe-Stiftung zu beleben. Abermals wurde der Aufruf ideologisch begründet.

Franz Liszt bezog sich zwar auf den Aufruf, aber er verzichtete in seinem Papier auf jegliche ideologische Argumentation. Ganz pragmatisch skizzierte er die Ziele, die Strukturen und die Finanzierung der Stiftung. Im Wesen ging es um die jährliche Ausschreibung von Konkursen in der Literatur, Malerei, Bildhauerei und Musik sowie um die Prämierung der Preisträger. Liszt entwarf straffe und unmissverständliche Organisationsprinzipien.

Im Hinblick auf die Vorgeschichte seit 1834 ist interessant, dass Liszt mit keinem einzigen Wort eine Verbindung zum Weimarer Goethe-Erbe herstellte, dafür aber das regierende Fürstenhaus in personeller, finanzieller und lokaler Hinsicht in der Verantwortung für die Stiftung an die erste Stelle setzte. Die Zusammensetzung der leitenden Gremien konnte dem nationalen Charakter der Stiftung gerecht werden. Aber an eine Mitwirkung der Goethe-Erben dachte Liszt nicht.

Stattdessen erwies er sich als Visionär: Ein spezieller Wettbewerb sollt das repräsentative Stiftungsgebäude erschaffen - ein geistiger Vorgriff auf das spätere Bauhaus? Liszt blieb bescheiden: Wenn der Großherzog schon die Wartburg sanierte, sollte deren großer Saal der Stiftung zur Verfügung gestellt werden. Vom Goethehaus am Frauenplan kein Wort. Liszt war ein vor die Zeit gesetzter "global player". Die Legitimation Weimars als Ort der Stiftung schöpfte er nicht aus dem Goethe-Erbe, sondern aus dem Kunstsinn der Regentenfamilie. Das musste schief gehen. Erst nachdem der letzte Goethe-Enkel 1883 den Nachlass an die Großherzogin Sophie vererbt hatte und diese Tatsache 1885 bekannt wurde, entstand in Weimar auch die Goethe-Gesellschaft.

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